Zukunft des Internet Generation "Null Blog"

Madrigal bezweifelt nicht den soliden, deskriptiven Gehalt des Artikels, fragt sich aber, woher Andersons Glaube an das Unausweichliche der von ihm aufgezeigten Trends komme. Der schieren Existenz einer Technologie schreibe Anderson eine normative Kraft zu, die sich historisch keinesfalls belegen lasse: "Es gibt zu viele Forschungen, die gezeigt haben, dass Technologien und Systeme durch soziale Bewegungen, Ereignisse und Regierungen, durch politische Ideen und außergewöhnliche Zufälle in eine (ungestaltete) Form gebracht werden."

Schatz, die Raketenpost ist da

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Die Rahmenbedingungen für Technologien sind gestaltbar und beeinflussen wiederum deren Wirkungsmacht. Die Tatsache, dass die Technik der Handfeuerwaffen in der Welt ist, prägt eben aus vielerlei Gründen das Leben in Luxemburg erheblich weniger als das in Kolumbien. So ist nun auch nicht vorherbestimmt, wie etwa der erwartete Siegeszug des mobilen Internets uns prägen wird. Denn die Versuche, für dieses Feld zum Beispiel die Netzneutralität für obsolet zu erklären sind nicht Fingerzeige des Schicksals, sondern Wegscheiden; Herausforderungen, denen sich die digitale Gesellschaft auch stellen kann.

Der Spiegel staunt indes über seine Generation "Null Blog", über die Kinder und Jugendlichen also, die zwar mit dem Internet aufgewachsen, überraschenderweise aber der realen Welt durchaus zugetan sein sollen. Der Einfluss des Netzes auf die nächste Generation, und ihr Interesse daran, so der Tenor des Artikels, müsse doch weit überschätzt sein. So spiele das Internet eine "paradoxe Rolle" für einen der beschriebenen Jungen: "Er nutzt es ausgiebig - aber es interessiert ihn nicht. Es ist unverzichtbar, aber nur, wenn sonst nichts anliegt." Aber zeigt es einen Bedeutungsverlust an, wenn das Netz von diesen Kindern nicht mehr als "ungemein neu und anders" angesehen wird, als "revolutionäre Macht, die alles packt und umformt", wie der Spiegel schreibt, sondern als "normal"?

Schiefe Rechenmethode

Dann muss es wohl auch ein Zeichen für die schwindende Bedeutung des Automobils gewesen sein, als die Menschen aufhörten, sich auf der Straße nach jedem Wagen umzudrehen. Diese Jugendlichen nutzen das Netz so beiläufig, gerade weil es voraussetzungsloser, selbstverständlicher und allgegenwärtiger Teil ihres Lebens ist. Prozentual am Medienangebot gemessen haben ihre Großeltern vor 50 Jahren viel mehr ferngesehen, nämlich alles was zwischen Sendebeginn und Sendeschluss gezeigt wurde; dazu noch viel konzentrierter, im abgedunkelten Zimmer dicht vor der Mattscheibe sitzend. Diese Art des Umgangs mit dem Medium ist passé, und damit wäre das Fernsehen nach Chris Andersons Rechenmethode wohl tot. Ganz so scheint es nicht zu sein.

Kaum eine Antwort auf die Wired-Titelgeschichte kommt ohne den Rekurs auf Mark Twain aus, und tatsächlich wirken die Gerüchte vom Hinscheiden des Webs stark übertrieben. Aber es befindet sich in einem Prozess der Anpassung an veränderte technische Möglichkeiten, an ein verändertes Nutzungsverhalten und nicht zuletzt an ökonomische Interessen. Dessen genauer Ausgang ist offen. Na und? In einem E-Mail-Wechsel mit Chris Anderson, den Wired dokumentiert, hat Tim O'Reilly, der Vordenker des Web 2.0, es so formuliert: "Ich werde zugeben, dass das Web tot ist, wenn du zugibst, dass ein Kind tot ist, sobald es erwachsen wird."