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Bestattungsinstitute:"Bei uns gibt es kein Schwarz"

Exit Here

Bei der Einrichtung des Bestattungsinstituts „Exit here“ haben sich die Designer an Restaurants und Cafés orientiert.

(Foto: Agnese Sanvito)

Beerdigungen, findet Oliver Peyton, sind schon traurig genug. Sein Bestattungsinstitut setzt auf ein helles, freundliches Design.

Das zweistöckige Gebäude aus den 1930er-Jahren steht an einer ruhigeren Ecke des Londoner Chiswick Platzes. Das wird wohl ein Designerladen sein, denkt man sich, vielleicht auch ein Boutique-Hotel. Eine geschwungene Glasfront, dahinter ein großer Blumenstrauß auf einer Säule mit weißen Blüten, die sich nicht gleich als künstlich zu erkennen geben. Auch die Objekte auf den Galeriesockeln daneben offenbaren sich spät in ihrer minimalistischen Formgebung: Aber doch, das sind ja Urnen. Und daneben steht, aufrecht an die Wand gelehnt, ein mit Totenschädeln handbemalter Sarg. Über dem Eingang der Schriftzug aus pulverbeschichtetem Stahl: "Exit here". "Exit", das kann Ausgang, aber auch Abgang bedeuten. Das Wortspiel verweist hier nicht nur auf einen Weg hinaus, sondern auch auf den Tod.

Jenny Jawa verwaltet das Büro und empfängt in den Räumlichkeiten ihre trauernde Klientel. Sie erzählt, wie immer wieder Passanten stehen bleiben, um den Sarg im Schaufenster zu fotografieren. Ein Bestattungsinstitut, Instagram-tauglich. Das muss man erst mal schaffen. Hinter dieser Leistung steht Oliver Peyton. Der 58-Jährige hat sich in London als Gastronom einen Namen gemacht. In den 80er-Jahren eröffnete der gebürtige Ire zunächst Clubs in Brighton und London, in der nächsten Dekade folgten hippe Restaurants, später auch Bäckereien. Ein Food-Kritiker des Guardian attestierte dem Kochbuchautor und Juror der BBC-Sendung "Great British Menu" außerdem "einen Hang zum Spektakulären und Eigenwilligen". Peyton sei, so beschrieb er weiter, "der Phineas T. Barnum der Gastronomen", sein Talent zur Inszenierung mithin des amerikanischen Zirkuspioniers ebenbürtig. Heute berät Oliver Peyton zwar noch einige Restaurants, führt aber keine mehr: "Restaurants sind für junge Menschen", sagt er, sieht aber doch eine Parallele zu seinem neuen Betätigungsfeld: "Auch Beerdigungen stehen im Zeichen der Gastlichkeit - oder sollten es zumindest." Um so viele Ereignisse des Lebens kümmerten sich die Menschen mit großer Sorgfalt, warum also nicht auch um die Beerdigung? Man bekäme nun mal keine zweite Chance, einen guten letzten Eindruck zu machen.

"Ich tue gerne Dinge, die andere noch nicht getan haben. Vor allem, wenn ich etwas sehe, das nicht richtig ist", erzählt der Geschäftsmann. Dass Bestattungen in Großbritannien in den Händen von Monopolisten lägen, sei ihm erst aufgefallen, als 2013 sein Vater starb und er sich in den vorgefundenen Trauerfeierstandards nicht wiederfand. Er schloss sich also mit Barry Pritchard, einem Bestattungsunternehmer in dritter Generation, zusammen, beauftragte den Designer Ben Masterton-Smith, der seinerzeit bereits das Café der Royal Academy für Peyton entworfen hatte, mit pathosfreien Entwürfen für Särge, Urnen und Büroausstattung und gründete 2019 das Bestattungsinstitut "Exit here".

"Ich wollte, dass sich Menschen hier wohl fühlen"

Die "Zukunft des Beerdigungsinstituts" zu entwerfen, so sah Ben Masterton-Smith die an sein Designbüro Transit gestellte Aufgabe. Der Gestalter hatte zuvor für Foster + Partners, Conran & Partners und Michaelis Boyd Associates gearbeitet und die Inneneinrichtung für Klienten wie The Soho House Group betreut. Dass sein Design auf die Architekturen von Restaurants und Bars ausgerichtet ist, lässt sich auch im Exit here ablesen. Der offene Eingangsbereich hebelt Schwellenangst aus - erlaubt aber dennoch ein "Gefühl der Stille", wie es der Designer nennt.

Vormieter der 160 Quadratmeter großen Räume, erinnert sich Jawa, war ein Immobilienmakler, der seine Bürotische in den damals noch nüchternen Rechteckgrundriss setzte. Als Erstes zog Masterton-Smith einen großzügig geschwungenen, wie fließend um die Ecke biegenden Korridor in blendendem Weiß - "für uns eine architektonische Umsetzung des Spirituellen", sagt Peyton - um den drei weiteren Räumen und der Küchenzeile eine verbindende Mitte zu schaffen. Die weißen Flügeltüren zum Besprechungsraum öffnen sich durch halbmondförmige Türgriffe. Schließt sich die Tür, schließt sich auch der goldene Kreis, eines der ältesten Ewigkeitssymbole der Menschheit.

Dieser Besprechungsraum für die Klienten habe nach der "Sanftheit eines häuslichen Umfelds" verlangt, so der Gründer: "Es sollte komfortabel und voller Licht sein. Ich wollte, dass sich Menschen hier wohlfühlen."

"Erst als wir ihn mit einem schwarzen Tuch abdeckten, begannen sie zu weinen"

Die Wände und Decke sind in schimmerndem Petrol gestrichen. Ein blaues Samtsofa nimmt den Raum ein. Zwei Sessel, von Masterton-Smith gezeichnet, sind bordeauxrot bespannt und über und über mit wollenen Blüten bestickt. Auf dem Tisch vor ihnen lassen sich die Miniaturmodelle der von Masterton-Smith entworfenen Särge wie Spielgerät stapeln. Die Exemplare, eines davon in Gelblackierung und mit abgerundeten Ecken, stünden symbolisierend für den "weicheren Zugang" zur Trauerzeremonie von Exit here, sagt Peyton. Ben Masterton-Smith entwarf auch eine klappbare Sichtblende für die Schaufenster, die das Londoner Möbelmacher-Studio Wilson-Copp ausführte. Geöffnet geben die Lücken den Blick auf das petrolfarbene Zimmer frei. Doch sobald Jenny Jawa Eichenholzpaneele um Eichenholzpaneele dreht - "es funktioniert manuell, ich kann nicht einfach auf einen Knopf drücken" -, bleiben neugierige Blicke ins Innere verwehrt.

"Bei uns gibt es kein Schwarz", führt Peyton eine weitere Vorgabe seines Gestaltungswillens zum pathosfreien Umgang mit dem Tod aus. Selbst die Anzüge der Sargträger sind Marineblau. Der Unternehmer erzählt vom Erlebnis einer der ersten Exit-here-Beerdigungen: "Wir sollten den Verstorbenen aus dem Haus der Familie abholen. Alle waren sehr gefasst. Erst als wir ihn mit einem schwarzen Tuch abdeckten, begannen sie zu weinen." Seither sei auch dieses Tuch weiß.

Es ist traurig genug, einen Menschen zu verlieren. Nicht zusätzlich zum Schmerz beizutragen, ist die Aufgabe, der sich Bestatter stellen müssen - und zwar auch, indem sie institutionalisierte Gepflogenheiten in Frage stellen. Zumindest sieht es Oliver Peyton so. Der Exit-here-Chef schließt selbst den Witz nicht aus: Eine der zum Verkauf stehenden Urnen heißt "Bittere Pille", es ist ein Keramikzylinder mit flach abgerundetem Deckel, erhältlich in den vier verschiedenen Farbtönen Royalblau, Senfgelb, Grau und Weiß zum Preis von 125 Pfund.

"Wir bringen den Umgang mit dem Tod in die Normalität"

Während aufgrund des Friedhofzwangs das Verstreuen von Totenasche in der freien Natur in Deutschland grundsätzlich nicht zulässig ist, von wenigen speziellen Rasenfeldern abgesehen, ist die gesetzliche Handhabe im Vereinigten Königreich lockerer. Man darf die Asche im Garten verstreuen, im Stadion des Lieblingsfußballclubs oder eben auch zu Hause aufbewahren. "Es ist also wichtig, dass die Urne schön aussieht", erklärt Jenny Jawa. Oliver Peyton fügt hinzu: "Begräbnisse sind ein persönliches Statement, aber es geht überhaupt nicht darum, dass etwas wild und verrückt sein muss."

Im Zentrum seiner Arbeit stehe die positive Erinnerung an den Toten und das Auffangen der Zurückgelassenen. Seine Kunden seien erleichtert, dass es das Exit here gebe. Und dass niemand dort Schwarz trage. "Wir holen Beerdigungen ins 21. Jahrhundert", resümiert der Unternehmer: "Ich sehe darin nichts Disruptives. Wir bringen den Umgang mit dem Tod in die Normalität. Dorthin, wo er sein sollte."

Für seine Leistungen in der Gastronomie wurde dem Iren der Ritterorden Order of the British Empire überreicht. "Ich bekam den Orden vom Minister für Kultur und Sport ausgehändigt", sagt er ein wenig bedauernd. Fast habe er die englische Staatsbürgerschaft angenommen, nur um für die Verleihung in den Buckingham Palast zu dürfen, führt er mit Schalk in den Augen aus: "Aber meine Mutter war dagegen. Sie meinte, dass sich mein Vater dann im Grabe umdrehen würde. Also habe ich es gelassen." Aber sollte er für sein Umkrempeln des britischen Bestattungswesens noch einmal ausgezeichnet werden, dann würde er es sich mit der Staatsbürgerschaft noch mal überlegen, sagt er und lacht.

Viele Gründe für gute Laune hat der Unternehmer allerdings gerade nicht. Wegen der Corona-Krise und dem damit verbundenen Lockdown finden in London derzeit fast keine großen Beerdigungszeremonien mehr statt. Peyton versucht, zu improvisieren, mit Live-Streaming zum Beispiel. Aber "es ist hart", sagt er. Zum Teil sind es auch die kleinen Details. Es gibt zum Beispiel keine frischen Blumen mehr. Also müssen künstliche her. Doch auch in der Krise bleibt Peyton seinem Motto treu. "Das Wichtigste für uns ist, weiterzumachen und unseren Kunden ein möglichst positives Erlebnis zu bieten."

© SZ vom 28.03.2020

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