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Biophilic Design:Wasserrauschen im Büro

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Von Pflanzen umrahmt: Mehr Natur im Büro fördert die Kreativität.

(Foto: imago/Westend61)

Wer Kontakt zur Natur hat, fühlt sich wohler und ist kreativer. Immer mehr Unternehmen haben das erkannt: Sie holen sich Geräusche und Farben in ihre Räume. Das soll vor allem die Atmosphäre in Großraumbüros verbessern.

Von Gabriela Beck

Birkenstämme als Raumteiler, Moos an der Treppe, ein Wald aus grauem Filz an der Wand, Leuchten in Form von Vögeln und immer wieder Pflanzen - im Learning+Innovation Center des global agierenden Büromöbelherstellers Steelcase in München werden Bürokonzepte erprobt. Und die beinhalten neuerdings gezielt Elemente aus der Natur in ihrer Gestaltung. Denn wer mit Blick ins Grüne oder aufs Meer, umgeben von Holz, Stein und anderen natürlichen Materialien arbeiten darf, ist nachweislich glücklicher, kreativer und geistig leistungsfähiger als Kollegen, die ihren Arbeitsalltag in einer Umgebung ohne Bezug zur Natur fristen.

Schuld sind unsere Gene, wie diverse Studien belegen: Im Laufe unserer Evolution haben wir 99,9 Prozent unserer Zeit in der Natur verbracht. Physiologisch betrachtet sind wir immer noch in der Steinzeit verhaftet. Wir reagieren auf Umwelteinflüsse, manchmal unbewusst. So regt Tageslicht die Zellen im Auge an, während künstliches Licht unseren Wach-Schlaf-Rhythmus durcheinanderbringen kann. Wir bevorzugen Blau- und Grüntöne, weil sie uns an ein gesundes Ökosystem erinnern. Und wir fühlen uns in einer savannenähnlichen Umgebung wohl, in der sich Grasland mit Buschwerk - also offene Bereiche mit geschützten Zonen - abwechseln. Übersetzt in den Büroalltag bedeutet das: Von einem sicheren Rückzugsort aus können wir potenzielle Bedrohungen wie den Chef gut erkennen, wenn er durch das Großraumbüro tigert.

Biophilic Design nennen sich Gestaltungsrichtlinien, die unsere angeborene Verbundenheit mit der Natur und ihren Prozessen fördern. Unternehmen können sie zu ihrem Vorteil nutzen.

Von einem sicheren Rückzugsort aus kann man Bedrohungen gut erkennen. Den Chef zum Beispiel

Im Jahr 2025 werden zwei Drittel der Beschäftigten der Generation Millennials angehören, die es gewohnt ist, mit ihren Laptops flexibel an den unterschiedlichsten Orten zu arbeiten und die sich mit einem statischen Arbeitsplatz schwertut. "Der Trend zu offenen Bürolandschaften wird anhalten", prognostiziert Arbeitspsychologin Carmen Binnewies von der Wilhelms-Universität Münster. Wer als Arbeitgeber attraktiv bleiben möchte, sollte sich deshalb Gedanken machen, wie diese Bürolandschaften künftig aussehen könnten.

Steelcase betrachtet seinen Münchner Standort als "Living Lab", einen Showroom für Büroeinrichtungen gibt es nicht. "Wir wollen im Alltag zeigen, was möglich ist", sagt Design-Managerin Noga Lasser. Niemand hat hier mehr einen eigenen Arbeitsplatz. Stattdessen gibt es eine Fülle verschiedener Optionen: Lounge-Ecken für das informelle Meeting, abgeschirmte Arbeitsinseln, Sessel mit Klapptisch, Bistro-Tischchen und Sofas, Besprechungsräume und Einzelplätze in Glaskuben. Es gibt sogar eine Telefonzelle mit gutem Schallschutz. "Jedes Setting hat sein eigenes Moodboard, also eine Charakteristik anhand der verwendeten Materialien, Texturen und Farben, wobei wir uns an der Natur orientieren", sagt Lasser.

Jedes der fünf Stockwerke ist ähnlich, aber doch ein klein wenig anders eingerichtet. "Wir empfinden eine Umgebung als 'natürlich', wenn sie ein gewisses Maß an vorhersehbarer Ordnung aufweist und zugleich auch eine zufällige Komponente hat", sagt die Designerin. "Dort fühlen wir uns sicher, haben aber gleichzeitig genug Abwechslung, sodass sich unser Gehirn nicht langweilt." Den gleichen Effekt erzielt man auch mit fraktalen Mustern, zum Beispiel auf Tapeten, bei denen das Ganze seinen Bestandteilen ähnelt. Bäume sind so aufgebaut, aber auch Brokkoli oder Galaxienhaufen.

Laut Lisa-Marie Wadle vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik, Gruppe Psychoakustik und kognitive Ergonomie, kann man dieses Prinzip auch auf unseren Hörsinn übertragen. Es ist der Grund, weshalb wir das Geräusch eines Wasserfalls als angenehm und entspannend wahrnehmen. Weißes Rauschen mit seiner gleichmäßigen Mischung aller hörbaren Tonfrequenzen, das früher nach Sendeschluss aus dem Fernseher kam, wirkt dagegen unnatürlich.

Es geht nicht um das tolle Sofa.Sondern darum, dass sich die Führungsspitze Gedanken macht

Das Hauptproblem im Großraumbüro sieht die Wissenschaftlerin in der Sprachverständlichkeit. "Von Sprache lassen wir uns am schnellsten ablenken, da unser Gehirn sofort versucht, die Gesprächsfetzen zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen." Wer gerade an einem Text schreibe, fühle sich deshalb gestört vom Kollegen, der laut telefoniert. Kopfhörer seien da auf Dauer auch keine Lösung, schließlich sollen im modernen Open Office die Kommunikation und Synergien der Mitarbeiter untereinander gefördert werden. Abhilfe bietet sogenanntes Soundmasking, bei dem Stimmen durch ein möglichst breitbandiges Geräusch überlagert werden. "Selbst das Gebläse der Lüftung kann hier positiv wirken", sagt Wadle.

Ein subtileres System setzt die Firma Poly mit 'Habitat Soundscaping' ein. Mehrere Sensoren an der Decke erfassen permanent den Schallpegel im Büro - sie sind zum Schutz der Privatsphäre technisch so ausgelegt, dass keine Stimmaufzeichnungen möglich sind. Eine Software errechnet ein dreidimensionales Bild der akustischen Verhältnisse. Über Deckenlautsprecher wird ein Soundteppich aus Wasserrauschen über den Raum gelegt, der sich individuell anpassen lässt. Findet zum Beispiel ein Meeting statt, kann ein akustischer Vorhang gezogen werden: Innerhalb der Gruppe bleibt die Sprachverständlichkeit erhalten, aber schon wenige Meter daneben lässt sich kein Wort des Gesprächs mehr identifizieren. Setzt sich die Gruppe in Bewegung, wandert der akustisch maskierte Bereich über einen Wechsel der aktiven Lautsprecher mit. Und damit das Gehirn eine kognitive Verknüpfung herstellen kann, wird dem Rauschen des Wassers noch ein Bild hinzugefügt - in Form von Displays oder echtem, hinter Glas laufendem Wasser.

In Zusammenarbeit mit dem renommierten Organisationspsychologen Cary Cooper hat der Bodenbelagshersteller Interface mehrere Studien zum Thema biophilic Design erarbeitet. Im neuesten 'Human Spaces Report' wurden insbesondere kulturelle Unterschiede untersucht. "Zwar werden die Gestaltungsprinzipien intuitiv wahrgenommen", sagt Tanja Künstler, Concept Designerin bei Interface Deutschland, "aber nicht überall auf der Welt reagieren die Menschen gleich." So assoziieren die Deutschen Natur in erster Linie mit der Farbe Grün, die Skandinavier dagegen mit Blau. "Die Nordeuropäer denken beim Begriff Natur natürlich zuerst an Wasser, sie sind ja von allen Seiten von Meer umgeben", erklärt Künstler. Auch die Umwelt spielt hier eine Rolle. So wird ein Bild von einem Baum im Nebel in Peking eher mit Luftverschmutzung gleichgesetzt als mit intakter Natur.

Wie gut die verschiedenen Arbeitsplatz-Settings am Firmenstandort in München ankommen, untersucht Steelcase per 'Workplace Advisor Studie. Dabei werden Wärmesensoren über einen gewissen Zeitraum im Raum so positioniert, dass das Nutzungsverhalten abgelesen werden kann. Man weiß letztlich, wie oft ein Arbeitsplatz aufgesucht wurde, aber nicht von wem. Das hilft Firmen, den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter gerecht zu werden und das Arbeitsplatzangebot deren Arbeitsstil anzupassen, der je nach Aufgabe, Belegschaft und Branche variieren kann. "Bei uns zum Beispiel gehört 'das Schaf' zu den beliebtesten Settings", verrät Steelcase-Designerin Noga Lasser. Eine Sofaecke mit weißem Kuschel-Kunstfellbezug.

"Non-territoriale Arbeitsplätze werden häufig als große Innovation dargestellt, aber oft stecken dahinter schlicht Kostengründe", sagt Arbeitspsychologin Carmen Binnewies. "Das merken auch die Mitarbeiter." Daher gehe es letzten Endes gar nicht so sehr um das Sofa an sich. Viel wichtiger sei, dass der Arbeitgeber signalisiert, dass er sich über das Wohlbefinden seiner Belegschaft Gedanken macht, dass ihm seine Mitarbeiter etwas wert sind.

© SZ vom 28.12.2019
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