VW-Skandal:Aktien sollten möglichst unterschiedlich sein

Das gilt dann noch viel mehr, wenn Anleger den vielleicht häufigsten Fehler begehen und ihre Portfolios nicht breit genug diversifizieren - und wenn doch, ist die Streuung oftmals wenig effektiv. Viele kaufen im Glauben daran, den eigenen Arbeitgeber oder die Unternehmen des Heimatlandes besonders gut zu kennen, vor allem Aktien von heimischen Unternehmen. "Home bias" nennen Forscher das, die Heimat-Verzerrung. Die US-Forscher Kenneth French und James Poterba stellten sie 1991 in einer wegweisenden Studie dar, zahlreiche Folgestudien haben sie bestätigt. Bei diesem Übergewicht heimischer Aktien ist es sehr viel wahrscheinlicher, in den Depots deutscher Privatanleger VW-Aktien zu finden als welche von Hyundai, Toyota oder General Motors. Wenn dann noch weitere Auto-Aktien hinzukommen, ist die Verzerrung perfekt: Die meisten Anleger schätzen die Korrelation zwischen Titeln als zu gering ein.

Das ist aber noch nicht einmal das größte Problem. Denn selbst mit einem optimal diversifizierten Aktien-Portfolio dürften die meisten Privatleute auch langfristig keinen guten Schnitt machen. In einer relativ einfachen und naheliegenden Analyse haben sich Experten des US-Vermögensverwalters Longboard kürzlich die Entwicklung von Aktien im Russell 3000 angesehen. Das ist der größte Index der USA; er enthält die Aktien der 3000 größten börsennotierten Gesellschaften des Landes.

Anleger verkaufen zu früh und halten Verlierer zu lange

Über einen Zeitraum von 23 Jahren (1983 bis 2006) sorgten demnach 25 Prozent der Aktien für sämtliche Gewinne des Indexes. Die übrigen drei Viertel der Aktien erzielten im Schnitt keine Rendite - und mit den meisten hätten Investoren sogar Geld verloren: Die Verlustwahrscheinlichkeit lag bei 40 Prozent. Mit einer Wahrscheinlichkeit von beinahe 20 Prozent verlor eine Aktie sogar mindestens drei Viertel ihres Werts. Zwei Drittel der Aktien schnitten schlechter ab als der Index.

Jede Investition in Einzelaktien gerät so zum Wagnis, weitgehend unabhängig von der Erfahrung bei der Auswahl von Titeln.

Im Fall VW kommt nun noch der Dispositionseffekt ins Spiel, ein sehr häufiger, in der Finanzmarktforschung vielfach dokumentierter Fehler. Der Begriff geht zurück auf ein Papier der Finanzforscher Hersh Shefrin und Meir Statman. Sie zeigten erstmals 1985, dass Investoren eher Gewinner-Aktien früh verkaufen und Verlierer lange halten. In der Folge schneiden sie schlechter ab als der Markt - und zahlen mehr Steuern, als sie müssten. Halten oder verkaufen: Das ist die große Frage für VW-Anleger. Eine absolut richtige Antwort gibt es noch nicht. Denn jede Erwartung über die künftige Kursentwicklung steht im Wettbewerb mit dem Zufall.

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