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Zukunft der Arbeit:Der Fortschritt passiert rasend schnell

Es sind der fast schon unheimlich schnell rasende Fortschritt bei Computerchips und bessere Algorithmen, die dazu geführt haben, dass Maschinen - also Computer - in einigen Einzeldisziplinen den Menschen heute tatsächlich weit überflügeln, etwa weil sie ganze Datenberge binnen kürzester Zeit nicht bloß stumpf durchkämmen, sondern daraus auch Schlüsse ziehen und Entscheidungen vorschlagen können. Und nicht nur das. Vor Kurzem stellte IBM ein System vor, das mit Menschen diskutieren kann. Und Google ließ auf seiner Entwicklerkonferenz über ein KI-System telefonisch einen Friseurtermin vereinbaren, ohne dass die Mitarbeiterin im Salon überhaupt merkte, dass sie nicht mit einem Menschen sprach.

All diese KI-Systeme haben eines gemein: Es sind Computerprogramme, viel zu abstrakt, als dass sie die Hauptrolle in einem Hollywood-Blockbuster spielen könnten. Filme wie "Her", in dem sich ein Mensch in eine KI verliebt, und Kubricks epochales Meisterwerk "2001" mit seinem Computer HAL 9000, der nur als Stimme und als rot leuchtendes Auge in Erscheinung tritt, sind da die Ausnahme.

Die heutigen Programme, die Aufgaben von Menschen übernehmen können, stecken nicht in den Körpern von Androiden, und sie sind, zumindest derzeit, auch noch weitaus weniger schlau als das Betriebssystem Samantha aus "Her" und schon gar nicht so herzlos-gerissen wie Kubricks HAL. Sie vollbringen keine Wunderdinge. Sie sind mehr oder weniger ausgefeilte Hilfsmittel.

Auch Bürojobs werden wegfallen

Das macht sie aber nicht minder mächtig. Für die Menschen, die auch künftig noch einen Job haben wollen, kommt es nun darauf an, sich mit den neuen, unsichtbaren Kollegen zu arrangieren. Treffen wird es nämlich nicht nur Tätigkeiten, bei denen sich jeder leicht vorstellen kann, dass sie automatisiert werden können, die des Kassenpersonals im Supermarkt oder ähnliche Jobs.

Treffen wird es auch Bürojobs. Bereits innerhalb der nächsten fünf Jahre könnten gut 40 Prozent der Geschäftsprozesse im sogenannten Backoffice von robotischer Prozessautomatisierung (RPA) erledigt werden, sagt die Beratungsagentur A. T. Kearney voraus. Solche Programme können zum Beispiel Informationen wie Name, Adresse, Bestellnummer aus Kunden-E-Mails in die Computersysteme der Firma eintragen. Die Systeme, das ist das Intelligente daran, müssen nicht für jede Eventualität neu programmiert werden, sondern beobachten, fast wie HALs rotes Auge, im Hintergrund, was die Menschen machen und lernen daraus. Oder sie merken es sich, wenn Menschen die Fehler der Software korrigieren.

Nun gut - auch nur eine Prognose, ließe sich einwenden. Doch egal, ob es nun 40, 50 oder auch nur 20 Prozent dieser Jobs sind - es sind auf jeden Fall eine ganze Menge. Und es ist nur der Anfang. Denn gerade erlebt die Welt, wie die Digitalisierung und damit die künstliche Intelligenz in die steile Phase ihrer Entwicklung eintreten.

Das Besondere an dieser technischen Entwicklung ist ja, dass sie exponentiell abläuft. Menschen tun sich schwer, das intuitiv zu erfassen. Daher ein Beispiel: Wenn ins Rund eines Fußballstadions alle zwei Sekunden Wasser getropft würde, erst ein Tropfen, dann zwei, dann vier, dann acht und immer so weiter die doppelte Menge - wie lange würde es dauern, bis die riesige Betonschüssel voll ist? Die Antwort: Nicht einmal zehn Minuten.

Es ist höchste Zeit, sich vorzubereiten

Bis solche Wassermassen ins Stadion rauschen, die niemand mehr übersehen kann, dauert es bis kurz vor Schluss. Am Anfang merken viele überhaupt nicht, dass da etwas passiert. Die Welt ist gerade auf dem Stand, dass sich die ersten Pfützen auf dem Boden bilden. Höchste Zeit also, sich vorzubereiten.

Nur wie?

Spricht man mit KI-Experten, sind die meisten der Meinung, dass die künstliche Intelligenz noch länger nicht - manche glaube auch: nie - in der Lage sein wird, emotional zu handeln, ungewöhnliche Situationen bringen sie aus dem Konzept. KI kann Kreativität unterstützen, aber nicht ersetzen. Es gilt also, die urmenschlichen Fähigkeiten zu stärken, Emotionalität und Kreativität. Es wäre aber auch sicher gut, wenigstens eine Ahnung davon zu haben, wie Software eigentlich funktioniert.

Und was kann die Politik tun?

Es ist gut, dass die deutsche Regierung, so es sie auch nächste Woche noch gibt, ein Expertengremium einberufen hat und zum nächsten Digitalisierungsgipfel Anfang Dezember einen KI-Plan vorstellen will. Wenn sie den dann auch einhielte, wäre es noch besser - früh dran sind sie ohnehin nicht, die Deutschen. Der Plan müsste auf jeden Fall gewaltige Anstrengungen bei Aus- und Weiterbildung umfassen, eine groß gedachte Förderstrategie für Wissenschaft und Wirtschaft und, falls sich das noch einrichten ließe, eine grundsätzlich positive Einstellung zu dem Thema.

Andere Weltregionen halten sich weniger mit Bedenken auf

Klar birgt KI wie jede Technik auch Gefahren. Die Gefahr zurzeit ist aber größer, dass vor lauter Angst und falschen Vorstellungen die wichtigste Entwicklung unserer Tage an Deutschland und Europa vorbeiläuft. Es wäre daher immens wichtig, nicht die Bedenken voranzustellen, sondern sich zügig, wenn auch mit Sinn und Verstand, auf den Weg zu machen. Fehler, die dabei passieren, lassen sich leichter korrigieren, als den Rückstand auf andere Weltregionen aufzuholen. Die halten sich weniger mit Bedenken auf.

Natürlich aber muss Europa darauf achten, dass die künstliche Intelligenz zum Wohle der Menschen eingesetzt wird, nicht, um wie in China eine schöne neue Welt zu schaffen, in der einen jede bei Rot überquerte Ampel Punkte im gesellschaftlichen Ranking kosten kann.

Übrigens kurios, wie klein sich dagegen ausnimmt, was die deutsche Regierung gerade an den Rand des Scheiterns bringt.

© SZ vom 30.06.2018/sih
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