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Architektur-Psychologie:Bauen für das Bauchgefühl

Am Schnitt der Küchen lässt sich der Orientierungswandel am deutlichsten ablesen. Jahrzehntelang waren kleine Einbauküchen der Renner. Die hohe Effektivität auf kleinstem Raum hat aber den Nachteil, dass der Vorgang des Kochens vom Essbereich und dem Rest der Wohnung isoliert ist. "Die Durchreiche ist mittlerweile nicht mehr gefragt", sagt Flade. Ein breiter Durchgang, der den Essbereich mit der Küche verbindet, kann hingegen Kochen und Essen zusammenbringen. Und bei Bedarf wird er geschlossen. Jeder nach seiner Façon.

Mehr Angstellte als Arbeitsplätze

Effektivität und Platzersparnis gelten, anders als im Wohnungsbau, bei der Planung von Bürogebäuden nach wie vor als erstrebenswert. So genannte "non territoriale" Konzepte treiben diese Maxime auf die Spitze.

Die Idee dahinter: Wenn permanent ein bestimmter Prozentsatz der Mitarbeiter außer Haus tätig ist, müssen im Bürogebäude nicht ständig Schreibtische für jeden einzelnen Angestellten vorhanden sein. Deshalb erhält jeder Mitarbeiter lediglich eine eigene Box auf Rädern, in der er all seine persönlichen Sachen verstauen kann. Wer das Gebäude betritt, meldet sich elektronisch an und bekommt vom Zentralcomputer für seine folgenden Arbeitsstunden einen Tisch zugewiesen. Die persönliche Box wird an den temporären Arbeitsplatz gerollt.

Das Unternehmen spart sich mit diesem Konzept einige Arbeitsplätze und damit Quadratmeter. "Aber Menschen haben das Bedürfnis, sich Orte anzueignen", wendet Riklef Rambow ein, Psychologe und Dozent für Theorie der Architektur und Gründer des Instituts PSY: PLAN für Architektur- und Umweltpsychologie Forschung und Beratung.

"Auch am Arbeitsplatz möchten Menschen sich einrichten - in Form von Zimmerpflanzen Postern und anderen persönlichen Dingen." So etwas ist bei einem "non territorialen" Konzept - der Name sagt es schon - schlicht unmöglich.

Die unpersönliche Note ist nicht nur für die Mitarbeiter nachteilig, auch das Unternehmen kann die Folgen zu spüren bekommen. Denn wer sich nicht wohl fühlt, leistet in der Regel auch weniger. Und das kann langfristig höhere Kosten verursachen.

Auch im öffentlichen Raum ist es wichtig, dass Menschen sich wohl fühlen. Aber nicht, damit sie mehr leisten, sondern damit sie ihre Umwelt nicht verwüsten. Deshalb erstellt toway, ein Team von Architekturpsychologinnen, Konzepte zur Vermeidung von Vandalismusschäden. Dabei gilt es zunächst zu klären, um welche Form von Vandalismus es sich handelt.

Die Frage lautet nicht, was beschädigt wurde, sondern wie: "Wenn sich da jemand mit einem Graffiti künstlerisch betätigt hat, sollte man diesen Leuten einfach andere Flächen zur Verfügung stellen, erläutert Christina Bernhard. "Etwas Anderes ist es, wenn etwas beschmiert oder verdreckt wurde."

Die Architekturpsychologinnen haben in ihrem Arbeitsalltag festgestellt, dass es sich dabei meistens um schlecht einsehbare Ecken handelt. Oft hilft es, sie besser auszuleuchten - und vor allem: "Menschen dahin zu bekommen", sagt Bernhard. Eine Sitzbank oder ein Kinderspielplatz wirken oft schon Wunder.

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