Bankchef kritisiert Banker:Zweiarmige Banditen

Lesezeit: 3 min

An der Wall Street beginnt die Boni-Saison. Mit erstaunlich offenen Worten meldet sich nun ausgerechnet Morgan Stanley-Chef Gorman zu Wort und verurteilt die Un-Kultur der Händlerriege.

Moritz Koch, New York

Hochnäsig und überbezahlt - so lautet das Verdikt, das Amerika über seine Finanzelite gefällt hat. Mit erstaunlich offenen Worten hat sich nun einer der mächtigsten Männer der Wall Street der öffentlichen Meinung angeschlossen.

Morgan Stanley-Chef James P. Gorman kritisiert die Finanzelite der Wall Street.

Morgan Stanley-Chef James P. Gorman kritisiert die Finanzelite der Wall Street.

(Foto: AP)

In Manhattan herrsche ein "Heldenkult", der Händler dazu treibe, "übermäßige Risiken einzugehen", sagte Morgan-Stanley-Chef James Gorman bei einer Konferenz des Finanzbranchen-Verbandes Securities Industry and Financial Markets Association in New York. Die Gehaltspolitik der Finanzbranche verstärke das Problem. Leute, "die vielfach offen gesagt ziemlich durchschnittlich sind", verdienten an der Wall Street zehnmal mehr als Angestellte in anderen Branchen.

Bankchef Gorman stört sich vor allem daran, wie Angestellte die finanziellen Risiken, die sie eingehen, an das Institut abwälzen, für das sie arbeiten. "Wenn du ein waghalsiges Geschäft eingehst und es geht auf, hast du Erfolg wie ein Bandit", sagte er. "Und wenn es nicht aufgeht, wirst du gefeuert, aber du musst nichts zurückzahlen." Die Verluste tragen andere, die Aktionäre der Banken oder die Steuerzahler.

Dass Gorman jetzt auf das Thema zu sprechen kommt, ist kein Zufall. An der Wall Street beginnt die Bonussaison. Die Erinnerungen der Amerikaner an die Finanzkrise sind noch frisch - und daran, wie Bonus-Banker die Kapitalpolster ihrer Unternehmen zerfledderten. Gorman, der Anfang des Jahres die Führung der Investmentbank Morgan Stanley übernommen hat, ist nicht der erste Bankchef, der versucht, sich mit Selbstkritik in Szene zu setzen. So bekannten sich etwa Lloyd Blankfein von Goldman Sachs und Josef Ackermann von der Deutschen Bank zur Verantwortung der Finanzbranche für die große Krise.

Dennoch sind Gormans Worte bemerkenswert. Deutlich wie kein anderer Banker vor ihm stellt der 52-Jährige heraus, dass die großen Finanzkonzerne Amerikas nicht im Interesse ihrer Eigentümer, der Aktionäre, geschweige denn im Interesse der Gesellschaft handeln. Gorman räumt ein, dass die Banken meist nur den Bankern dienen.

So konnte eine Kultur aus Raffgier und Gleichgültigkeit entstehen. Banker seien enorm flexibel, sagt die Anthropologin Karen Ho, die früher selbst an der Wall Street gearbeitet hat und nun an der University of Minnesota lehrt. "Daher nehmen sie, was sie kriegen können, und ziehen dann weiter."

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