Banken: Schattengeschäfte Lehman und das Spukschloss

Aufregung in Amerika: Die Finanzfirma Hudson Castle soll das "Alter Ego" der Pleitebank Lehman gewesen sein, über das heimlich Milliarden-Geschäfte abgewickelt wurden.

Von Hans von der Hagen

Der mehr als 4000 Seiten starke, unlängst veröffentlichte Untersuchungsbericht zur Lehman-Pleite reicht immer noch nicht aus, um das Finanzgeflecht der Investmentbank darzustellen. Der Name Hudson Castle taucht dort jedenfalls nicht ein einziges Mal auf.

Und doch soll diese Finanzfirma das "Alter Ego", ein anderes Ich, der kollabierten Investmentbank Lehman Brothers gewesen sein. Das zumindest behauptet jedenfalls ein früherer Lehman-Händler in der New York Times (NYT).

In den Jahren vor dem Kollaps habe Lehman Hudson Castle gebraucht, um riskante Anlagen aus den eigenen Büchern herauszubekommen.

Dieses werfe die Frage auf, inwieweit Lehman die wahre finanzielle Lage vor dem Zusammenbruch verschleiert habe.

Obwohl Hudson Castle als unabhängige Gesellschaft auftrete, sei sie eng mit Lehman verbandelt gewesen, heißt es weiter in der NYT, die sich auf ein internes Bankdokument und Interviews mit Lehman-Angestellten beruft.

Über Jahre habe Lehman das oberste Lenkungs- und Aufsichtsgremium - also das sogenannte Board - von Hudson Castle kontrolliert und ein Viertel der Firma besessen.

Gewaltiges System

Lehman habe diese Verbindung aber nie offengelegt. Ob die Geschäfte mit Hudson legal waren, ist unklar. Auch die tatsächlich seit 2001 über Hudson transferierten Summen sind nicht bekannt. Aber es sollen nach Angaben der Zeitung Beträge von mehr als einer Milliarde Dollar gewesen sein.

Brisanter ist allerdings, wofür Hudson Castle steht: Für das gewaltige Schattenbanksystem der Finanzindustrie. Es ist vor allem deshalb so gefährlich, weil es außerhalb jeglicher Kontrolle liegt.

Über Institutionen wie Hudson Castle finanzieren sich Banken, verbergen Risiken und hübschen sich selbst auf.

Wie verheerend Investmentvehikel außerhalb der Bilanz sein können, hatte in Deutschland schon die Beinahepleite der IKB gezeigt. Dieses Institut kollabierte 2007 gleich zu Beginn der Krise, nachdem es mehreren Zweckgesellschaften üppige Kreditlinien eingeräumt hatte. Die Zweckgesellschaften waren wiederum an der Verbriefung toxischer Papiere beteiligt.

Lehman soll ebenfalls riskante Anlagen zu Hudson Castle transferiert und Geld zur Finanzierung solcher Geschäfte zur Verfügung gestellt haben. Gelernt haben die Institute aus der Krise aber nicht: Auch heute noch nutzen große Banken solche Investmentvehikel.

Die US-Börsenaufsicht SEC untersuche derzeit die kreative Finanzierung von mehr als 20 Unternehmen, heißt es in der NYT. Auch in dem Ausschuss des Kongresses zur Untersuchung der Finanzkrise solle das Schattenbanksystem ein Thema werden.

Ob es aber gelingt, tatsächlich Licht in das Dunkel zu bringen, ist fraglich. Viele Bankgeschäfte werden auf derart verschlungenen Wegen abgewickelt, dass sie jemand von außen kaum mehr nachvollziehen kann.

Angesichts des Artikels in der New York Times geraten denn auch andere Kommentatoren ins Grübeln: Felix Salmon, Kolumnist bei der Nachrichtenagentur Reuters, ätzt gar, er sehe zwar den Rauch, könne aber die Ursache dafür nicht erkennen.

Die Geschäfte von Hudson Castle habe er auch nach mehrmaligen Lesen des NYT-Artikels nicht verstanden - zumal Hudson Castle auch wieder mehrere Tochtergesellschaften gegründet hat. Es bliebe ihm zunächst nichts anderes übrig, als zu glauben, dass das alles wichtig sei. Er mache das auch nur, weil die NYT die Geschichte so groß und wichtig aufgeschrieben habe. Hätte er den gleichen Inhalt in einem Blog gefunden - er hätte ihn als konspiratives Geschwafel abgetan.