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Architektur:Die Angst vor der Farbe

Streit um ´Schwarzes Haus" beendet

Der Architekt und Galerist Andreas Sarow ließ eine Villa komplett schwarz anstreichen. Deswegen musste der Pforzheimer Künstler ein Bußgeld von 10 000 Euro zahlen. Inzwischen wurde das Gebäude verkauft, denkmalgerecht saniert - und wieder weiß.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Gebäude in Grau, Gebäude in Weiß oder Beige - viele Architekten tun sich noch immer schwer mit bunten Fassaden. Aber hier geht es nicht nur um Geschmacksfragen, es geht auch um Themen wie die Vergänglichkeit.

"Who's Afraid of Red, Yellow and Blue" heißen vier Großformate des Amerikaners Barnett Newman, in die sich Betrachter regelrecht hineinwerfen und darin aufgehen können. Es mag schon etwas Beängstigendes haben, einer solchen Wand aus Farbe gegenüberzustehen - nicht umsonst meinten Newmans Zeitgenossen Mark Rothko und Adolph Gottlieb, Kunst sei ein Abenteuer in einer unbekannten Welt, die nur von denjenigen erkundet werden könne, die bereit wären, Risiken einzugehen.

Natürlich ist nicht jede Wohnung ein Kunstwerk - und auch nicht jedes Haus, auch wenn es von Architekten stammt. Zum Glück, schließlich will (und muss) man darin leben. Das allein kann die Zurückhaltung vieler Gestalter nicht erklären, wenn es um Farbe an Fassaden und an Wänden geht - dazu kommen rigorose kommunale Erhaltungssatzungen und Bauvorschriften. Unlängst verhängte das Oberlandesgericht Karlsruhe etwa ein Bußgeld gegen den Pforzheimer Architekten und Galeristen Andreas Sarow, weil er 2015 seine denkmalgeschützte Villa schwarz anstreichen ließ. Sarow sah in der Nacht-und-Nebel-Aktion ein Kunstwerk, Denkmalpfleger und das Amtsgericht Pforzheim eher eine Verschandelung. Die Amtsrichter hatten wegen der schwarz gestrichenen Villa ursprünglich ein Bußgeld von 50 000 Euro verhängt, das nun auf 10 000 Euro reduziert wurde.

Die Strafe sagt einiges über Gewohnheiten und Vorlieben. Dabei war die Aktion keineswegs so neu oder spektakulär. Peter Haimerl erhielt für sein "schwarzes Haus" in Krailling sogar den bayerischen BDA-Publikumspreis 2007. Der Münchner Architekt hatte ein banales Siedlungshäuschen aus den Dreißigerjahren umgebaut und die anthrazitfarbene Bitumenhaut der Straße einfach über die Fassade und das Dach verlängert. Weiß blieben nur die Seitenwände.

Im Rückblick passt die Aktion ganz gut in den Zeitgeist der Nullerjahre, der etwas wagen wollte - aber noch nicht so richtig wusste, wie. Damals konnte man immer mehr Häuser sehen, denen Farbe regelrecht ausgetrieben wurde - stattdessen nutzte man dunkle Flächen oder Schlammfarben. Schwarz stieg fast zu einer Trendfarbe unter Avantgardisten auf - vielleicht auch, weil sich alles andere sehr gut davor abhebt. Menschen zum Beispiel. Mit diesem Argument begründen noch heute ziemlich viele Baumeister ihr Unbehagen vor allzu kräftigen Farben. In die Lücke stießen wiederum Architekten, die sich mit leuchtenden Fassaden gegen den Einheitsbrei aus Weiß und Grau-Blau abhoben, der auf Sicherheit spielte: Der Münchner Otto Steidle etwa oder das Büro Sauerbruch Hutton aus Berlin.

Warum aber tun sich viele so schwer mit Farbe an den Wänden? "Weil sie nicht gut verwittert", sagt Stararchitekt Bjarke Ingels in einem Gespräch mit dem Architekturportal Baunetz. Das führe dazu, dass an Gebäuden nur selten Farbe eingesetzt werde. Er versuche "so oft wie möglich echtes Material zu verwenden, das eine Patina entwickeln kann". Ingels spricht einer ganzen Generation von Baumeistern aus dem Herzen, die Farbe nur wohldosiert einsetzt - und am liebsten auf die Eigenarten der Materialien selbst setzt, wie es schon Adolf Loos und Mies van der Rohe taten. Letzterer verpulverte einen Großteil des Budgets für den Barcelona-Pavillon auf der Weltausstellung von 1929 für eine grandiose rötliche Onyxwand.

Verputzte Wände wirken umso verwahrloster, je mehr Natur sich an ihnen festsetzt

Selbstverständlich ist es grandios, zu sehen, wie Leder mit der Zeit immer schöner wird, wie sich die Spuren der Besitzer und Benutzer einschreiben in Sofas und Sessel (sofern man die überhaupt noch nutzt). Nur gibt es so wenig Lederhäuser. Dafür umso mehr Kupferpfannen, die tatsächlich mit der Zeit gewinnen - bis aus goldglänzenden Metallen schließlich grüne Flächen geworden sind, die mehr nach Natur aussehen als nach Menschenwerk. Auch mancher Klinker verträgt ordentlich Patina, während verputzte Wände tatsächlich verwahrlost wirken, je mehr Natur sich an ihnen festsetzt. Und bei Beton darf man sich genüsslich darüber streiten, ob Algen, Wasserflecken und Aufplatzungen tatsächlich einen ästhetischen Mehrwert bieten. Wo also beginnt der souveräne Umgang mit Farbe?

Wer als Instanz die reinweiße Moderne anführt, kann auch gleich an das Gegenteil denken, an Paul Klee etwa, der bei einem Baustellenbesuch der Dessauer Meisterhäuser forderte, die "Fenster mit satteren Tönen zu bemalen" oder den Architektenkünstler Le Corbusier, der für den Innenausbau ein System von 63 abgestimmten Tönen entwickelte und jeden einzelnen akribisch beschrieb. Zu "bleu céruléen" behauptete er, das kräftige Coelinblau wecke Aufmerksamkeit, das mittlere Grau, "gris", hingegen bleibe elegant und zurückhaltend.

Le Corbusiers "Polychromie architecturale" erfuhr in den vergangenen Jahren eine Renaissance - bis hin zu Lichtschaltern in diesen besonderen Tönen. Farbe war für den Schweizer ein Bestandteil der Planung, beinahe ebenso wichtig wie der Grundriss. Dafür verband er natürliche Farbpigmente, Ockergelb, ungebrannte und gebrannte Siena, Karmin- sowie Englischrot, Zinnoberrot, dazu Ultramarin, Blau, Grau und Englischgrün mit den Nichtfarben Weiß und Schwarz. Er bewies: Ein ganzes Farbsystem, eine Palette aus Pastelltönen, ließ sich gut kombinieren.

Wer heute Angst hat vor dem Abenteuer Farbe, darf nicht zugleich von italienischen Momenten schwärmen, von Terracotta-Tönen, die ganzen Städten Charakter und Schönheit gäben. Zu oft sieht man hier monotone Mutlosigkeit an den Fassaden wie in den Räumen, die wir täglich erleben. Dann lieber mal eine Fassade, die aus der Reihe tanzt.