17. Mai 2010, 20:50 Reden wir über Geld: Katja Kipping "Bei den Linken ist Luxus legitim"

Politikerin Katja Kipping über Lustkäufe, ihren Kampf für 950 Euro Grundeinkommen und die Unbeholfenheit grauhaariger Kollegen.

Interview: A. Mühlauer u. H. Wilhelm

Katja Kipping empfängt in ihrem Bundestagsbüro gleich hinter dem Berliner Reichstag. Draußen geht die Sonne langsam unter. Am nächsten Morgen wird die 31-Jährige wieder hinausfahren ins Land, um in Fußgängerzonen Wahlkampf zu machen für ihre Partei Die Linke, deren Vize-Vorsitzende sie ist. Jetzt nimmt sie sich zwei Stunden Zeit, um über Geld zu reden. Sie nippt noch kurz an ihrer Tasse Tee, fährt sich mit der linken Hand durch die roten Haare, dann kann es losgehen.

Linke-Politikerin Katja Kipping liebt Intensivshopping im Leipziger Hauptbahnhof.

(Foto: Foto: getty)

SZ: Frau Kipping, reden wir über Geld. Darf man als Linke Geld verprassen und im Luxus leben?

Katja Kipping: In den Köpfen von sehr vielen wird der Sozialismus immer noch mit dem Aschgrau der Wohnblocks in Verbindung gebracht. Ich will keine aschgrauen Uniformen, sondern Frühlingsgrün. Wenn es eine politische Richtung gibt, in der Luxus legitim ist, dann bei den Linken. Wir predigen ja kein Wasser, sondern wir möchten, dass es allen besser geht, nicht nur wenigen.

SZ: Was war Ihr letzter Lustkauf?

Kipping: Intensive Kauferlebnisse habe ich meistens in Leipzig. Ich bin ja viel mit dem Zug unterwegs und am Leipziger Hauptbahnhof muss ich häufiger umsteigen. Da habe ich dann eine halbe Stunde Zeit. Das ist Intensivshopping. Ich mag es, wenn ich es in kurzer Zeit schaffe, etwas Schönes und Günstiges zu bekommen.

SZ: Von wegen linker Luxus - Sie sind ein Sparfuchs.

Kipping: Meine Großmutter ist sehr sparsam. Sie verwendet jeden Plastikbeutel gründlich und mehrfach. Manchmal bemerke ich Verhaltensweisen an mir und denke dann: Oh je, das ist das Erbe deiner Großmutter.

SZ: Zum Beispiel?

Kipping: Wenn ich einen Teebeutel aufgieße und nachher überlege, ob ich ihn sofort wegwerfe oder noch mal aufgieße (lacht).

SZ: Sind Ihre Eltern auch so sparsam?

Kipping: Meine Eltern haben mir vor allem den Wert von kulturellem Reichtum nahegebracht, der nicht immer viel kosten muss.

SZ: Ihr Vater war Ökonom...

Kipping: ... bis zur Wende. Danach hat er eine Villa seiner Großmutter in Dresden reprivatisiert und betreibt dort nun ein Hotel mit seinem Bruder.

SZ: Das erben Sie einmal und werden Hotelbesitzerin.

Kipping: Es gibt Leute, die ein Hotel besser leiten können als ich.

SZ: Empfinden Sie Besitz als Last?

Kipping: Ein richtig guter Laptop ist hilfreich. Und eine gewisse Summe auf dem Konto zu haben, erleichtert Entscheidungsfreiheit. Aber eine Eigentumswohnung oder ein teures Auto? Das wäre eine Belastung für mich. Ich fahre lieber ein gebrauchtes Fahrrad. Die Angst und der Stress, dass ein neues, edles sofort gestohlen würde, wären mir zu groß.

SZ: Wie viel verdienen Sie denn?

Kipping: Etwa 7800 Euro brutto.

SZ: Haben Sie Aktien?

Kipping: Ich halte nichts von Moralismus. Adorno hat gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Im Rahmen eines Systems, in dem viele Sachen ganz anders sind, als man es als Linker will, gibt es kein widerspruchsfreies Handeln.

SZ: Das heißt, Sie haben Aktien?

Kipping: Nein. Ich hab mir mal Finanzprodukte mit tollem Namen einreden lassen. Seit längerem setze ich wieder auf das gute alte Sparbuch und das Festzinssparen. Das bringt nicht so viel Profit, hat aber auch keine negativen Auswirkungen. Da wird kein Druck auf Unternehmen aufgebaut, Leute zu entlassen.

SZ: Den meisten Menschen reicht die gesetzliche Rente nicht, sie müssen privat vorsorgen. Die niedrigen Zinsen, die es für festverzinsliche Wertpapiere gibt, genügen nicht.

Kipping: Wenn mein Mitbewohner einen Brief von der Rentenversicherung bekommt, macht er ihn nicht auf. Das frustriere ihn zu sehr, sagt er.

SZ: Und was sagen Sie ihm, soll er privat vorsorgen?

Kipping: Ich bin aus gutem Grund keine Finanzberaterin geworden. Ich könnte ihm nicht mit gutem Gewissen sagen, dass er sein Geld in Fonds anlegen soll. Gleichzeitig sehe ich, dass die Rente immer weniger vor Altersarmut schützt.

SZ: Was sagen Sie ihm als Politikerin?

Kipping: Ich kämpfe dafür, dass die gesetzliche Rentenversicherung so gestärkt wird, dass keiner unter 800 Euro im Alter fällt.

SZ: Das kriegen Sie doch nie hin.

Kipping: Jede Politikerin, die verhindern will, dass es jede Menge Altersarmut geben wird, muss das fordern.

SZ: Eine Ihrer Hauptforderungen ist das bedingungslose Grundeinkommen in Höhe von 950 Euro. Wie kommen Sie genau auf diesen Betrag?

Kipping: Das soll nicht nur Brot und Butter ermöglichen, sondern auch kulturelle Teilhabe. Dafür braucht man zwischen 800 und 1000 Euro. Das ist durch Studien belegt.

SZ: Und das soll jeder Bürger bekommen, auch wenn er keine Lust hat, arbeiten zu gehen? Das ist doch absurd.

Kipping: Alle reden nur von Erwerbsarbeit. Aber es gibt vier Arten von Arbeit, die gleichwertig sind: die Erwerbsarbeit, die Fürsorgearbeit, die politisch-gesellschaftliche Arbeit und Arbeit an sich selbst, vorstellbar als Muße oder Weiterbildung.

SZ: Der Mensch ist von sich aus faul. Sicher würden einige angesichts von 950 Euro das Arbeiten einstellen.

Kipping: Der Mensch hat immer beides in sich: den Wunsch sich einzubringen und den inneren Schweinehund. Was die Oberhand gewinnt, hängt auch vom Bildungswesen und dem konkreten Arbeitsumfeld ab. Wenn man erreichen möchte, dass Menschen sich mehr einbringen in die Gesellschaft, dann darf man nicht die finanziellen Daumenschrauben anlegen. In unserer Gesellschaft sind doch die Maßstäbe verkehrt. Workaholics, die 80 Stunden pro Woche arbeiten und keinen Handgriff zu Hause machen, gelten als erfolgreich. Dabei ist nicht jede Erwerbsarbeit automatisch Leistung an der Gesellschaft.

SZ: Und wer soll dieses Grundeinkommen überhaupt bezahlen?

Kipping: Es muss eine enorme Umverteilung geben. Das reichste Drittel der Gesellschaft muss draufzahlen.

SZ: Das haben wir uns schon gedacht. Aber sagen Sie mal: Ihr Modell mit den vier Arbeitsarten, die gleichwertig sein sollen - gilt das auch für Politiker?

Kipping: Mein Anspruch an mich wäre, in allen vier Bereichen tätig zu sein.

SZ: Und, klappt das?

Kipping: Politisches Engagement und Erwerbsarbeit fallen bei mir immerhin schon mal zusammen. Aber ich gebe zu: Bei der Muße, also einer Form der Arbeit an sich selber, hapert es.

SZ: Eben. Als Berufspolitikerin gehören Sie doch zu den Workaholics.

Kipping: Sie haben recht, das ist ein Widerspruch. Aber ich arbeite an mir, mehr Zeit für Muße zu finden. Mir wäre es wesentlich lieber, alle Menschen hätten einen Teilzeitjob, als dass ein paar irre viel arbeiten und die anderen erwerbslos sind. Aber: Ich habe selbst viele 70-Stunden-Wochen, wobei mir die Grenze zwischen Ehrenamt und Arbeit fließend ist.

SZ: Sind Sie eine Karrieristin? Ihr Lebenslauf sieht jedenfalls so aus.

Kipping: Könnte man meinen. Dabei bin ich der Auffassung, dass man den kapitalistischen Komparativ nicht ins eigene Leben verinnerlichen soll. Zu den meisten Ämtern bin ich eher zufällig gekommen. Das Amt der stellvertretenden PDS-Bundesvorsitzenden zum Beispiel, das war eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Der Landesvorstand hat mich überredet, weil die Partei in der Krise war und man jemanden brauchte, der unbelastet war und sich durchsetzen kann.

SZ: Ihr Parteikollege Lothar Bisky hat mal über Sie gesagt, Sie könnten linke Politik auch auf dem Plakat gut rüberbringen. Ihr eigener Parteichef hält Sie also für ein rothaariges Dummchen, mit dem man Stimmen fängt.

Kipping: Er hat das auf Nachfrage eines Journalisten gesagt und ist da in die Falle getappt. Er sagte, natürlich sei das nicht von Nachteil. So was wird dann immer aus dem Zusammenhang gerissen.

SZ: Wie lange müssen Sie sich Ihr Alter noch vorhalten lassen?

Kipping: Sie meinen eher: Wie tief müssen die Augenringe noch werden, damit das aufhört? (lacht) Ich bin ja mit 21 in den Landtag gekommen und habe mich ausgerechnet in der Verkehrspolitik engagiert. Da hat es mit den älteren Männern schon manchmal ganz schön gekracht. Heute amüsiert mich das eher und ich merke, dass das auch so eine Unbeholfenheit der Männer ist.

SZ: Weil die alten Männer nicht damit umgehen können, dass Sie jung sind und gut aussehen?

Kipping: Eher weil meine Art, mich durchzusetzen, so anders ist als die ihre. Aber mittlerweile gibt es ja mehrere junge Frauen bei uns.

SZ: Die sind alle rothaarig. Färben Sie alle sich die Haare in der Parteifarbe?

Kipping: Heute hat mich ein Journalist gefragt, ob eine junge Rothaarige in der Fraktion nicht reichen würde. Da habe ich ihn gefragt, ob er die Frage einem Mann mit grauem Haar ebenso gestellt hätte.

SZ: Sie sind in Wirklichkeit aber blond, oder?

Kipping: Dreckigblond, ja. Aber ich hab mir die Haare schon mal zu Abiturzeiten gefärbt, als an Parteimitgliedschaft nicht zu denken war. Das war eigentlich ein Gag auf der Geburtstagsfeier einer Freundin.