Bargeld Schein und Sein der Deutschen

Einst blickte den Deutschen vom 20-D-Mark-Schein Annette von Droste-Hülshoff entgegen.

(Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Wir haben eine besondere Beziehung zum Bargeld, das hat seine Gründe. Bald aber könnten wir alles auf eine Karte setzen müssen. Eine Ehrenrettung der guten alten Klimperzeit.

Essay von Hilmar Klute

Wir leben in Zeiten, da wir uns an Verluste entweder gewöhnen oder diese Verluste in Triumphe umdeuten. Dass wir uns nicht mehr hinsetzen und lange Botschaften auf Papier schreiben müssen, die wir anschließend in einen frankierten Umschlag stecken und in den gelben Briefkasten werfen, empfinden wir zwar als kulturelle Niederlage. Aber wir haben gleich den Trost durch den Pragmatismus zur Hand: Eine Mail schreibt sich einfach schneller und ist im Handumdrehen beim Adressaten.

Die zwanzig Brockhausbände im Regal erzählen uns vom enzyklopädischen Zeitalter und vom umständlich befriedigten Bildungshunger früherer Generationen - eine schöne Geschichte, zweifellos. Aber wenn wir wissen wollen, in welchem Jahr die Euroumstellung stattfand, tippen wir der Einfachheit halber auf Wikipedia das Wort "Euroumstellung" ein und kommen - aha - im Artikel "Euro" direkt an jene Stelle, die in uns überraschenderweise eine kleine sentimentale Sequenz wachruft.

Wir stoßen auf das Stichwort "Bargeldumtausch", und plötzlich erinnern wir uns, dass wir vor sehr vielen Jahren ein sogenanntes Starter-Kit bekommen haben; eine Art monetäres Lunch-Paket für Euro-Neulinge, unsere allerersten Tastversuche mit der neuen Währung. Man hatte uns wie Kindern ein paar Münzen in eine Plastiktüte gepackt, damit wir lernen, uns mit dem neuen Wert vertraut zu machen.

12,76 Milliarden D-Mark horten die Deutschen noch. Warum nur?

Selten zuvor war der Kapitalismus so behutsam und vorschulkindgerecht auf uns eingegangen. Die neuen Euro-Münzen fühlten sich im Prinzip genauso an wie die alten D-Mark, vielleicht ein wenig griffiger, aber das konnte Einbildung sein oder einfach die Vorfreude auf das neue Tauschmittel. Es war jedenfalls Bargeld wie die deutsche Mark, es hieß nur anders. Die Währung wurde ausgetauscht, aber das Gefühl, etwas mit den Händen auszugeben, war das gleiche geblieben. Die D-Mark-Münzen blieben ja sowieso noch eine Weile als Blaupausen in unseren Köpfen, wir rechneten die Euros immer mit der D-Mark auf, denn die alte Bundesrepublik war einfach zu solide und verlässlich, als dass wir ihr das Vertrauen entziehen wollten, nur weil angeblich ein neues Finanzzeitalter angebrochen war.

Wenn die Zahlen stimmen, welche die Bundesbank dieser Tage herausgibt, dann besteht diese inzwischen heimlich gewordene Leidenschaft zur Mark ungemindert fort: Die Deutschen horten immer noch Scheine und Münzen im Wert von 12,76 Milliarden D-Mark. Was ist das? Eine Beschwörung, ein Glaubensbekenntnis, an dem man festhält, komme, was da wolle?

Münzen und Scheine Das Geschäft mit dem Geld
Münzen und Scheine

Das Geschäft mit dem Geld

Bargeld macht heute nur noch einen kleinen Teil des Zahlungsverkehrs aus, doch hinter den Münzen und Banknoten steht ein komplexes und nicht zuletzt auch teures System. Es berichten: ein Pfandleiher, eine Bankangestellte, ein Münzhändler und ein Geldbegutachter.   Von Markus Zydra; Protokolle: Lea Hampel

Der Euro ging rauf und runter, es gab Zeiten des Wildwassers, man wusste nicht, ob er gegen den Dollar, den Yen oder später gegen den Bitcoin Bestand haben, ob er die Griechenlandkrise und die Bankenkrise überleben würde. Weil der Euro eine internationale Währung war und außerdem in das Zeitalter der Kreditkarten und Euro-Karten fiel, wurde das Geld mehr und mehr zu einer Fiktion. Geld war eine Zahl auf dem Kassenbeleg - Moment mal, welchen Zettel kriegt jetzt noch mal der Kunde, welchen behält die Kassiererin? Aber es gab zum Glück die Bankautomaten, aus denen man sich das Bargeld zog. Kling flog dann der kleine Fuffi in den Coffee-to-go-Becher des Motz-Verkäufers, klong landete die Ein-Euro-Münze im Opferstock der alten Wallfahrtskirche, die zum Unesco-Welterbe gehört und längst ein eigenes Konto unterhielt. Das Bargeld war das reale Geldmittel, der Spatz in der Hand. Soll der bald wirklich einfach so abgeschossen werden?

Es gibt hübsche, wenngleich auch paranoide Argumente fürs Bargeld

Man hört jetzt aus verschiedenen Richtungen von Überlegungen, das Bargeld zumindest langfristig abzuschaffen. Zuerst soll der 500-Euro-Schein aus dem Verkehr gezogen werden, zudem könnte sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vorstellen, Bargeldzahlungen auf maximal 5000 Euro zu beschränken, danach bitte nur noch Karte! Und wie immer, wenn das Ende identitätsstiftender Mittel ausgerufen wird, kommen die Instinkt-Intellektuellen aus ihren Denkhöhlen und erzählen allen, die es hören wollen, dass der Ausverkauf der deutschen Seele begonnen hat.

Einer, der mit der bewährten Verkaufsmarke "Merkt-denn-keiner-was-hier-läuft" zuverlässig in die Bestsellerlisten kommt, ist Peter Hahne, ein ehemaliger Pfarrer und Fernsehjournalist, der seit einiger Zeit den Auftrag verspürt, sein Volk vor den Gutmenschen und Werteverkäufern zu schützen. Sein neues Buch heißt "Rettet das Bargeld". Es geht in der titelgebenden Kolumne nicht um den augenzwinkernden Rat, doch das gute alte Klimpergeld nicht zu verachten, weil der Bettler auf dem Gehsteig ja keine Kartenlesemaschine hat. Nein, bei Hahne ist mit dem Schicksal des Bargelds direkt die Frage nach dem Fortbestand unserer freiheitlichen Grundordnung verknüpft: "Und was ist das für eine Demokratie, die einem die freie Wahl zwischen bar und Kreditkarte nimmt und einem das bargeldlose Verfahren alternativlos aufzwingt?" Genau: Wenn wir nicht mehr die Scheine auf den Tisch legen können, werden wir eines Tages nicht mehr frei wählen dürfen.

Giesecke&Devrient "Bargeld wird es weiterhin geben"
Reden wir über Geld

"Bargeld wird es weiterhin geben"

Walter Schlebusch leitet die weltgrößte Gelddruckerei. Sein Unternehmen würde von einer Abschaffung des 500-Euro-Scheins profitieren. Doch er ist dagegen.   Von Caspar Busse und Stephan Radomsky

Dabei gibt es doch viel hübschere, wenngleich gelegentlich auch hübsch paranoide Argumente dafür, das Bargeld nicht abzuschaffen. Wenn wir im Supermarkt mit Schein und Münze zahlen, werden unsere Daten nicht gespeichert. Und vor dem unkontrollierten Zugriff auf unsere Daten haben wir Twitter- und Facebook-Follower ja lustigerweise die allergrößte Angst. Weil wir glauben, dass finstere Weltkonzernmächte nichts anderes zu tun haben, als nach jeder mit EC-Karte bezahlten Bionade unser Profil zu bearbeiten. Umgekehrt muss kein Wirt fürchten, dass die Rechnung für den gemischten Vorspeisenteller unbeglichen bleibt, wenn er, wie viele Gastronomen es mittlerweile tun, keine Kredit- und Euro-Karten akzeptiert.

Vor allem aber ist uns das Bargeld so lieb und teuer, weil wir seinen Weg direkt und analog verfolgen können. Auf die Theke geknallt, in die Hand des Autoverkäufers geknüllt, in den Spielautomaten geworfen und in den Fahrkartenspender gepresst, dient uns das Bargeld als sinnlicher Beleg für den Wert einer Dienstleistung. Mit Münzen und Scheinen haben wir als Kinder auf sehr bildliche Weise gelernt, wie man die Kohle zusammenhält.