Arbeitsalltag eines Geldtransport-Fahrers:Millionen im Laderaum, ein paar Euro auf dem Lohnzettel

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Es gibt wenige Branchen, die so widersprüchlich sind wie das Geschäft mit dem Transport von Geld. Menschen fahren für einen Minimallohn Maximalbeträge durch die Gegend. Es ist ein Job, in dem Menschen großen Gefahren und vielleicht noch größeren Versuchungen ausgesetzt sind. Eine verschwiegene Branche, die ihren Auftraggebern höchste Sicherheit garantiert und ihren Mitarbeitern häufig nur die allerniedrigste. Ein Gewerbe, in dem Menschen für ihren Lohn mitunter sogar mit ihrem Leben zahlen. Allein in Berlin sind in den letzten beiden Jahren zwei Fahrer bei Überfällen erschossen worden.

Berlin, Oranienburger Straße, Postbank, 29.10 2007: Am Vormittag wird bei einem Raubüberfall auf einen Geldtransporter in Berlin Reinickendorf ein Wachmann erschossen. Einer der Täter erleidet durch Schüsse Verletzungen. Er entkommt jedoch - gemeinsam mit seinem Komplizen.

Als die Schüsse fallen, sitzt Thilo Böhnke zu Hause. Er hat frei, gleich will er noch ein wenig an die frische Luft. Das Klingeln reißt ihn aus den Gedanken. Am Telefon ist ein Kollege, er klingt komisch und sagt, Böhnke solle den Fernseher einschalten. Auf dem Bild sieht Böhnke die Postbank, die Polizeiautos, die Absperrungen. Er schluckt. Dann geht er ans Telefon und ruft einen Kollegen an. Der weiß, welcher Kollege da liegt, zwischen all den Männern in Grün auf dem Gehsteig in der Oranienburger Straße. Böhnke kennt den Mann. "Das geht unter die Haut", sagt er. "Es ist einfach unglaublich, was Menschen alles machen, um an Geld zu kommen. Meine Frau sagt ab und zu, ich solle mit dem Job aufhören."

"Haben Sie auch Angst, dass Ihnen so etwas passieren könnte?"

"Angst nicht. Aber ich bin immer angespannt, auch noch nach 17 Jahren. Das lässt sich einfach nicht abschalten."

"Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?"

"Ich habe immer im Blick, ob ein Auto längere Zeit hinter mir herfährt. Und wenn ich an einer Ampel halten muss, lasse ich automatisch genügend Platz zum Vordermann. Damit ich notfalls schnell ausscheren und davonfahren kann."

Vorsichtig fahren - das ist eine Möglichkeit, für Sicherheit zu sorgen. Thilo Böhnke würde gerne mehr tun. Seine Fahrtroute häufiger ändern, etwa. Jeden Tag zur selben Zeit am selben Ort zu sein, ist nicht sicher. Doch der Arbeitgeber will, dass er in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Kunden bedient. Kostendruck, sagt der Arbeitgeber. Thilo Böhnke versteht, dass die Unternehmen sparen müssen. Er kritisiert jedoch, dass sie es auf Kosten ihrer Mitarbeiter tun.

Lesen Sie im dritten Teil, wie die Unternehmen an der Sicherheit ihrer Mitarbeiter sparen und wie Thilo Böhnke mit der täglichen Versuchung umgeht.

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