Süddeutsche Zeitung

Altersvorsorge der Deutschen:Heute egal, morgen pleite

Die Deutschen beschäftigen sich nur ungern mit ihrem Geld, Finanzwissen ist für viele ein Fremdwort. Das wird schon bald zu einem großen Problem für die ganze Volkswirtschaft.

Von Jan Willmroth

Der deutsche Sparer ist ein widersprüchliches Wesen. Im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn spart er überdurchschnittlich viel. Regelmäßig hebt er mehr als ein Zehntel seines verfügbaren Einkommens auf. In Europa haben die Bürger nur in der Schweiz, in Schweden und Luxemburg im vergangenen Jahr mehr auf die hohe Kante gelegt.

Was der Deutsche einmal auf die Seite getan hat, soll aber auf keinen Fall verschwinden. Deshalb deponiert er es am liebsten dort, wo er es sicher glaubt. Mehr als die Hälfte der Sparer steckt ihr Geld in Sparbücher, mehr als ein Drittel in Bausparverträge und in Lebensversicherungen. Oder gleich aufs Girokonto. Also dorthin, wo angesichts von Zinsen unterhalb der Inflationsrate vor allem eines sicher ist: dass hart erarbeitetes Geld mit der Zeit schwindet.

Das mag eine pauschale Beschreibung sein, basierend auf Durchschnittswerten und Beobachtungen. Doch sie verrät viel darüber, wie gering die Kultur der privaten Geldanlage in Deutschland entwickelt ist. Schlimmer noch: Sie entwickelt sich gerade in die falsche Richtung. Die Deutschen und das Sparen, das ist schon lange eine leidvolle Beziehung. Die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg besteht als kollektives Trauma fort. Die Verluste jener Zeit um die Jahrtausendwende, als der Neue Markt mit atemberaubenden Renditen lockte, Aktien sogar beim morgendlichen Brötchenkauf Thema waren und Tausende Anleger gute Teile ihres Vermögens an der Börse verzockten, sitzen immer noch tief.

Die Finanzkrise ab 2007 und die aktuelle Staatsschuldenkrise scheinen es noch verstärkt zu haben, das Gefühl: Wer Rendite sucht, ist den Finanzmärkten schutzlos ausgeliefert, den Banken, den Hedgefonds, all jenen, die in solchen Krisen die Hauptrolle spielen. Wer etwas kauft, dessen Risiken über die eines Sparkontos hinausgehen, bringt sein Geld schnell in Gefahr - diese Überzeugung hat sich ins Gedächtnis der Sparer eingebrannt. Und sie ist berechtigt, solange man zu wenig darüber weiß, was mit dem Geld passiert. Chancen erkennen, wo wirklich welche bestehen? Das ist anstrengend, es kostet Zeit, es kann überfordern.

Offenbar fehlt den meisten dazu auch die wichtigste Voraussetzung: der Wille, sich mit Finanzdingen zu beschäftigen. Die Fondsgesellschaft Union Investment veröffentlicht alle drei Monate eine Umfrage zum Anlegerverhalten in Deutschland. Nur ein Fünftel der 20- bis 59-Jährigen setzt sich gerne mit Finanzen auseinander. Das betrifft vor allem junge Menschen: 59 Prozent der Befragten zwischen 20 und 29 Jahren halten ihr Finanzwissen für unzureichend. Die Folge: Fast die Hälfte in dieser Altersgruppe legt großen Wert auf eine Empfehlung ihres Bankberaters. Warum selbst kümmern, wenn der Kollege bei der Sparkasse es übernimmt?

Gefälle zwischen Arm und Reich auch eine Frage des Wissens

Die Ergebnisse der Umfrage decken sich mit dem Stand der Forschung. In der Ökonomie ist das Finanzwissen von Privatleuten seit Jahren von immer größerem Interesse, wie die steigende Anzahl der Veröffentlichungen zeigt. Die weltweiten Finanzmärkte seien für kleine Investoren angesichts einer stark wachsenden Anzahl neuer Produkte und Dienstleistungen immer leichter erreichbar, schreiben die US-Ökonominnen Annamaria Lusardi und Olivia Mitchell in einer Metastudie über den aktuellen Stand der Forschung. Die These: Komplexere Märkte erfordern immer mehr Anlegerwissen - um Risiken einschätzen zu können und ihre Renditechancen zu erhöhen. Das klappt aber nicht.

Um das Wissen zu messen, stellen Wirtschaftsforscher rund um den Globus Privatanlegern drei simple Fragen:

Wie viel sind 100 Dollar bei einer Verzinsung von zwei Prozent pro Jahr nach fünf Jahren wert? Mehr als, weniger als, oder genau 102 Dollar? (Richtige Antwort: mehr)

Wenn die Rendite eines Sparbuchs bei einem Prozent liegt und die Inflation bei zwei Prozent, können Sie sich von dem dort hinterlegten Geld nach einem Jahr mehr, weniger, oder gleich viel kaufen? (Richtige Antwort: weniger)

Ist die folgende Aussage wahr oder falsch: Eine einzelne Aktie zu kaufen liefert in der Regel eine sicherere Rendite als ein Aktienfonds? (Falsch)

Jüngeren fehlt die Kreativität beim Sparen

Das sind einfache Zusammenhänge, für die niemand spezielles Wirtschaftswissen braucht. Doch die Ergebnisse sind in vielen Industrieländern ernüchternd. Nur etwa jeder zweite Deutsche beantwortet alle drei Fragen korrekt. 37 Prozent antworten auf mindestens eine mit: "Ich weiß nicht." Eine ziemlich große Lücke, die aus mehreren Gründen ein großes Problem ist.

Erstens ist da der soziale Aspekt: Über Finanzwissen verfügen vor allem Reiche und Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen, sie investieren auch geschickter. Weniger gebildete und ärmere Leute begehen eher Fehler, mit denen sie Geld verlieren, haben Forscher errechnet. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist also auch eine Frage des Wissens. Zweitens fallen finanziell Unbedarfte leichter auf Betrüger herein oder lassen sich Zockerpapiere aufschwatzen, wie es in Bankfilialen tausendfach passiert.

Der dritte Grund ist die demografische Entwicklung. Der Ökonom Hans-Werner Sinn sieht einen Sturm auf Deutschland zukommen. "Es ist sicher, dass der deutsche Staat in etwa 15 Jahren in eine fundamentale Finanzierungskrise rutscht", sagt er. Dann nämlich wird die Generation der Babyboomer in den Ruhestand gehen, also jene Menschen, die zwischen 1955 und 1970 geboren sind. Spätestens dann schwindet die Finanzierungsgrundlage des deutschen Rentensystems. Gerade junge Menschen sollte das motivieren, sich um die eigene Vorsorge zu kümmern. Wer früher spart, sorgt besser vor. Wer mehr über Finanzen weiß, plant eher für sein Alter und hat nachher Vorteile.

Doch ausgerechnet Jüngeren fehlt außer der Lernbereitschaft auch die Kreativität beim Sparen. Die langfristige Entwicklung sei geradezu alarmierend, schreibt etwa das Deutsche Aktieninstitut. Seit dem Crash nach der Jahrtausendwende haben fast vier Millionen Menschen der Börse den Rücken gekehrt, vor allem jüngere Anleger. Ein Paradebeispiel verpasster Gelegenheit: In dieser Zeit vervierfachte sich der Dax.

Die Ignoranz der vielen gegenüber finanziellen Dingen kann sich so zu einem gesamtwirtschaftlichen Problem auswirken, wenn sich nichts ändert. Sicher, es ist mühsam, über Geld nachzudenken. Wer sich aber nicht darin versucht, sollte sich in Zukunft auch nicht über niedrige Zinsen beschweren, über Rentenkürzungen oder falsche Beratung bei Banken und Versicherungen. Vielleicht ist es an der Zeit, schon Schulkindern beizubringen, was sie über die Finanzwelt wissen sollten.

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Quelle:
SZ vom 11.07.2014/sana
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