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Auffälligkeiten bei Patientendaten:Warum Krankenkassen ihre Versicherten kränker machen

Zahlreiche gesetzliche Krankenkassen in Deutschland stehen im Verdacht, falsche Angaben über den Gesundheitszustand ihrer Patienten gemacht zu haben. Das Makabere daran: Für die Versicherungen wäre das lukrativ. Wie das System funktioniert.

Fast die Hälfte der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland steht im Verdacht, ihre Versicherten auf dem Papier kränker zu machen, als sie eigentlich sind. Eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Herzinfarkten oder Hautgeschwüren bei einzelnen Versicherungen etwa hat das Misstrauen des Bundesversicherungsamtes (BVA) erregt. Das BVA stellte zwar klar, dass kein konkreter Manipulationsverdacht bestehe und derlei Auffälligkeiten durchaus üblich seien. Doch theoretisch lohnt es sich für die Kassen, falsche Angaben zu machen: Je schlechter es um die Gesundheit ihrer Versicherten steht, umso mehr Geld erhalten sie aus dem Gesundheitsfonds. Das klingt makaber, ist im Prinzip aber sinnvoll.

Zum 1. Januar 2009 wurde ein einheitlicher einkommensabhängiger Beitragssatz für die gesetzliche Krankenversicherung eingeführt - 15,5 Prozent, wovon der Arbeitnehmer 8,2 Prozent zu tragen hat. Den Rest übernimmt der Arbeitgeber. Die Kassen treiben das Geld ein, leiten es dann allerdings, anders als zuvor, an das Bundesversicherungsamt (BVA) weiter, das den Gesundheitsfonds verwaltet. Hinzu kommen Steuergelder, die der Staat einzahlt.

Das BVA verteilt die Gelder dann an die Kassen. Haben diese am Ende Geld übrig, können sie Prämien an die Versicherten ausschütten. Reichen die Mittel nicht, um die Kosten zu decken, besteht die Möglichkeit, Zusatzbeiträge zu erheben.

Die Kassen erhalten für jeden Versicherten einen Pauschalbetrag. Hinzu kommen Zu- oder Abschläge, die sich nach Alter, Geschlecht und Erkrankungsrisiko der Kunden richten. Die Idee: Kassen mit älteren und kränkeren Versicherten erhalten mehr Mittel als solche, die eher junge und gesunde Menschen unter Vertrag haben. So soll die Wettbewerbssituation unter den Versicherungen angeglichen werden. Das Problem: Der Anreiz ist größer, die eigenen Versicherten auf dem Papier schlechter aussehen zu lassen, als sie sich eigentlich fühlen.

Besonders verwunderlich wäre diese Praxis angesichts der guten Finanzlage der Versicherungen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, haben die Kassen im ersten Halbjahr einen Überschuss von 1,2 Milliarden Euro erzielt. Damit steigen die Rücklagen im Gesundheitssystem auf 29 Milliarden Euro.

Sollte es den betroffenen Versicherungen nicht gelingen, eine plausible Erklärung für die Auffälligkeiten in ihren Statistiken vorzulegen, drohen finanzielle Strafen. Das BVA kann die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds kürzen.

© Süddeutsche.de/bero/mahu

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