Antikapitalisten auf Geldsuche Volksaktie der Hippies

Um ihre Enklave im Herzen Kopenhagens zu retten, geben die Antikapitalisten von Christiania ausgerechnet Aktien aus: Auf Kursgewinne oder Dividenden braucht keiner zu hoffen - aber es gibt "mehr als Geld" dafür.

Von Gunnar Herrmann

Für ihren Geschäftssinn sind die Bürger des Freistaates Christiania bislang weniger bekannt gewesen. Schließlich trotzt die Hippie-Enklave seit vier Jahrzehnten beharrlich den Behörden und den Gesetzen des Marktes. Nirgendwo im Zentrum von Kopenhagen sind die Mieten so niedrig wie auf dem ehemaligen Kasernengelände, nirgendwo scheint das hektische Leben der dänischen Hauptstadt so weit weg.

Weil sie mit einem Bankkredit nichts zu tun haben wollen, gehen die Christianiter an die Wall Street. Mit Gewinnen sollte kein Investor rechnen.

(Foto: picture-alliance, dpa)

Ausgerechnet hier hat man nun, mitten in der Finanzkrise, damit begonnen, neue Aktien auszugeben. Am Dienstag will eine Delegation aus dem autonomen Stadtteil sogar an der New Yorker Wall Street Wertpapiere verkaufen.

Kursgewinne und Dividenden sollten sich Anleger allerdings nicht erhoffen. Die "Volksaktie" bringe keinerlei monetären Vorteil, versichert Risenga Manghezi, Sprecher der Kommune. "Das ist ein soziales Investment. Man bekommt mehr als Geld dafür." Die Aktionäre werden vor allem mit dem Gefühl belohnt, etwas Schönes erhalten zu haben: Ihre Beiträge fließen zu 100 Prozent in eine neu gegründete Stiftung, die das 32 Hektar große Gebiet des Freistaates vom dänischen Staat loskaufen soll. 73 Millionen Kronen müssen die 650 Einwohner der Enklave dafür aufbringen, gut die Hälfte davon soll bis April 2012 überwiesen werden. Das ist das Ergebnis eines Kompromisses mit der dänischen Regierung.

Zehn Jahre Verhandlungen

Die versucht sei langem, das 1971 von Hausbesetzern übernommene Militärgelände zu "normalisieren". Das bedeutet: Der Freistaat soll wieder ein Teil von Kopenhagen werden. Zehn Jahre wurde darüber mit den Einwohnern verhandelt. Es gab spektakuläre Polizeieinsätze, Krawalle und endlose Debatten auf den Bürgerversammlungen des Viertels - in Christiania muss immer alles einstimmig im Konsens beschlossen werden. Schließlich einigte man sich darauf, den Christianitern ihr Viertel und einen großen Teil ihrer Autonomie zu lassen. So wird es dort auch weiterhin keine Autos, dafür aber Marihuana-Buden geben. Und neue Einwohner müssen sich auf einer Stadtteilversammlung um Wohnrecht bewerben. Im Gegenzug für diese Freiheiten müssen die Christianiter ihr Viertel aber vom Staat kaufen und künftig auch eine Pacht von 800.000 Euro jährlich zahlen.

Das ist - ebenso wie der Kaufpreis von umgerechnet zehn Millionen Euro - eigentlich ein Schnäppchen. Schließlich ist die Immobilie beste Innenstadtlage, direkt am Wasser. Die Stiftung könnte den Deal wahrscheinlich problemlos über einen Bankkredit finanzieren. Aber Christiania wäre nicht das autonome Vorbild, dass es nun mal ist, wenn man nicht wenigstens versuchen würde, die Sache unabhängig von kapitalistischen Finanzinstitutionen zu regeln - so entstand die Idee mit der Volksaktie.

Die ist genau genommen nichts anderes als eine exklusivere Version der Frage: "Haste mal ´ne Krone?" Zwischen 100 und 50.000 Kronen kostet ein Wertpapier, das man unter der Adresse www.christianiashare.com auch im Internet bestellen und per Kreditkarte bezahlen kann.