Ausstellung Erst Prachtbauten, dann Parkhäuser

Viele historische Plätze wurden in den Sechzigerjahren verunstaltet - eine Schau mit alten und neuen Fotos sensibilisiert für behutsameren Umgang mit diesen öffentlichen Räumen.

Von Joachim Göres

Die Idee ist einfach, das Ergebnis wirkungsvoll: Man sucht sich eine historische Aufnahme von einem markanten Ort und fotografiert genau dieselbe Stelle heute noch einmal. Dann hängt man die beiden Bilder nebeneinander und kann so die Veränderungen gut erkennen. In der Architektenkammer Niedersachsen in Hannover ist die Ausstellung "Plätze in Deutschland 1950 und heute" mit Schwarz-Weiß-Fotos aus 21 Städten nach diesem Prinzip aufgebaut. Unter dem Foto werden nur noch das Jahr der Aufnahme und der genaue Ort genannt. "Wir wollen die Bilder nicht erklären, jeder kann seine eigenen Schlüsse daraus ziehen", sagt die Architektin Birgit Roth vom Institut für Stadtbaukunst der TU Dortmund, die die Ausstellung mitkonzipiert hat.

Was gibt es auf den Fotos zu sehen? In Bonn den bevölkerten Bahnhofsplatz im Jahre 1955. Wer ihn, aus dem Bahnhof kommend, betrat, lief auf die davor abfahrende Straßenbahn zu und blickte auf ein wenig hinter den Bäumen versteckt liegende Gründerzeithäuser. Das Szenario heute: Die Straßenbahn ist verschwunden, dafür gibt es mehr Platz für die Autos. Die Bäume sind gefällt, die Gründerzeithäuser abgerissen, ein Bürobetonklotz auf Stelzen steht an ihrer Stelle. Vom geschäftigen Treiben von damals keine Spur mehr, Menschen sind kaum auszumachen.

Von Bielefeld erhält der Ausstellungsbesucher folgende Impression: Zahlreiche Passanten überqueren 1964 einen Zebrastreifen, um über die breite Straße am Schillerplatz zum Theater zu gelangen. Das ist heute unmöglich, denn ein Hochbahnsteig der Straßenbahn zerschneidet die Straße und gibt den Blick auf die Theaterfassade nur eingeschränkt frei.

Am Schweriner Marienplatz stehen neue und alte Architektur ohne jeden Bezug nebeneinander

In Schwerin ist am Marienplatz von der historischen Straßenpflasterung nichts mehr übrig geblieben - heute wechselt sich hier ein Flickenteppich von unterschiedlichen Belägen ab, die nicht zueinanderpassen. Statt der einheitlichen Fassaden, die dem Platz sein besonderes Gesicht gaben, stehen jetzt alte und neue Architektur ohne jeden Bezug nebeneinander.

"Es geht uns darum, zu zeigen, was gut und was schlecht ist, und dass es zur heutigen Gestaltung von Plätzen durchaus Alternativen gab und immer noch gibt", sagt Wolfgang Sonne, Professor am Institut für Stadtbaukunst. Ungegliederte große Glasfassaden haben oft markante platzprägende Gebäude ersetzt, fehlende Begrenzungen sorgen für Orientierungslosigkeit. Wo früher Fußgänger flanierten, parken heute Autos. "Unter dem Strich gibt es durch die Fußgängerzonen heute vermutlich mehr öffentlichen Raum als in den Fünfzigerjahren, aber uns geht es auch um die oft fehlende Aufenthaltsqualität", sagt Sonne. Dass Fotos von Plätzen gerade aus jener Zeit als Kontrast ausgewählt wurden, ist kein Zufall: Sie beweisen, dass nicht Kriegszerstörung für die heutige Bebauung verantwortlich ist, sondern die Investitionen in den 60er- und 70er-Jahren in eine autogerechte und auf Konsum ausgerichtete Stadt, in der das Parkhaus an zentraler Stelle Priorität genießt - selbst wenn es den Platz neben dem Kölner Dom verschandelt.

Die Fotos vermitteln großenteils ein pessimistisches Bild, doch Sonne berichtet auch von positiven Entwicklungen. In vielen Städten gehe man heute sorgsamer mit seinen Plätzen um. "In Düsseldorf wurde eine Hochstraße abgerissen, der Stadtraum hat dadurch gewonnen. In Leipzig ist der Rathausplatz durch eine kleinteiligere Bebauung aufgewertet worden. Die Ästhetik wird wichtiger genommen, nicht zuletzt, weil immer mehr Menschen in die Innenstädte ziehen und sie nicht nur zum Einkaufen nutzen", sagt Sonne.

Für eine Entwarnung gibt es aus seiner Sicht allerdings keinen Grund: "Es entstehen immer noch überdimensionierte Shopping-Malls ohne Bezug zu ihrem Umfeld. Das neue ECE in Essen liegt am Limbecker Platz: Aber von einem Platz ist dort durch diese Rieseneinkaufs-Blechtrommel nichts mehr zu sehen."

Bis 20.Mai ist die Ausstellung in Hannover, Friedrichswall 5, zu sehen. Weiterer Termin: 28. Mai bis 26.Juni in Hamburg, Mönckebergstraße 7. Anschließend wird die Ausstellung in München (Juli bis September), Dresden (September/Oktober) und Frankfurt/Main (November/Dezember) gezeigt. Näheres unter www.stadtbaukunst.tu-dortmund.de