Süddeutsche Zeitung

Anlagebetrug mit erneuerbaren Energien:Millionen verheizt

In einem der größten Betrugsfälle mit Umwelttechnik wurden vermutlich mehr als 1000 Anleger geprellt. Doch viele Investoren glauben immer noch an ihr Geschäft mit der Energie.

Uwe Ritzer

Noch immer ist er hin- und hergerissen. Er grübelt, warum ihn sein sonst so sicherer geschäftlicher Instinkt verlassen hat. Ob er Opfer seiner Gier wurde, einer raffinierten Verschwörung oder doch von ganz gewöhnlichen Kriminellen, wie die Nürnberger Staatsanwaltschaft glaubt. Oder ob die vermeintliche Wundertechnik vielleicht doch funktioniert, diese scheinbare Lizenz zum Gelddrucken mit 20-Jahres-Garantie. Setze 40.000 Euro ein und kassiere 240.000 Euro. Erwin Schuster (Name geändert), ein Familienunternehmer aus Bayern, hat fast 400.000 Euro eingesetzt.

Er kaufte bei der Firma GFE Gesellschaft für Erneuerbare Energien drei Blockheizkraftwerke (BHKW). Gesehen hat er sie nie. Schuster ist einer von 1000 Anlegern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft vom GFE Management insgesamt um mindestens 50 Millionen Euro betrogen wurden. Es ist einer der größten Fälle von Betrug mit Umwelttechnik in Deutschland.

Kurioserweise fühlen sich aber viele der Anleger überhaupt nicht geprellt. Sie glauben nach wie vor an die Versprechungen der mutmaßlichen Betrüger. In Internetforen, Briefen und E-Mails toben sie sich aus, nicht selten schwer esoterisch angehaucht - schließlich geht es um Energie. Selbst erfahrene Ermittler sind verblüfft. "Das hat Züge von religiösem Fanatismus", sagt einer.

Acht Manager in Untersuchungshaft

Bizarre Verschwörungstheorien kursieren. Ein Komplott von Stromkonzernen und Staatsmacht sei Auslöser der Razzia vom 30. November 2010 gewesen. Dabei war es eine Anzeige. Drei Staatsanwälte und 150 Polizeibeamte durchsuchten 28 Büros und Wohnungen in- und außerhalb Bayerns. "Wegen des Verdachts des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs", so die Staatsanwaltschaft, sitzen seitdem acht Manager in Untersuchungshaft - nahezu die gesamte GFE-Spitze. Insgesamt wird gegen 17 Beschuldigte ermittelt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, die Anleger mit einem raffinierten Schneeballsystem abgezockt zu haben, mit den angeblichen Blockheizkraftwerken als Lockmittel.

Das Werbematerial, mit dem die GFE auch Erwin Schuster köderte, liest sich wie die Routenbeschreibung zu einer Goldader: Der Anleger kauft bei der GFE ein BHKW oder beteiligt sich an einem solchen. Anschließend vermietet er es an die GFE zurück. Diese stellt das Kraftwerk irgendwo auf, lässt es Rapsöl in Strom umwandeln und ins Netz einspeisen. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz wird Strom aus Biomasse kräftig subventioniert.

Die GFE garantierte jedem Anleger 20 Jahre lang die technische Komplettbetreuung für das BHKW und ein monatliches Fixum. Ein 40.000-Euro-Investment sollte dem Anleger 1000 Euro Garantiesumme pro Monat einbringen. Macht in 20 Jahren 240000 Euro. Das wäre eine Rendite von jährlich 30 Prozent. Tatsächlich hätten die Beschuldigten "von Anfang an geplant, nur so viele Blockheizkraftwerke herzustellen und in Betrieb zu nehmen, wie es zur Vorspiegelung eines tatsächlich nicht existierenden Geschäftsbetriebs erforderlich war", heißt es bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg.

Nur zwei BHKW sollen überhaupt gelaufen sein, stundenweise zu Vorführzwecken. Ein paar Dutzend stehen auf dem GFE-Fabrikhof herum. Die von den Anlegern eingesammelten Gelder seien "überwiegend nicht zum Kauf von Heizkraftwerken, sondern für eigene Zwecke und Zwecke Dritter verbraucht" worden, sagt die Staatsanwaltschaft. Zum Beispiel für einen großzügigen Lebensstil von GFE Managern.

Technik war besonders große Luftnummer

Großspurigkeit scheint überhaupt Geschäftsprinzip gewesen zu sein. Erwin Schuster erzählt, der GFE-Vertreter sei in einem Ferrari bei ihm aufgekreuzt. Bei einem Tag der offenen Tür Mitte September in der Nürnberger GFE-Zentrale wurden 400 Gäste mit Galadinner, Feuerspuckern, Wasserakrobaten und luftiger Trapezshow verwöhnt. Eine besonders große Luftnummer war nach Überzeugung der Ermittler jedoch die Technik der Blockheizkraftwerke.

Angeblich soll ihr Motor besonders leistungsstark sein und mit besonders wenig Rapsöl besonders viel Strom erzeugen können. Angeblich selbst dann, wenn man das Rapsöl mit viel Wasser verdünnt. Von einem Wirkungsgrad von 75 Prozent war die Rede. Fachleute schütteln ob dieser Zahl fassungslos den Kopf. 35 Prozent gelten als normal, 75 als unmöglich.

Gutachten von Dekra und TÜV Tschechien würden die Wundertechnik bestätigen, hieß es. Doch beide winken ab. "Wir haben nur den Rapsölverbrauch gemessen", sagt ein TÜV-Sprecher. "Es gibt kein Dekra-Gutachten über den Wirkungsgrad der Anlagen, wir haben nie eigene Messungen vorgenommen", sagt Gesa Köberle von Dekra Industrial.

Es ist nicht so, dass Anleger nicht gewarnt worden wären. "Unseriös, das kann nicht funktionieren", habe er Anrufern erklärt, sagt Adi Golbach, Geschäftsführer des Bundesverbands Kraft Wärme Kopplung. Allein schon der auf zehn Jahre garantierte Rapsölpreis - ein Unding angesichts der sich rasch ändernden Agrarpreise. Auch bei Erwin Schuster hat die Bank vergeblich abgeraten. "Ich dachte, die kennen sich nicht genug aus", sagt er. Er hat gekauft, nachdem ein mit der GFE verbandelter Steuerberater zum todsicheren Geschäft geraten hat.

Besonders groß war der missionarische Eifer der GFE-Vertriebsmitarbeiter. Kein Wunder bei den hohen Provisionen. 3,5 jener 19 Millionen Euro, welche die GFE nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft allein zwischen 23. August und 13. Oktober bei Anlegern einsammelte, sollen an Vertreter geflossen sein. Weitere gut 4,6 Millionen Euro wurden in die Schweiz transferiert. Dort, in Heiden im Kanton Appenzell, sitzt die Muttergesellschaft GFE Energy AG.

Beschuldigte haben stattliches Vorstrafenregister

Um sie herum wurde ein Firmengeflecht gesponnen. Spuren führen auch ins esoterische Milieu. Fakt ist, dass viele Beschuldigte ein stattliches Vorstrafenregister aufweisen. Die Palette reicht nach SZ-Informationen von Betrug über Subventionsbetrug, Urkundenfälschung bis zu Insolvenzdelikten. Mindestens drei Beschuldigte haben Freiheitsstrafen hinter sich, gegen mehrere laufen Ermittlungsverfahren, zwei wurden im April 2010 in anderem Zusammenhang wegen Betrugs in 119 Fällen angeklagt.

Vielleicht sei das alles unerheblich, hofft Erwin Schuster. Immerhin habe er bis zur Razzia die garantierten Rückzahlungen pünktlich erhalten. Kein Wunder, sagen Ermittler, bei Schneeballsystemen kassieren immer die, die früh genug dabei sind. Bis die Blase platzt. Nun ist Schuster einer von 300 Anlegern, die den Rechtsanwalt Wulf Viola beauftragt haben. "Ich glaube, dass die Technik funktioniert, wenn auch vielleicht nicht mit den versprochenen Renditen", sagt dieser. Das müsse nun technisch neutral geprüft werden. Viola sagt, er wisse von zwei BHKW, die gut laufen würden.

Viel gibt es wohl nicht mehr zu retten. Die zentrale Firma, die GFE GmbH, ist pleite. Der vorläufige Insolvenzverwalter hängt in der Luft, denn die Geschäftsunterlagen sind beschlagnahmt. GFE-Verantwortliche waren auf Anfrage nicht zu erreichen. Wer bei der GFE in der telefonischen Warteschleife landet, dem dudelt Beethovens "Für Elise" ins Ohr. Die Schicksalsmelodie wäre besser.

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Quelle:
SZ vom 17.01.2011/kst/pak
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