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Angst an den Finanzmärkten:"Es gibt nur noch einen Rettungsanker - die EZB"

Die Furcht vor dem Auseinanderbrechen der Eurozone lässt Anleger zittern. Selbst für Staaten wie Frankreich und Österreich werden Kredite nun deutlich teurer. Offensichtlich wird nur noch einer Institution getraut: der Europäischen Zentralbank. Doch ihr Einsatz ist höchst umstritten.

Die Botschaft der Finanzmärkte am Dienstag war klar: Kernland der Europäischen Union ist Deutschland. Die Renditen für Staatsanleihen aller anderen Euro-Länder hatten zu Wochenbeginn merklich zugelegt, nur die für deutsche Staatsanleihen verharrten auf tiefem Niveau.

Am Mittwoch haben sich die Wogen indes wieder etwas geglättet. Die Renditen französischer, österreichischer, niederländischer und finnischer Anleihen gaben leicht nach, dafür zogen die für deutsche Papiere wieder geringfügig an.

Dass nun erstmals Euroländer mit der höchsten Bonitätsnote AAA ins Visier der Finanzinvestoren geraten waren, hatte für Verunsicherung gesorgt. Ob aber, wie auch behauptet, große Investoren tatsächlich gezielt und massiv gegen die betroffenen Staaten spekuliert hatten, blieb unklar.

"Das war ein ordentlicher Schock, und jetzt geht es erst einmal ans Aufarbeiten", sagte ein Händler. Vor allem asiatische Verkäufer seien aktiv gewesen. "Wir haben ein heftiges Kommunikationsproblem, denn offensichtlich verstehen die asiatischen Investoren nicht, dass wir hier auf einem guten Weg sind; dass wir sparen und nicht einfach Geld drucken wie die Amerikaner."

In den USA versorgt die Notenbank Fed das Land in der Krise mit billigem Geld. Der Händler ging davon aus, dass die aus Europa abgezogenen Gelder vor allem in Dollar-Anlagen umgeschichtet wurden: "Nur der US-Markt ist groß und liquide genug."

Der Finanzvorstand der Versicherungsgruppe Allianz, Oliver Bäte, vermutet hinter dem Druck auf Staatsanleihen koordinierte Aktionen einzelner Investoren. Er forderte, auch bei Staatsanleihen nach Risiko geordnete Tranchen einzuführen.

Nachdenklich stimmte Experten, dass sich die Krise trotz politischer Entwicklungen in Italien und Griechenland ausweitete, die eigentlich beruhigend auf Investoren wirken müssten. So hatten Italien und Griechenland unter anderem wegen des Drucks aus anderen Euro-Staaten neue Regierungen gebildet: Lukas Papademos ist nun Premier von Griechenland, Mario Monti von Italien.

Händler und Analysten sprachen von einer trügerischen Atempause und vermuteten, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bereits mit Käufen am Markt aktiv ist. "Wir stehen kurz vor einer Eskalationsstufe, und es gibt nur noch einen Rettungsanker - die EZB", sagte ein Analyst, der anonym bleiben wollte. "Wir haben Rettungsprogramme aufgelegt, Sparpläne ausgehandelt, Regierungen ausgetauscht, aber es hat alles nichts genützt." Entweder Europa laufe jetzt direkt in die Katastrophe oder die EZB schalte sich entschieden ein. "Sie könnten den Schweizer Weg nehmen und sagen, Renditen steigen auf höchstens 4,5 Prozent, ansonsten halten wir dagegen."

Unendliche Geldreserven

Für die EZB hieße das letzten Endes nichts anderes als die Notenpresse anzuwerfen. Die Schweizerische Nationalbank hatte in ihrem Kampf gegen die Aufwertung der heimischen Währung Anfang September einen Mindestkurs festgesetzt. Mit unbeschränkten Devisenkäufen verhindert sie seitdem, dass der Euro unter die Marke von 1,20 Franken fällt.

Über den Umfang der Anleihekäufe der EZB am Mittwoch gab es wie immer noch keine offiziellen Angaben. Am Montag hatte die EZB mitgeteilt, in der Vorwoche deutlich weniger Anleihen als in der ersten Novemberwoche gekauft zu haben. Der britische Guardian berichtet über Gerüchte aus der Londoner City, dem europäischen Finanzzentrum, denen zufolge die EZB am Mittwoch "aggressiv" italienische und spanische Staatsanleihen aufkaufe.

Die Frage, ob die EZB eingreifen soll, droht zum nächsten großen Streit in der Krise zu werden. Vor allem die USA und Großbritannien machen Druck auf die Euro-Staaten, die letztlich unendlichen Geldreserven der Notenbank zu nutzen, um Krisenstaaten zu stützen.

Der britische Premier David Cameron war einer der ersten, der öffentlich den Einsatz einer "Bazooka", also einer Panzerfaust forderte. Damit meint er, für den Kampf gegen die Krise müssten wesentlich größere Mengen Geld zur Verfügung gestellt werden als derzeit im Rettungsfonds EFSF stecken. Nur so, argeumentieren die Befürworter des EZB-Einsatzes, ließen sich die Märkte beruhigen: Hektische Verkäufe von Staatsanleihen würden aufhören, genau wie Spekulation gegen sie.

Die italienischen Banken verhandeln angeblich schon mit der EZB. Bankennahen Kreisen zufolge wollen sie besseren Zugang zu Zentralbank-Liquidität. Bei einem Treffen am Mittwoch soll der Chef der Großbank UniCredit, Federico Ghizzoni, das Anliegen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) vortragen. Dabei sollte es um eine Erweiterung des Sicherheitsrahmens gehen, die die Geldhäuser bei der EZB für Refinanzierungsgeschäfte hinterlegen müssen. Die Zentralbank selbst wollte sich nicht dazu äußern. Unicredit hat neue Sicherheit bitter nötig: Das Geldhaus, dem die deutsche Hypo-Vereinsbank gehört, hatte am Montag einen Verlust von mehr als zehn Milliarden Euro gemeldet.

© Reuters/dapd/jab/hgn
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