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Baugruppen:70 Erwachsene, 30 Kinder, ein Haus

Gemeinschaftlich bauen und wohnen in der Großstadt: Eine neue Wanderausstellung zeigt mit konkreten Beispielen, wie das funktionieren kann.

Gemeinschaftlich bauen und leben - in teuren Großstädten schließen sich immer mehr Menschen zusammen, um in Baugruppen ihre Vorstellungen vom Wohnen zu verwirklichen. Vor allem Familien mit kleinen Kindern und Menschen ab 55 aufwärts findet man häufig in den bundesweit mehr als 1000 Wohnprojekten. Sie erhoffen sich geringere Baukosten und engere Kontakte in der Nachbarschaft im Vergleich zum Bauen und Leben zum Beispiel in einem Einfamilienhaus am Stadtrand. Eine Wanderausstellung des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt unter dem Titel "Daheim", die derzeit in der Architektenkammer Niedersachsen zu sehen ist, zeigt am Beispiel von 26 Baugruppen im In- und Ausland, wie das in der Praxis aussieht.

"Wir haben jeder eine eigene Wohnung und sind keine Kommune, aber es gibt viele Gemeinschaftsräume als Treffpunkte", sagt Roberta Rastl. Sie wohnt in einem achtgeschossigen Mehrfamilienhaus in Wien, das 2013 nach den Plänen der Bewohner - 70 Erwachsene und 30 Kinder - fertig gestellt wurde, mit 39 Wohneinheiten zwischen 36 und 137 Quadratmetern. Die Entscheidungen über das Bauen und Zusammenleben wurden und werden basisdemokratisch getroffen. Die Wohnungstrennwände sind nicht tragend und können bei Bedarf leicht umgesetzt werden. Es gibt zwei Gemeinschaftsküchen, einen Kinderspielraum, einen Mehrzwecksaal, eine Bibliothek, einen Musikraum, eine Sauna, einen Dachgarten, eine Werkstatt, einen Gemüsegarten. Für den Kauf des 7,3 Millionen Euro teuren Gebäudes gründeten die Bewohner den "Verein für nachhaltiges Leben", das Geld stammt aus Beiträgen der Mitglieder und einem Kredit. Der Name des Vereins soll nicht nur Theorie bleiben: Das Gebäude wurde im Niedrigenergiestandard ausgeführt, das Dachgeschoss mit einer Photovoltaik-Anlage ausgestattet, statt privater Pkws gibt es sieben Autos, die man sich teilt.

Ausstellungsansicht im DAM (Deutsches Architekturmuseum Frankfurt a.M.)

Neue Ideen für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen präsentiert die Ausstellung "Daheim". Dabei werden nicht nur deutsche, sondern auch europäische Projekte vorgestellt.

(Foto: Deutsches Architekturmuseum Frankfurt a.M.)

In der Ausstellung kann man sich über die einzelnen Projekte anhand von Grundrissen, Modellen, Fotos, Texten und Filmausschnitten informieren. In einem in Hannover präsentierten Film erzählen Bewohner von ihrem aus drei Gebäuden bestehenden Wohnprojekt direkt an der Spree im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Sie haben für den Erwerb der 2014 errichteten Anlage mit 65 Wohneinheiten die Bau- und Wohnungsgenossenschaft Spreefeld gegründet. "Jeder hat hier Anteile. Man ist nicht Eigentümer einer Wohnung, sondern jede ist Teileigentümer der gesamten Anlage", sagt ein Mann und ergänzt: "Es geht nicht um eine Geldanlage, sondern das Zusammenleben ist entscheidend." Ein anderer Bewohner betont: "In unserer Gruppe sind viele kreative Berufe wie Architekten oder Werbeleute vertreten, die flache Hierarchien gewohnt sind. So ist es einfacher, zu gemeinsamen Entscheidungen zu kommen." Die Bewohner wollen nicht nur unter sich bleiben - von einer öffentlichen Kita im Spreefeld soll auch die Nachbarschaft profitieren.

Neben den Großprojekten gibt es auch überschaubarere Baugemeinschaften. In Darmstadt haben sich fünf Paare zusammengetan, die aufs Rentenalter zugehen, um ein 250 Jahre altes Fachwerkhaus altersgerecht umzubauen und aufwendig zu sanieren. Bei der Suche nach einem geeigneten Haus hatten sich die Gruppenmitglieder, die alle soziale Berufe ausüben, auf gemeinsame Kriterien geeinigt wie Stadtnähe, gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und Einkaufsmöglichkeiten, die zu Fuß erreichbar sind. Auch hier wird Wert auf einen großen Gemeinschaftsraum, ein Atelier, eine Sauna und eine Werkstatt gelegt. Die Baukosten pro Quadratmeter sind mit 3850 Euro fast doppelt so hoch wie bei den Beispielen aus Wien (2000 Euro) und Berlin (2100 Euro). Fast zehn Jahre dauerte es in Darmstadt von den ersten Überlegungen bis zum Einzug.

Termine

Die Ausstellung läuft bis 2. 8. in der Architektenkammer Niedersachsen in Hannover, Friedrichswall 5, montags bis donnerstags 10-16 Uhr, freitags 10-12 Uhr. Den Begleitband "Bauen und Wohnen in Gemeinschaft" gibt es auf Deutsch und Englisch (ISBN: 978-3-0356-0564-8). Die Volkshochschule Hannover, Burgstraße 14, zeigt noch bis 2. 8. eine Ausstellung über Wohnprojekte in Hannover. Im Wissenschaftspark Gelsenkirchen findet am 30. 6. der Wohnprojekte-Tag NRW statt (Infos unter www.wbb-nrw.de). SZ

In einem Projekt in Zürich wurden dagegen die Kosten bewusst gesenkt, in dem der individuelle Raumbedarf auf 32 Quadratmeter festgelegt wurde - der Durchschnitt in der Schweiz beträgt 45 Quadratmeter. In Dresden will die Baugemeinschaft Tabakfabrik Alttrachau den Umbau einer alten Fabrik zu großen Teilen in Eigenleistung erbringen, was in der Realität zu Verzögerungen beim geplanten Ablauf führt. Ein Projekt in Hannover demonstriert, wie man eine denkmalgeschützte Schule samt Turnhalle aus den 50er-Jahren in ein Mehrfamilienhaus verwandelt und dabei auch ungewöhnliche Grundrisse in Kauf nimmt. Beispiele aus Japan, Finnland, Kanada oder Argentinien liefern wiederum ganz andere Ansätze. In Toronto bleibt die Stadt im Besitz eines genossenschaftlichen Projektes. So bekommen auch Mieter die Möglichkeit für gemeinschaftliches Wohnen. Die Mietkosten sind prozentual ans Einkommen gebunden.

Eine Ausstellung, die unterschiedliche architektonische Konzepte bei gemeinsamen Bauprojekten in den Mittelpunkt rückt. Leider fehlen häufig nähere Informationen zum Zusammenleben - wie sind die Baugruppen zusammengesetzt, was müssen die Mitglieder zahlen, wie werden Konflikte geregelt? Aber im lesenswerten Ausstellungskatalog gibt es dafür praktische Hinweise zu Themen wie Rechtsformen für Baugruppen, Grundstücksvergabeverfahren und einen Text vom ehemaligen Bremer Bürgermeister Henning Scherf: Alles unter einem Dach - ein persönlicher Bericht.