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Berlin:U-Bahn durchs Haus

25 03 2015 Schöneberg Dennewitzstrasse Berlin U Bahneinfahrt in ein Wohnhaus Bahn U Bahn BVG

In Berlin kennt das Haus jeder, denn hier fährt die U-Bahn durch.

(Foto: imago/Steinach)

In Berlin steht ein Gebäude, durch das täglich Hunderte Züge fahren. Die ungewöhnliche Trasse geht auf einen Unfall zurück - und war vor allem eine Sparmaßnahme.

Von Lars Klaaßen

Nicht nur der erste Eindruck irritiert, auch bei genauerem Hinsehen bleibt die Konstruktion skurril: eine Hochbahntrasse, die über eine geschlossene Brücke mitten in ein mehrgeschossiges Wohnhaus führt. Wer davor kurz innehält, sieht gelbe U-Bahnen hinein- und hinausfahren. 612 Züge rattern an einem normalen Werktag durch das Wohnhaus Dennewitzstraße 2 in Berlin. Zu diesen regulären Fahrten der Linien U1 und U3 kommen noch die unregelmäßigen Betriebsfahrten. An den Wochenenden rollen die Züge auch nachts hindurch, im 15-Minuten-Takt. Warum baut jemand eine viel befahrene U-Bahn-Strecke mitten durch ein Wohnhaus? Es verwundert nicht wirklich, dass am Anfang dieser Geschichte ein schlimmer Unfall stattfand.

Nicht weit vom Grundstück Dennewitzstraße 2 befindet sich der U-Bahnhof Gleisdreieck. Technisch betrachtet ist er kein U-, sondern ein Hoch-Bahnhof. Außerdem bilden die Gleise dort kein Dreieck, sondern kreuzen sich; oben fahren die U1 und U3, darunter die U2. Als der Knotenpunkt vor dem Ersten Weltkrieg gebaut wurde, war der Name noch Programm. Die ursprünglich im Dreieck gelegten Gleise ermöglichten für passierende Züge Weichenstellungen in ebenso viele Richtungen. Das jedoch ging nicht lange gut. Am 26. September 1908 übersieht "Motorführer" Schreiber ein Signal, sodass sein Zug mit einem anderen in spitzem Winkel zusammenstößt. An Weiche 3 des Knotenpunkts schiebt sein Zug den anderen vom Gleis. Ein Waggon stürzt vom acht Meter hoch gelegenen Viadukt in die Tiefe. Acht Personen werden bei dem Unfall getötet, 18 schwer verletzt. Damit ist klar: Das Gleisdreieck muss umgebaut werden.

Um Lärm zu vermeiden, wurden die Gleise in eine doppelwandige Röhre gelegt

1912 ist ein neuer Bahnhof fertig, auf zwei Ebenen sind die Linien nun strikt voneinander getrennt. Die aus dem Osten kommende Trasse endet vorerst hier. Aufgrund der vielen Fahrgäste, die hier nicht nur ein- und aus-, sondern auch umsteigen, ist eine Verlängerung weiter nach Westen bereits geplant. Da dort schon Häuser stehen, kommen hierfür nur Abriss oder Durchbruch infrage.

Der Erste Weltkrieg unterbrach die Bauarbeiten an der "Entlastungsstrecke" für viele Jahre. Erst 1926 wird die neue Strecke fertiggestellt - direkt durch das Wohnhaus Dennewitzstraße 2. Ob man damals erhöhte Kosten für diesen Durchbruch in Kauf nahm, um den verbleibenden Wohnraum zu erhalten oder ob dies schlicht günstiger war als ein Abriss, weiß auch bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) heute niemand mehr so genau: Die Umstände seien mittlerweile nicht mehr exakt zu rekonstruieren. "Wir gehen jedoch davon aus, dass die Kosten für die Hausdurchfahrungen eben nicht höher waren, als ein Abriss gewesen wäre", erläutert BVG-Sprecher Jannes Schwentu. Man habe für den U-Bahn-Bau auch Häuser abgerissen, aber offensichtlich jeweils recht genau abgewogen.

Nur wenige Hundert Meter südlich des bis heute durchfahrenen Gebäudes stand früher ein ganz ähnliches. An der Ecke Dennewitz-/Bülowstraße hatte man zum ersten Mal ein Haus für die Hochbahn durchbrochen. Eine Postkarte aus dem Jahr 1905 machte es als Beispiel für den ungebremsten Fortschritt Berlins berühmt. 1943 wurde dieser Prototyp von Bomben zerstört, nach dem Krieg wurde die Hochbahn dann wieder in Betrieb genommen und die Baulücke als solche belassen.

Für die Bewohner ist das Leben hier Alltag, genervt sind sie trotzdem

Technisch ist ein Hausdurchbruch eine Herausforderung. Vor allem muss die Statik bedacht werden. Für die zusätzlichen Lasten, die die U-Bahn ins Haus bringt, wurden die Fundamente des Gebäudes Dennewitzstraße 2 eigens unterfangen. Wenn U-Bahnen durch ein Wohnhaus fahren, stellt sich zudem die Frage nach Erschütterungen und Lärm.

"Auf der ganzen Rampenstrecke liegen die Gleise, um störende Betriebsgeräusche zu vermeiden, in einer geschlossenen doppelwandigen Röhre. Der Raum zwischen den beiden Wandungen ist mit schalldämpfendem Material ausgefüllt", informiert die Eröffnungsbroschüre der Strecke von 1926. "Um auch das Geräusch der aus der Bauflucht in der Dennewitzstraße heraustretenden Züge von den nebenliegenden Häusern fernzuhalten, ist die Überbrückung der Dennewitzstraße als allseitig geschlossenes Eisenbetonbauwerk ausgeführt worden." Die geschlossene Röhre senkt sich von der Rückseite des Gebäudes durch den Häuserblock langsam ab und verschwindet schließlich im Untergrund, wo die Linien 1 und 3 dann als U-Bahnen weiterfahren. Weil die Grundstücke an der Ecke Dennewitz-/Pohlstraße nach der Kriegszerstörung abgeräumt wurden, ist die Rampe heute von der Straße her einsehbar.

Die Konstruktion stammt von Alfred Grenander. Der Architekt hat in der Vorkriegszeit viele der Berliner Hoch- und Untergrundbahnhöfe entworfen, unter anderem jene am Wittenberg-, Hermann- und Alexanderplatz. Zudem entwickelte er das Prinzip der Kennfarbe, bei dem sich jede Station durch eine Farbe deutlich von den jeweils davor beziehungsweise dahinter liegenden Bahnhöfen unterscheidet. Grenander beließ die Eisenbetonkonstruktion der Brücke über die Dennewitzstraße ganz ohne Dekor, wobei er den konstruktiven Aufbau demonstrativ herausstellte. Die Bogenrippen und Hängepfosten treten deutlich hervor, verbunden durch zurücktretende Wandflächen.

"Mit ihrer modernen Formensprache erregte die Brücke in den 1920er-Jahren viel Aufsehen", sagt Christine Wolf, Sprecherin des Landesdenkmalamtes Berlin. Die Brückenkonstruktion steht als Teil der "verkehrsgeschichtlich und städtebaulich bedeutenden Streckenführung" innerhalb des Häuserblocks längst unter Denkmalschutz.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt das Haus nicht nur wegen seiner U-Bahn-Durchfahrung. Der schnörkellose Altbau aus dem Jahr 1877 ist eines der wenigen Relikte in einer Umgebung, die seitdem gleich zweimal völlig umgekrempelt wurde. Unter dem Bahnhof Gleisdreieck befand sich einst eine riesige Rangierfläche für Züge, die zum Potsdamer und zum Anhalter Bahnhof führte. Nach Kriegszerstörung und der Teilung Berlins blieb von alldem lediglich eine Brache übrig.

Noch Jahre nach dem Fall der Mauer fand man an der Dennewitzstraße Autowerkstätten und ähnliche Gewerbebetriebe in Baracken. Der Club "90 Grad" brachte dann neues Leben in die Gegend - ist aber auch schon wieder Geschichte. Die alte Gleisbrache ist mittlerweile zum Park umgestaltet geworden. Die Grundstücke am Rand, auch entlang der Dennewitzstraße, wurden mit Häusern bebaut, die exklusives Wohnen für Leute mit entsprechend viel Geld versprechen. Bloß am alten U-Bahn-Haus erkennt man bis heute, dass hier früher alles ganz anders gewesen sein muss.

Seine Bewohner, so liest und hört man, nehmen übrigens die durchratternden Züge kaum wahr. Genervt sind sie von etwas anderem: den ständigen Anfragen wegen ihres seltsamen Hauses. Sie wollen auch in dieser Hinsicht ihre Ruhe haben.

© SZ vom 29.08.2020

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