Süddeutsche Zeitung

Zukunftslabor MIT Media Lab:Technologie fürs Jahr 2040

Sie entwickeln Detektoren, um Lügen in politischen E-Mails aufzuspüren. Sie wollen Gefangene zu Bloggern machen. Und sie haben Fahrradhelme, die anzeigen, ob der Radler gerade nicht aufpasst. Im MIT Media Lab an der amerikanischen Ostküste entwerfen Forscher die Technologien von übermorgen.

Matthias Kolb, Cambridge

Ethan Zuckerman steht mit leuchtenden Augen in einem hellen Labor und zeigt auf eine Apparatur mit mehreren Metallarmen, die von der Decke hängt. "Diese Roboterharfe hat Tod Machover für die Oper 'Death and the Powers' gebaut", erklärt Zuckerman. Er forscht seit Herbst 2011 am MIT Media Lab in Cambridge bei Boston. Machover beschäftigt sich mit der Zukunft der Oper und schickt in "Death and the Powers" neben Sängern auch Roboter auf die Bühne.

"Hier entstehen verrückte Dinge, die auch Leuten gefallen, denen Oper ziemlich egal ist. Ein Student hat ein Instrument erfunden, mit dem man lernen kann, Gitarre zu spielen. Daraus entstanden die Videospiele Guitar Hero und Rock Band", berichtet Zuckerman. Er geht hinüber ins Labor von Hiroshi Ishii und Henry Holtzman. Ihre Arbeit wird vor allem von British Telecom finanziert, einem der 80 Sponsoren. Es gilt das Prinzip einer Kunsthochschule: Unterstützt von einem der 28 Professoren tüfteln 140 Studenten an Projekten.

Holtzmans Gruppe hat etwa einen Fahrradhelm entwickelt, an dessen Unterseite Scanner angebracht sind: Konzentriert sich der Radler auf die Straße, leuchtet der Helm grün. Ist der Fahrer abgelenkt, blinkt er rot - als Warnung an andere Verkehrsteilnehmer. Lächelnd greift der 39-jährige Zuckerman zu einem Portemonnaie: "Wenn ich in dieser Woche schon viel Geld ausgegeben habe, dann öffnet es sich schwer. War ich sparsam, spüre ich kaum Widerstand."

Das Media Lab des berühmten Massachusetts Institute of Technology wurde 1985 von Nicholas Negroponte gegründet: Er wollte es Wissenschaftlern ermöglichen, interdisziplinär und ohne Zeitdruck über die Auswirkungen der Informationstechnik auf den Alltag zu forschen. Diese Haltung habe überlebt, berichtet Zuckerman: "Meine Kollegen sagen gern, dass sie an Problemen arbeiten, die in 20 bis 50 Jahren relevant werden. Die Frage nach der Nutzbarkeit halten sie für kleingeistig. Hier herrscht das Prinzip, so weit in die Zukunft zu schauen, dass die Forscher sagen können: Ich werde schon tot sein, wenn andere beurteilen, ob meine Arbeit eine Bedeutung hat."

Lügendetektor für politische Mails

Ethan Zuckerman, ein korpulenter Kerl mit langen Haaren und einer Vorliebe für bunte Hemden, denkt anders: Ihn treibt der Wunsch, etwas zu verändern. 1999 gründete er das Programm Geekcorps, das Techniker in Entwicklungsländer schickt. Nun erforscht der 39-Jährige als Chef des Bereichs Civic Media, wie neue und traditionelle Medien Politik und gesellschaftliche Debatten beeinflussen. So hat sich Zuckerman sehr früh intensiv mit dem Einfluss von Twitter und Facebook auf den Verlauf des Arabischen Frühlings beschäftigt. Und dass die Ideen des studierten Philosophen Wirkung zeigen, zeigt die Ehrung des Magazins Foreign Policy, das ihn 2011 zu einem der 100 einflussreichsten Denker der Welt kürte.

Zuckerman fasziniert, wie sich Medien als Ökosystem verhalten und wer wen beeinflusst. Seine Studenten untersuchen etwa den Fall Trayvon Martin: Über den schwarzen Teenager, der in Florida erschossen wurde, wurde zunächst weder bei Twitter noch im Fernsehen berichtet - die Information wurde über Mailinglisten der afroamerikanischen Community verbreitet. Zuckerman ist ein Optimist, wenn es um die Chancen der IT geht, doch die Ignoranz der westlichen Gesellschaft macht ihm Sorgen. Bereits 2005 hat er die internationale Blogger-Plattform Global Voices gegründet: Hier werden Blogs aus aller Welt in 15 Sprachen übersetzt, um über jene Teile der Welt zu berichten, die Mainstream-Medien ignorieren.

Um die Unkenntnis der Amerikaner und Westeuropäer zu mindern, tüftelt er an einem Gegenmittel. In den USA seien kleine Geräte namens Fitbit sehr beliebt, die alle Schritte einer Person zählen: "Wenn ich heute faul war, weiß ich, dass ich noch mal um den Block gehen sollte, bevor ich ins Auto steige. Etwas Ähnliches möchten wir für Leser entwickeln. So ein Tool würde den Leuten zeigen: Ich lese fast nur Artikel über Nordamerika und Football, aber mit Europa oder Afrika beschäftige ich mich nie."

Inhaltsangabe auf alle Medien

Zuckerman träumt davon, dass irgendwann auf allen Medien eine Inhaltsangabe steht. Analog zu Nahrungsmitteln und deren Kaloriengehalt wäre auf dem Titelbild einer Ausgabe des Nachrichtenmagazins Newsweek vermerkt, dass sich 70 Prozent der Artikel mit Amerika beschäftigen und jeder zweite sich um Politik dreht. Bei Glamour sähe die Mischung ganz anders aus. Ein solcher Aufkleber, so hofft Zuckerman, könnte die Bürger wachrütteln und die Demokratie stärken.

Ähnlich aufklärend soll Lazy Truth wirken, das wie ein Lügendetektor den Wahrheitsgehalt von politischen E-Mails überprüft. "Vor Weihnachten erhalten Amerikaner E-Mails, wonach Obama den Weihnachtsbaum vor dem Weißen Haus entfernen will, weil er angeblich Muslim ist. Unser Programm verknüpft diese falsche Behauptung mit entsprechenden Artikeln von Websites wie factcheck.org oder The Fact Checker", erklärt Zuckerman.

Gefangene sollen bloggen

Ein Student des MIT Media Lab hat untersucht, wie viele Artikel in der New York Times von Frauen geschrieben wurden und welche Personen darin zitiert werden. Das Ergebnis: Männer zitieren vor allem Männer, während Frauen mehr Frauen zu Wort kommen lassen - allerdings längst nicht so ausgeprägt wie die Männer. Auch hier soll ein Instrumentarium entstehen, dass es Medienmachern ermöglicht, gegenzusteuern. Für den Boston Globe analysiert ein Mitarbeiter Zuckermans, wie oft über welche Stadtteile berichtet wird und welche Wörter häufig in den Artikeln vorkommen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Civic-Media-Forscher betrifft den Einsatz von Blogs und Twitter: Eifrig wird an technischen Lösungen gearbeitet, damit etwa Regierungskritiker in China oder mexikanische Arbeitsmigranten in Amerika auch ohne teure Smartphones die Möglichkeit haben, sich zu informieren und ihre Anliegen öffentlich zu machen. Die Plattform VoJo.co, die Zuckermans Kollege Sasha Constanza-Chock entwickelt hat, lässt sich mit jedem Telefon bedienen: Je nachdem welche Tasten der Anrufer drückt, wird ihm entweder vorgelesen oder er kann eine eigene Botschaft aufzeichnen.

Ein ähnliches Ziel hat das Projekt Between the Bars, mit dem Zuckerman auf eines der drängendsten Probleme seiner Heimat aufmerksam machen will: Amerika steckt mehr Bürger ins Gefängnis als jedes andere Land. "Wenn mehr als ein Prozent der Bevölkerung hinter Gittern ist, muss man sich die Frage stellen, inwieweit diese Leute noch am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen", erklärt der 39-Jährige. Die MIT-Forscher haben sich also eine Möglichkeit überlegt, wie Gefangene bloggen können: "Dies geschieht über Briefe. Die Häftlinge schreiben uns, wir scannen die Texte und stellen sie ins Netz. Wenn Nutzer Kommentare schreiben, drucken wir sie aus und schicken sie zurück."

Auf diese Art entsteht ein klassischer Blog, dessen einzige Besonderheit ist, dass der Inhalt eben über Papier geliefert wird. Zuckerman und sein Team suchen nach Lösungen für wichtige Herausforderungen unserer Zeit. Gewiss: Auch bei ihrer Arbeit wird sich erst nach vielen Jahren zeigen, was sich durchsetzt. Doch weil das MIT Media Lab den Forschern viel Freiheit gibt, können hier Dinge entstehen, die die Welt ein kleines bisschen besser machen.

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