Arbeitsalltag eines Geldtransport-Fahrers:Millionen im Laderaum, ein paar Euro auf dem Lohnzettel

Lesezeit: 5 min

Arbeiten unter Lebensgefahr: Ein Geldtransporter-Fahrer erzählt von seinem Job, dem geringen Verdienst und seinem Traum von einem Theaterabend.

Tobias Dorfer

Der Hauptstadthimmel färbt sich im Abendrot. Thilo Böhnke läuft die Treppen zur S-Bahn-Station Hackescher Markt hinauf. Er hat die Mütze ins Gesicht gezogen, der Kragen seines Mantels ist aufgestellt. Fotografieren darf man ihn - wenn überhaupt - nur so und nur von hinten. Gleich wird er über seine Arbeit reden. Er wird viel erzählen, aber schreiben darf man nicht alles.

Arbeitsalltag eines Geldtransport-Fahrers: Transporterfahrer Thilo Böhnke an der Berliner S-Bahn-Station Hackescher Markt: "Meine Frau sagt ab und zu, ich solle mit dem Job aufhören."

Transporterfahrer Thilo Böhnke an der Berliner S-Bahn-Station Hackescher Markt: "Meine Frau sagt ab und zu, ich solle mit dem Job aufhören."

(Foto: Foto: Dorfer)

Denn Thilo Böhnke, der in Wirklichkeit anders heißt, muss anonym bleiben. Er hat bei seinem Arbeitgeber unterschrieben, dass er mit der Presse nicht reden darf. Die Firma verlangt das einerseits, weil sie nicht will, dass die Arbeitsbedingungen publik werden. Und andererseits, weil es um viel Geld geht. Geld, das von Böhnke und seinen Kollegen transportiert wird.

Der 49-Jährige fährt einen Geldtransporter für ein Sicherheitsunternehmen. Das ist gefährlich - nicht selten werden die Transporte überfallen. Auf dem Bahnsteig der Station Hackescher Markt steht ein Geldautomat. Im Abstand von zwei, drei Minuten fahren S-Bahnen ein. Die Menschen, die aus- und einsteigen nehmen den Mann kaum wahr, der vor dem Geldautomaten steht. Der Automat ist beschädigt. Die Tür, hinter der sich der Tresor befindet, biegt sich leicht nach außen. Unbekannte haben versucht, sie zu öffnen. Thilo Böhnke öffnet die Tür mit einem Schlüssel. Der Tresor ist unversehrt.

"Mit einem Stemmeisen knackt man keinen Geldautomaten", sagt Böhnke.

"Wie dann?"

"Es gibt Täter, die führen einen Schlauch in den Tresor und dann leiten sie Gas ins Innere. Eine kurze Zündung genügt, und das Ding fliegt einem um die Ohren. Das ist saugefährlich."

"Und dabei wird das Geld nicht zerstört?"

"Wenn die Täter vorsichtig sind, dann nicht. Es kommt auf die richtige Dosierung des Gases an. Das müssen echte Profis machen."

Hohe Mitarbeiterfluktuation

Seit 17 Jahren arbeitet Thilo Böhnke im Sicherheitsgewerbe. Das ist eine lange Zeit - gerade in einer Branche, in der die Mitarbeiterfluktuation ähnlich hoch ist wie im Bundesligakader des FC Bayern München. Böhnke ist im Ostteil Berlins aufgewachsen. Zwei Währungsumstellungen hat er miterlebt. Er staunte über Menschen, die Glasscheiben von Bankfilialen eindrückten, um an ihr Begrüßungsgeld zu kommen. Und über Säcke voller Geld, die ungesichert in Hinterzimmern von Poststellen lagen. "Eine verrückte Zeit", sagt Böhnke, und er lächelt dabei. So wie Menschen lächeln, die sich wehmütig an früher erinnern. An die gute, alte Zeit.

In Böhnkes guter, alter Zeit waren die Geldsäcke ungesichert und in der Luft lagen die Versprechen der Wende und der Duft von Freiheit. Es gab keine toten Kollegen, und von einem Mindestlohn hatte Böhnke noch nie etwas gehört. Heute ist das seine Realität. Die geringe Bezahlung, die tägliche Lebensgefahr.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie Thilo Böhnke vom Tod eines Kollegen erfuhr und wie die Angst seinen Arbeitsalltag beeinflusst.

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