Augsburger Patrizia in München:"Wir sind Lebensraum-Provider"

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Einerseits sei die Patrizia "kein Tochterunternehmen der Caritas", andererseits versteht er sein Tun als Wohltat, sagt Sätze wie: "Deutschland kann es sich nicht leisten, das ganze Volk mit Mietwohnungen zu versorgen." Oder: "Es ist doch ein Verbrechen, wenn man Mietern die Wohnungen nicht zum Kauf anbietet." Egger skizziert eine "Win-Win-Situation" dank seines Geschäftsmodells, eine mit gleich fünf Winnern: die Stadt, weil die Privatisierung Quartiere stabilisiere; die Volkswirtschaft, weil man in die Häuser investiere; die Mieter sowieso, und auch die Patrizia ("Ich stehe zu unserem Profit."). "Und der fünfte Winner", sagt Egger, ist die "Patrizia-Kinderhausstiftung", die sich "der Schaffung von Lebensräumen für hilfsbedürftige Kinder und Jugendliche" verschrieben hat. Die Welt des Wolfgang Egger ist eine Welt voller Gewinner.

Doch Dörte Dohrn fühlt sich nicht als Winner, Ida Hochstätter und Bernd Gorgas tun das auch nicht. Ihre Wohnungen sind zum "Lebensraum" à la Patrizia geworden. Wie heißt es auf der Patrizia-Homepage unter "Asset Management": "Als Teil des Portfoliomanagements eruieren wir die optimalen Maßnahmen und Zeitpunkte, wie Mietanpassungen, Nachverdichtungsmaßnahmen oder Sanierungen. Dabei legen wir das Augenmerk auf eine nachhaltige Entwicklung mit dauerhaften Ertragssteigerungen anstelle von kurzfristigen Ertragserhöhungen."

Angst und Misstrauen

Die Anlage am Haderner Stern ist um die 30 Jahre alt, die meisten Bewohner sind gut 50, viele in Rente. Ein Dutzend Mieter treffen sich zu einem Spaziergang durch die Anlage. Ida Hochstätter, Bewohnerin und SPD-Stadträtin, zeigt nach oben: Da und da und da stehe eine Wohnung leer, beinahe täglich fahre ein Möbelwagen in die Anlage, die Leute gehen. 6800 Wohnungen waren 2006 bundesweit im Meag-Paket, 2200 davon in München.

Und seither sind Angst und Misstrauen eingezogen, eine Mieterinitiative hat sich gebildet und fordert von der Stadt, das Quartier am Haderner Stern mittels einer Erhaltungssatzung zu schützen. Eine andere will sich zu einer Genossenschaft formieren, den Block kaufen und selbst managen.

Die Betreuung der Anlagen durch Verwaltung und Hausmeister habe deutlich nachgelassen, seit man zur Patrizia gehöre, klagen die Mieter, bei Problemen laufe man "wie gegen Mauern". Verärgert sind die Mieter vor allem, weil so ziemlich das Erste, was viele aus Augsburg bekamen, ein Brief war mit einer Mieterhöhung. Dabei erfuhr man, dass die Wohnungen einer Patrizia-Tochter mit Sitz in Luxemburg gehören und dass die Mieten um bis zu 20 Prozent steigen. Das erhöht auch den Ertragswert der Wohnung - und damit wohl auch den Kaufpreis, sollten sie privatisiert werden.

Zwar räumt Patrizia auf Drängen von Stadt und Mieterverein allen Bewohnern, die 60 oder älter sind, einen lebenslangen Kündigungsschutz ein, doch die Freude darüber wird überlagert von der bangen Frage der etwas Jüngeren: Was passiert mit uns? Denn wer beispielsweise erst Mitte 50 ist, steht im Falle der Privatisierung vor einer grundlegenden Entscheidung: Die Wohnung kaufen und lange Zeit Schulden abbezahlen? Oder Mieter bleiben, womöglich weitere Erhöhungen schlucken und irgendwann im Alter Gefahr laufen, wegen Eigenbedarfs gekündigt zu werden?

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