Ausbildung von Nachwuchssängern Schule der Stimmen

Seit 2006 fördert das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper aufstrebende Sängerinnen und Sänger. Was wird aus den Absolventen? Eine Spurensuche.

Von Klaus Kalchschmid

Nicht wenige Absolventen des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper machten auf unterschiedlichste Art Karriere: Hanna-Elisabeth Müller, Tara Erraught, Petr Nekoranec oder Tareq Nazmi, um nur einige zu nennen.

Wenn jetzt Golda Schultz und John Chest am Zürcher Opernhaus als Graf und Gräfin Almaviva in Mozarts "Figaro" gemeinsam auf der Bühne stehen, treffen hier Sopran und Bariton aufeinander, die zur gleichen Zeit in München am Opernstudio ähnliche Erfahrungen machen konnten. Denn alle, die mit ihm arbeiten durften, schwärmen von Richard Trimborn (1932-2017), einem Korrepetitor und Studienleiter, der ihnen mit profunder Erfahrung, Humor und Menschlichkeit, gepaart mit großem Anspruch an Genauigkeit Unschätzbares auf den Weg gab: "Weil John und ich beide diese wunderbaren Erfahrungen mit ihm gemacht haben, verstehen wir uns perfekt, ohne dass wir viel reden müssen", freut sich Golda Schultz.

Die junge Sopranistin, die nach zwei Jahren im Opernstudio von 2014 bis 2018 im Ensemble der Staatsoper war, aber regelmäßig als Gast zurückkommt, geht noch weiter: "Alles, was ich mit Trimborn studierte, Sophie, "Figaro"-Gräfin, Fiordiligi, ist jetzt fest in meiner DNA verankert." Schultz hat bereits große Partien bei den Salzburger Festspielen gesungen, so 2014 Sophie im "Rosenkavalier", die im Dezember an der Met folgen wird, oder letztes Jahr Vitellia in "Titus". In München war sie unter anderem Liù in "Turandot", die sie wieder bei den Opernfestspielen singen wird, und Michaëla ("Carmen").

Beim Konzert "Oper für alle" präsentiert sich die Südafrikanerin mit amerikanischer Musik von George Gershwin, in dessen "Porgy and Bess" sie an der Met singen wird, bis Leonard Bernstein und Stephen Sondheim, von einer ganz anderen Seite. Diese Musik ist auch für GMD Kirill Petrenko Neuland und es ehrt Golda Schultz, wenn der große Dirigent sich da ganz der jungen Sängerin anvertraut und versichert: "Da bist Du jetzt meine Lehrerin, sag was Du machen möchtest!" Beim Gespräch lässt die Begeisterung über die Komplexität Sondheims oder die Emotionen in der "West Side Story" nicht nach, wie überhaupt das überschäumende Temperament von Golda Schultz unüberhörbar ist, sie aber auch bedächtige Sätze sagt wie: "Das, was mich als Mensch ausmacht, bringt mich auch als Künstlerin weiter."

Elsa Benoit erlebte ihre erste Oper, "Les contes d'Hoffmann", als sie mit 18 parallel zum Studium der Musikwissenschaft im Opernchor von Rennes in der Bretagne sang, eigentlich nur so zum Spaß und um sich ein wenig Geld zu verdienen. Nun wird sie im Herbst in derselben Offenbach-Oper die Giulietta am Nationaltheater singen. Dazwischen studierte die Französin insgesamt sechs Jahre in Amsterdam, war im hiesigen Opernstudio und sang ein Jahr in Klagenfurt, bevor sie im Herbst 2016 Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper wurde.

In Klagenfurt verliebte sie sich in "A Midsummer Night's Dream" von Benjamin Britten als Tytania nicht nur in den zum Esel mutierten Handwerker, sondern zugleich in den zukünftigen Vater ihrer Tochter, den Briten Nicholas Crawley. Lachend sagt sie: "Ich hoffe, dass der Nektar der Liebeszauberblume, mit der Puck meine Augen beträufelt hat, noch lange wirkt!"

Durch den dichten Stundenplan im Opernstudio hat Benoit gelernt, ökonomisch mit ihren Kräften umzugehen und genau zu wissen, "wann ich aussingen darf, wann nicht, wann ich Ruhephasen brauche, auch welche Partie zu welchem Zeitpunkt für mich richtig ist. Damals habe ich gelernt, Zeitpläne zu machen, um gut organisiert zu sein."

Eine Rolle, die zur richtigen Zeit kam, war 2014 die Titelpartie in Martinůs "Mirandolina" oder, ebenfalls in einer Opernstudio-Produktion, die Comtesse Adèle in Rossinis "Comte Ory": "Die passte mir wie ein Handschuh", sagt Elsa Benoit, die in München als Adina in Donizettis "L'elisir d'amore" schon den Nemorino von Pavol Breslik bezauberte, Gretel war oder Oscar in Verdis "Ballo". Sie sang hier aber auch viel Alte Musik, so Euridice in Monteverdis "L'Orfeo" oder nicht zuletzt Emilie in Rameaus "Les Indes galantes".

Die Partie der jungen Poppea in der diesjährigen Festspiel-Premiere von Händels "Agrippina" kommt also genau zur richtigen Zeit, zumal konzertante Aufführungen an der Seite von Joyce di Donato in sechs verschiedenen Städten vorausgegangen waren: "Neben der Susanna im 'Figaro' ist das meine bisher längste Partie, nicht zuletzt wegen der vielen Rezitative und weil ich alle elf Arien singen darf. Ich freu' mich sehr auf die Arbeit mit Ivor Bolton und Barrie Kosky. Das wird eine schöne Mischung aus Ernst und Satire!"

Bereits seit der Spielzeit 2012/13 ist der lyrische Tenor Dean Power im Ensemble der Staatsoper und stand seither in mehr als 50 Partien auf der Bühne, meist kleinere Rollen wie die "Erscheinung eines Jünglings" in "Frau ohne Schatten" und Don Curzio ("Figaro") aber auch mittlere wie Froh ("Rheingold"), Jaquino ("Fidelio") und den Steuermann im "Holländer", der ihm besonders viel Spaß gemacht hat, wie auch Gherardo in Puccinis Erbschleicher-Komödie "Gianni Schicchi". Immer ist da eine große stimmliche und darstellerische Präsenz zu spüren, die Power auch der intensiven Arbeit im Opernstudio zu verdanken hat. Mozarts Tamino, Ferrando und Belmonte verkörperte er mit jungenhaftem Charme am Gärtnerplatztheater und letzteren singt er auch beim Debüt an der Irish National Oper in Dublin, wo er studierte. Nächste Spielzeit bringen für den zweifachen Familienvater neue Partien wie Spoletta ("Tosca"), Rolla ("I masnadieri"), Graf Albert ("Die tote Stadt") oder im Dezember den Prinzen in der englischen Uraufführung von "Snow Queen". Beim Gespräch vor einer Probe betont er, was für eine schöne Musik das sei und singt ein paar Stellen vor: "Sehen Sie, das sieht viel komplizierter aus, als es klingt."

Unmittelbar bevor er vergangenen Herbst ins Ensemble der Bayerischen Staatsoper kam, war Bassbariton Milan Siljanov beim ARD-Musikwettbewerb erfolgreich und überzeugte in allen Runden mit einem vielfältigen Repertoire von Schubert- und Schönberg-Liedern oder stilsicherem Händel bis zu einem selbstbewusst auftrumpfenden Stierkämpfer Escamillo ("Carmen") mit virilen Spitzentönen, die Hörer wie Jury in Bann schlugen. Diesen Escamillo, der ihm neben einer ergreifend gesungenen Arie aus Verdis "Don Carlo" den zweiten Preis sicherte, würde man von ihm gerne auch im Nationaltheater hören. Mit einem Liederabend konnte Milan Siljanov in München punkten und schaffte es mit seiner Frau Nino Chokhonelidze am Flügel bereits mehrfach in die legendäre Londoner Wigmore Hall.

Der Sohn einer mazedonischen Mutter und eines persischen Vaters, aufgewachsen in der Schweiz, ist derzeit in einigen kleineren Partien, aber auch als Schaunard in der "Bohème" und Vater in "Hänsel und Gretel" zu erleben. In der neuen Spielzeit wird er wieder als Mozarts Masetto ("Don Giovanni") und Sprecher ("Zauberflöte") auf der Bühne des Nationaltheaters stehen. Der 32-jährige bedauert zwar, dass "man als Bassbariton leider mit vielem warten muss, weil die Väter-Rollen meist mit reiferen Sängern besetzt werden", aber umgekehrt kann er sich damit eben auch mehr Zeit lassen.

Golda Schultz singt im Festspielkonzert und in "Turandot", Elsa Benoit in "Agrippina", Dean Power in "Le nozze di Figaro", "Karl V." und "Die Meistersinger von Nürnberg", Milan Siljanov in "Salome", "Otello" "Le nozze di Figaro" und "Die Meistersinger von Nürnberg"