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Barmer prangert Gesundheitskosten an:Die Krux mit der kaputten Hüfte

Eine neue Hüfte? Ein anderes Knie? Kein Problem in Deutschland, wir können operieren! Doch jetzt schlägt die Barmer Alarm. Möglicherweise erhalten zu viele Patienten Prothesen.

Es ist ein sensibles Thema, und der Bundesvorsitzende der Jungen Union Deutschlands, Philipp Mißfelder, hatte sich 2003 die Finger daran verbrannt. "Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen", hatte der Konservative klipp und klar formuliert - und einen politischen Streit losgetreten.

Mit unsauberen Instrumenten operiert

Wird in Deutschland zu oft Patienten eine neue Hüfte oder ein neues Kniegelenk verpasst? Die Barmer kritisiert die horrenden Kosten.

(Foto: dpa)

Der könnte auch nun folgen, denn die Aussage der Barmer GEK, immerhin die größte deutsche Krankenkasse, ist nicht weniger brisant. Möglicherweise erhielten hierzulande zu viele Patienten ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk, bilanziert die Krankenkasse auf Grundlage des Krankenhaus-Reports 2010.

Von 2003 bis 2009 sei die Zahl der Hüftgelenk-Implantationen um 18 Prozent gestiegen, legte die Kasse harte Zahlen auf den Tisch. Die Zahl der eingesetzten künstlichen Kniegelenke sei sogar um mehr als die Hälfte gewachsen.

Dabei sei bei den Hüftgelenken die Zahl der Operationen, die keine altersbedingte Ursache hatten, um neun Prozent gestiegen. Bei den Kniegelenken beträgt die altersbereinigte Zunahme sogar 43 Prozent.

Mal eben 3,5 Milliarden Euro

"Die gewaltige Steigerung der Hüft- und Knie-Implantationen hat einen hohen Preis", sagte der stellvertretende Barmer-GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker. Es müsse die Frage erlaubt sein, ob nicht zu häufig die Implantationen als Heilmaßnahme verordnet werden.

Der Kasse zufolge wurden 2009 rund 209.000 Hüft- und 175.000 Knieprothesen eingesetzt. Dafür zahlte die gesetzliche Krankenversicherung inklusive Nachbehandlungen rund 3,5 Milliarden Euro.

Insgesamt werden die Patienten immer früher entlassen. So sank die Verweildauer je Klinikaufenthalt seit 1990 von im Schnitt 13,4 auf 8,5 Tage. Psychische Erkrankungen hätten Kreislauferkrankungen als häufigste Diagnosegruppe abgelöst.

Im Schnitt sind die Bundesbürger dem Report zufolge auch länger wegen psychischer Leiden in der Klinik als wegen Krebs oder Krankheiten des Kreislaufsystems. Bei Männern liegt die Verweildauer wegen psychischer Störungen in einer Klinik im Schnitt bei 20 Tagen, bei Frauen bei 26 Tagen. Bei den übrigen Diagnosen bleiben die Patienten zwischen durchschnittlich 4,7 und 10,2 Tagen im Krankenhaus.