Alles was Recht ist Rachael Wilson

Die Mezzosopranistin möchte sich nicht über kleine Dinge ärgern, sondern dankbar sein.

Wann wurden Sie zuletzt ungerecht behandelt?

Wenn ich am Morgen aufwache, mache ich mir ein Frühstück, ich schaue auf mein iPhone und eile zur Probe in die Bayerische Staatsoper. Dort treffe ich jeden Tag Dutzende Leute, mit denen ich Kunst machen darf. In so einer Situation überschätzt man manche Dinge. Da ist es einfach, sich ungerecht behandelt zu fühlen, es ist sogar noch einfacher zu verwechseln, was wirklich ungerecht und was nur unbequem ist. Ich habe gelernt, dass viele Dinge nur Unbequemlichkeiten sind, etwa übersehen zu werden oder nicht das zu bekommen, was man möchte. Auf der Welt gibt es Menschen, die viel mehr leiden, als ich es mir als Opernsängerin in der Utopie von München vorstellen kann. Es gibt Menschen, deren Existenz nicht einmal beachtet wird, ohne Rechte, ohne Essen. Menschen, die in den Kriegen reicher Politiker kämpfen und sterben. Mein Schicksal hat mir ein privilegiertes Leben geschenkt, eines, bei dem ich persönlich nie erfahren musste, wie es wirklich ist, ungerecht behandelt zu werden. Dafür bin ich dankbar. Vielleicht ist es unsere Pflicht als privilegierte Menschen, aus unserem eigenen Anspruch auszubrechen und zu fragen: Ist das wirklich Ungerechtigkeit, die uns geschieht oder eher unsere eigene Maßlosigkeit?

Rachael Wilson singt u.a. in "Le nozze di Figaro" (5./7.7.) und "Andrea Chénier" (21./25.7.)