Bankenlobbyist Michael Kemmer Vorbild Ackermann

Geht das? Auf der Anklagebank zu sitzen - und gleichzeitig auf dem Chefsessel? Deutsche-Bank-Boss Ackermann hatte es vorgemacht. Jetzt steckt der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes Kemmer in ähnlicher Bredouille.

Von H. Freiberger u. K. Ott

Josef Ackermann hat vorgemacht, wie das geht: Viele Monate lang auf der Anklagebank zu sitzen und gleichzeitig Spitzenmanager in der Finanzbranche zu sein. Mehr als ein halbes Jahr stand der Chef der Deutschen Bank im spektakulären Mannesmann-Prozess vor Gericht, für mehr als 40 Verhandlungstage musste er seinen Job unterbrechen. Doch der Schweizer behielt den Top-Job bei Deutschlands größtem Geldhaus. Am Ende natürlich deshalb, weil das Verfahren gegen ihn gegen Zahlung von 3,2 Millionen Euro eingestellt wurde. Für die üppigen Millionen-Prämien, die Ackermann und weitere Aufsichtsräte von Mannesmann ausgeschiedenen Vorstandsmitgliedern gewährt hatten, wurde niemand verurteilt.

 In Münchner Juristenkreisen heißt es, Kemmers Anwalt sei zuversichtlich, ein Gerichtsverfahren und finanzielle Forderungen abwehren zu können.

(Foto: ddp)

Vor Gericht landen und auch sonst viel Ärger bekommen könnte in diesem Jahr ein weiterer aktiver Manager aus der Branche. Michael Kemmer, ehedem Vorstandschef der BayernLB und heute Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, muss sich auf einiges gefasst machen. Die BayernLB will von acht früheren Vorstandsmitgliedern inklusive Kemmer 200 Millionen Euro Schadenersatz für das Milliarden-Desaster mit US-Immobilienpapieren und mit der österreichischen Hypo Alpe Adria verlangen. Eine horrende Summe. Die erste Klage läuft bereits, gegen Ex-Risikovorstand Gerhard Gribkowsky.

Risiken einfach ausgeblendet

Und dann ist da noch die Münchner Staatsanwaltschaft, die gegen alle acht wegen Veruntreuung von Landesbank-Vermögen beim Kauf der Hypo Alpe Adria ermittelt. Kemmer & Co. hätten zahlreiche Risiken einfach ausgeblendet, so der Vorwurf. Werner Schmidt, Kemmers Vorgänger als BayernLB-Chef, wird angeklagt. Das ist sicher. Und sicher ist auch, dass Schmidt nicht alleine der Prozess gemacht werden soll. Es gibt aus Sicht der Strafverfolger vier weitere Kandidaten aus dem ehemaligen Landesbank-Vorstand für eine Anklage, und einer von ihnen ist Kemmer. Die Ermittler entscheiden wohl im Frühjahr, wer Schmidt vors Gericht begleiten soll. Und anschließend kommt irgendwann der Brief mit der Schadenersatzforderung.

Für die Lobby-Vereinigung des Finanzgewerbes ist das kein Anlass, am eigenen Geschäftsführer zu zweifeln. Der Vorstand des Bankenverbandes stehe "voll und ganz" zu Kemmer, sagt Verbandspräsident Andreas Schmitz, Chef der Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt. Alles andere wäre auch verwunderlich. Dem Verbandsvorstand gehört schließlich auch Ackermann an, und was für den recht war, muss für Kemmer billig sein. Zumal noch nicht einmal klar ist, ob der ehemalige BayernLB-Chef überhaupt angeklagt wird oder Schadenersatz zahlen muss.

In Münchner Juristenkreisen heißt es, Kemmers Anwalt sei zuversichtlich, ein Gerichtsverfahren und finanzielle Forderungen abwehren zu können. Der Anwalt und Kemmer äußern sich nicht dazu. Sie wollten, so ist zu hören, "kein Öl ins Feuer gießen". Erst einmal ist Diplomatie angesagt. Vielleicht findet sich ja auf dem Verhandlungswege ein Kompromiss, zumindest mit der Landesbank.

Nach Ansicht von Branchenkreisen wird die Lage für Kemmer und den Bankenverband freilich zunehmend ungemütlicher. Der Verband habe mit Kemmers Berufung "hoch gepokert und hoch verloren", heißt es im Frankfurter Geldgewerbe. Die Hoffnung, dass sich die Angelegenheit in Wohlgefallen auflöse, schwinde mehr und mehr. Alleine schon die ständigen Spekulationen über Kemmer seien schädlich genug. Für Verbandspräsident Schmitz sei das ein ziemlicher Albtraum, glauben Kollegen von ihm.

Schmitz hingegen erweckt den Eindruck, als könne er noch ruhig schlafen, ohne schlimme Träume. "Uns liegen keine neuen Erkenntnisse vor", sagt der Verbandspräsident, "die zu einer anderen Einschätzung führen könnten."