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Architektur aus Japan:Sphärenlos im Pflaumengarten

Louvre, Bauhaus, New York: Das Architektenduo Sanaa aus Tokio räumt die Welt auf. Ein Besuch.

Es riecht etwas. Und zwar nicht gut. Am Bordstein der Bowery, der letzten Straße, die man von Manhattan sieht, bevor es über die Brücke nach Brooklyn geht, steht ein Müllauto. Aber von dort kommt der Gestank nicht.

Das New Museum in New York - wie versetzt gestapelte Schuhkartons.

(Foto: Foto: Sanaa)

Die Müllmänner machen nur sauber, was ohnehin schon sauber ist. Auch ihnen stinkt etwas, als sie an dem Gebäude vorbeikommen. Irgendein Kleber, irgendwas aus der Zukunft der Bautechnologie kriecht hier durch die Luft.

Das kommt nicht gut in diesem Viertel, das einst Manhattans Armenhaus war, aber inzwischen so upscale ist, dass die Schlangen der Jungen und Reichen an der Kasse des Whole-Foods-Supermarkts kein Ende nehmen wollen.

Die Bowery Mission, Kirche und Obdachlosenunterkunft, muss sich um ihre Zukunft sorgen. Am anderen Ende des Blocks steht eine neue Kathedrale. Grandios sieht sie aus, weiß, verrückt und doch ausgeglichen.

Das New Museum hat sich zielsicher in das Zentrum dessen gesetzt, was einmal eine rough neighborhood war, eine raue Gegend. Rau ist jetzt teuer. Little Italy, SoHo, Greenwich Village sind nicht weit: Die perfekte Korrespondenz für ein Museum, das nicht "zeitgenössische" Kunst zeigen will, sondern neue, neueste, nie da gewesene Kunst.

Dieses Konzept gibt es in kleinen Galerien schon lange, aber nur wenige Museen verfolgen es mit dieser Entschiedenheit. Das New Museum ist in der New Yorker Kunstszene ein Gegenmodell zu den Marktplätzen gepflegter Wichtigkeit, zu den Whitneys, Guggenheims und MoMAs. Dafür hat es sich, nach einer dreißigjährigen Odyssee, die anmutet wie eine Guerillatournee durch Manhattan, einen passenden Ort ausgesucht: einen Parkplatz an der Bowery.

Das Gebäude sieht aus wie versetzt gestapelte Schuhkartons, dynamisch, instabil, sich bewegend. Diese Illusion speist sich aus der Form, vor allem aber aus der Fassadenstruktur: Das ganze Gebäude ist in großflächigen Aluminiumdraht eingefasst, der das Äußere aus jedem Blickwinkel anders erscheinen lässt: mal hell, mal dunkel, mal beides.

Dieses Klare und doch Vage zeichnet die beiden Architekten aus, die sich das Haus erdacht haben: Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, 51 und 41, betreiben seit zwölf Jahren ein Büro in Tokio.

Von dort aus räumen sie derzeit die Welt mit ihrer Architektur auf. Sie zelebriert das Immaterielle, das Unfassbare. Wände, Boden, Decke bilden keine Kontraste mehr, sondern fließen, Grenzen verflüchtigen sich, das Räumliche wird sphärisch.

In New York konnten sie dafür 50 Millionen Dollar ausgeben. Damit hat Sanaa, wie die beiden ihr Büro nennen, 5500 Quadratmeter Museum geschaffen, dessen Innenleben mit der Fassade ähnlich kontrastiert wie mit der Umgebung.

Am 1.Dezember ist Eröffnung, und vom Inneren dringt schon etwas nach draußen: "Wir werden nichts verhüllen: Die hohen Decken sind unverputzt, die Stahlträger unverkleidet, und man sieht die Klimaanlage und die Neonröhren."

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