Berlin Ein ganzes Haus als WG

Kampf ums Zuhause: Das Projekt Amma65 in Berlin-Wedding, für Bewohner „die schönste Ecke der Welt“.

(Foto: Amma65)

In der Bundeshauptstadt wird ein altes Wohnmodell gelebt, und das nicht nur, weil es billiger ist.

Von Dirk Engelhardt

Die Eibseestraße im Berliner Stadtteil Grünau ist eigentlich unverdächtig - mehrheitlich wohnen hier Familien aus der Mittelschicht in hübschen Häusern mit gepflegten Gärten. Zur Dahme, die hier fast so breit wie ein See ist, sind es nur wenige Meter. Genau an dieser Stelle hat sich eine Wohngemeinschaft, die ihre Ursprünge im Bötzowviertel hat, eingenistet. Und zwar schon im Jahr 2007.

"This movie is presented to you by Eibsee Productions", so liest sich der Trailer beim wöchentlichen Video-Abend in der Dachetage des geräumigen Hauses. Wo andere WGs sich zwanglos und spontan zum Videogucken versammeln, ist in der Grünauer WG jeden Mittwoch pünktlich um halb neun Videoabend. Und der beginnt mit einem selbst produziertem Trailer, in dem der Garten des Hauses in prächtigen Naturaufnahmen zu bewundern ist. Den darauffolgenden Film, mit Beamer auf einer drei Meter breite weiße Wand projiziert, sucht jede Woche ein anderes Mitglied der neun Personen umfassenden WG aus. "Aber nur die Frauen, die Männer suchen immer so Scheißfilme aus", tönt es von der hinteren Sofaecke, und gleich darauf startet ein Gegacker unter den WG-Insassen.

Man ist sehr kommunikativ, und gern beisammen. Zum Video-Abend gibt es immer etwas selbstgekochtes aus der Party-Küche, und natürlich reichlich Getränke. Ansonsten ist die WG sehr gut ausgestattet: Jede Wohneinheit, die entweder von einer Person oder einem Pärchen bewohnt wird, hat eine eigene Küche und ein eigenes modernes Bad, dies auf drei Etagen. Die Wohneinheiten sind zwischen 40 und 60 Quadratmeter groß.

"Lediglich wegen der gemeinschaftlichen Tiefkühltruhe zoffen wir uns manchmal."

"Als ich das Haus kaufte, war es in einem total heruntergekommenen Zustand, und ich musste enorm viel in die Renovierung investieren", erinnert sich Gründerin Ilona. Dafür betrug der Kaufpreis damals auch nur 120 000 Euro, mitsamt des verwilderten Gartens. Der ist mittlerweile gut in Schuss, inklusive Obstbäumen und einer Feuerstelle, die rege für gesellige Lagerfeuer und Grillabende genutzt wird. "Sogar an Heiligabend!" ergänzt Ilona.

Die sieben Bewohner sind zwischen 32 und 65 Jahre alt, dazu kommen zwei Kinder. An Nachfrage nach Zimmern herrscht kein Mangel - wenn ein Zimmer frei wird, rückt meist sofort ein Bekannter aus dem Bötzow-Kiez nach, der auch schon mal mit einem Aushang in der Stammkneipe "Babel" angeworben wird. Wo andere WGs Streitereien mit dem Putzplan haben, gibt es hier in Grünau einen bezahlten Putzdienst. "Lediglich wegen der gemeinschaftlichen Tiefkühltruhe zoffen wir uns manchmal", gibt Ilona zu, denn die sei des öfteren mal überfüllt.

Die Miete betrage rund acht Euro pro Quadratmeter, das soll ausreichen, um die Tilgung des Hauses zu bezahlen. Auch künstlerisch ist man ambitioniert: da die Tochter von Ilona, Elisabeth, Künstlerin ist und ebenfalls im Haus wohnt, sind alle Flure mit ihren Kunstwerken dekoriert.

"Ich finde es schade, wie die Menschen miteinander umgehen."

Szenenwechsel. Im tiefen Wedding, an der Ecke Malplaquetstraße mit der Amsterdamer Straße, steht ein vergammeltes Eckhaus der Gründerzeit. Von verschiedenen Balkonen wehen Banner mit Aufschriften wie "3 Generationen 90 Herzen Entschluss zu bleiben", die Farbe ist schon etwas verblichen. Die Hausgemeinschaft von 60 Menschen, die sich hier gebildet hat, hat dies nicht ganz freiwillig getan - das Haus sollte nämlich verkauft werden. Und damit stand die Zukunft der Mietverträge auf dem Spiel. Julian Zwicker, 29, ist einer der Gründer der Initiative, die den Mietern helfen soll, gegen "Immobilienhaie" anzukämpfen. Zwicker wohnt seit drei Jahren in einer Ein-Zimmer-Wohnung im ersten Stock, für die er monatlich 230 Euro Miete zahlt. Heizkosten nicht inbegriffen, denn: es gibt keine Heizung. Jedenfalls keine Zentralheizung. So bollert in der Küche eine mit Holz befeuerte, nostalgische Kochmaschine, die gleichzeitig heizt und als Küchenherd dient. Mit seiner Miete, so verrät Zwicker, läge er bereits am oberen Ende der Mietpreise im Haus. Die meisten Mietverträge seien viel älter und damit auch niedriger im Mietpreis.

Zwicker erzählt, dass er just an dem Tag, als er der Hausverwaltung ein Angebot der Hausgemeinschaft zum Kauf der Immobilie unterbreiten wollte, er eine Anzeige im "Immoscout" entdeckte, in der das Haus für 3,5 Millionen Euro zum Verkauf angeboten wurde. Die Anzeige verschwand recht bald wieder, Käufer war der Berliner Immobilieninvestor Jakob Mähren, der bisher noch keine einzige Wohnung von innen gesehen hatte. Das war im November 2017. Seitdem rückten die Mieter des Hauses enger zusammen. "Wir haben jede Woche ein Hausversammlung, auf der wir das weitere Vorgehen besprechen. Zur ersten Versammlung kamen schon 50 Leute", berichtet Zwicker. Die Hausgemeinschaft will den Weg des Vorkaufsrechtes gehen, entweder durch eine städtische Wohnungsbaugesellschaft oder durch die Mieter selbst.

Nara, 35, die lange Zeit als Altenpflegerin gearbeitet hat, wohnt seit sieben Jahren in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Haus. "Ich finde es schade, wie die Menschen miteinander umgehen", sagt sie mit Blick auf das Vorgehen der Hausverwaltung. Doch nun rücken die Bewohner enger zusammen. Es seien schon einige Freundschaften zu anderen Hausbewohnern entstanden, und manchmal lade man sich gegenseitig zum Essen ein. Die Reaktion der Nachbarn sei allerdings geteilt, erzählt Nara. "Da wird manchmal auch gestichelt, so wie "Nichts tun, aber die Hände aufhalten". Aber damit können die Bewohner von "Amma 65", wie sich das Hausprojekt im Internet nennt, gut leben.