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Befindlichkeiten der Börse:Wetterfühlige Aktien

Das Wetter und die Börse: Scheint die Sonne, steigen die Kurse besonders häufig. Ist es bewölkt, geht es nur schleppend voran.

Die Wirtschaftswelt ist voll von solchen Fragen: Verdienen schöne Menschen mehr Geld als hässliche? Ernten die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln? Steigen bei schönem Wetter die Aktienkurse? Zumindest die letzte Frage haben Forscher sorgfältig untersucht - in einer Reihe von Studien weltweit. Ihr Ergebnis: Nicht nur Freunde von Strandbars und Freibädern sollten sich für Sonne, Wolken und Regen interessieren, sondern auch Anleger, denn die Aktienkurse sind wetterfühlig.

Schlechtes Wetter sorgt nicht nur für Depressionen - es kann auch Aktienkurse in den Keller treiben.

(Foto: Foto: Reuters)

So merkwürdig sich das anhört - es gibt eine psychologische Begründung für das Phänomen. "Aktienhändler sind keine gefühllosen Wesen", sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor an der TU Darmstadt. "Das Wetter besitzt einen erheblichen Einfluss auf die Stimmung der Menschen. Ihre Laune schlägt sich auch in ihrer Risikoneigung und den Aktiennotierungen nieder." Denn die Marktteilnehmer handeln nicht strikt rational, wie es die neoklassische Theorienwelt der Volkswirte unterstellt. Deshalb suchen Ökonomen heute verstärkt nach verhaltenstheoretisch fundierten Erklärungen für Anomalien am Finanzmarkt und für das Verhalten von Anlegern.

Depressionen und schlechte Kurse?

In zahlreichen Arbeiten wurde versucht, den Einfluss von Stimmungen auf die Börsen zu belegen. Sonnenschein, Temperaturen, Niederschlagsmengen, Feiertage, Fußballergebnisse - alles, was die menschliche Psyche aufhellt oder trübt, habe Auswirkungen auf die Kurse. Warum sollte nicht auch die Dicke des Wolkenteppichs über Frankfurt oder New York Folgen für die Aktienkurse haben, zumal trübes Wetter viele Menschen in Depressionen stürzen kann? "Börse ist Psychologie", wusste auch schon die Investment-Legende André Kostolany.

Wissenschaftler haben deshalb Blutdruck, Puls und Atemfrequenz professioneller Wertpapierhändler während ihrer Handelstätigkeit untersucht. Sie haben sich durch Berge von Papier voller Klimadaten gewühlt, Bewölkungsgrad, Niederschlag, Lufttemperatur und Sonnenscheindauer untersucht - und nachgerechnet, wie sich der amerikanische Dow-Jones-Index oder der Deutsche Aktienmarkt bei heftigen Gewittern und drückender Schwüle entwickelt haben.

Je mehr Wolken, um so weniger Gewinn

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Edward Saunders kommt für die New York Stock Exchange (Nyse) zu dem Ergebnis, dass schlechtes Wetter negativen Einfluss auf den Kursverlauf hat. Zwischen der Bewölkungsdichte in New York City und der täglichen Wertentwicklung des Dow-Jones-Index bestehe ein statistisch signifikanter Zusammenhang: Je bewölkter der Himmel über der Stadt, desto enttäuschender falle der Wertzuwachs aus.

An schönen Tagen aber stiegen die Kurse deutlich. Das Forscherduo David Hirshleifer und Tylor Shumway bestätigen das Ergebnis, dass Aktienkurse bei blauem Himmel besonders häufig steigen. Dazu haben sie das Auf und Ab der Kurse an 26 verschiedenen Märkten überprüft und mit dem Wetter abgeglichen. Sonnenschein tut Börsianern und Kursen demnach gut. Wenn das Wetter schlecht ist, dann sinkt die Laune und mit ihr die Aktienrendite.

Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass die Menschen dazu neigen, bei blendendem Wetter zuversichtlicher in die Zukunft zu blicken als bei Dauerregen. Gut gelaunt - das ist ebenfalls Ergebnis moderner Kapitalmarktforschung - glauben Anleger eher an den Erfolg ihres Aktienhandels und hoffen auf Gewinne, Verluste aus früheren Börsengeschäften werden dagegen ausgeblendet. Die Folge der gelösten Stimmung könnte eine größere Risikoneigung der Anleger sein, die zu verstärkten Aktienkäufen führt - und damit zu steigenden Kursen. An dämmrig-grauen Handelstagen dagegen verlasse viele Anleger der Mut, die Angst vor Verlusten überwiege, das Selbstvertrauen schwinde - und mit ihm die Chance, dass die Aktienkurse klettern.

Nicht alle Aktienhändler sitzen in New York

So schön diese Theorie ist, sie hat doch einen entscheidenden Haken: Die meisten Anleger, die an der Nyse Aktien handeln, sitzen gar nicht in New York, sondern vielleicht im sonnigen Miami am Strand. Warum sollten sie schlechter Dinge sein, wenn es in New York regnet?

William Goetzmann und Ning Zhu konzentrierten sich in ihrer Forschung deshalb auf die Market Maker an der Börse, Makler, die durch kontinuierliches Stellen von An- und Verkaufskursen die Handelbarkeit von Wertpapieren sichern. Und siehe da: Die Geld-Brief-Spanne hängt von der Wettersituation ab. Je bewölkter der New Yorker Himmel, desto breiter die Spanne zwischen An- und Verkaufskursen. Je größer aber die Spanne, desto wahrscheinlicher sind Verluste für die Anleger. Bei miesem Wetter, so das Ergebnis der Wissenschaftler, sind die Börsenmakler nicht so risikofreudig und ziehen die Kauf- und Verkaufskurse auseinander. Das senkt das Risiko der Market Maker und kostet die Anleger Rendite.

Dieses Wetterphänomen hat TU-Professor Schiereck auch am deutschen Kapitalmarkt beobachtet. Dazu hat er die Bewölkungsdichte über Frankfurt analysiert und gemessen, wie die Börsenmakler die Spanne zwischen An- und Verkaufskursen stellen. Das Wetter lässt auch die Risikoneigung der deutschen Makler schwanken. Hängen die Wolken tief, stellen sie breitere Geld- und Briefkurse. Auf die Kursentwicklung wirkt sich das aber - anders als in den USA - nicht aus, weil gleichzeitig die Handelsaktivität der übrigen Marktteilnehmer zunimmt, wenn das Wetter nicht so toll ist. Wird bei Regen vielleicht mehr gezockt an der Börse? Irgendwie müssen die Anleger sich ja die Zeit vertreiben.

Kurse lassen sich also, ebenso wie das Wetter im April, durchaus mit den Launen des Zeus und der Händler erklären. Ein Grund mehr, den Sommer herbeizusehnen.