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Facebook:Zuckerbergs Umgang mit Trump löst Aufstand aus

Facebook CEO Mark Zuckerberg Testifies Before The House Financial Services Committee

Der Umgang von Facebook-Chef Mark Zuckerberg mit US-Präsident Donald Trump provoziert viele Konzernmitarbeiter.

(Foto: AFP)

Facebook-Mitarbeiter rebellieren gegen ihren Chef. Der will bei brutalen Beiträgen des Präsidenten nicht eingreifen - um die Meinungsfreiheit zu wahren.

Mark Zuckerberg ist Gründer und Chef von Facebook, und ein spezielles Aktienkonstrukt sichert ihm das letzte Wort in allen wichtigen Entscheidungen. Nun rebellieren zum ersten Mal in der 16-jährigen Unternehmensgeschichte Mitarbeiter gegen ihren Chef - und zwar öffentlich. Mehr als ein Dutzend Entwickler und hochrangige Manager werden deutlich: "Ich arbeite bei Facebook, und ich bin nicht stolz auf das Bild, das wir abgeben", schreibt etwa Produktchef Jason Toff auf Twitter und erntet dafür fast 200 000 Likes. "Mark liegt falsch, und ich werde so laut wie möglich sein, um seine Meinung zu ändern", erklärt Ryan Freitas, der für das Design des Newsfeeds zuständig ist, des zentralen Nachrichtenstroms auf Facebook.

Auslöser des Konflikts ist ein anderer mächtiger Mann. "Wenn das Plündern beginnt, beginnt das Schießen", hatte Donald Trump vergangene Woche gedroht - ein historisch aufgeladenes Zitat, mit dem der Polizeichef von Miami vor mehr als 50 Jahren Brutalität von Polizisten gegen schwarze Bürger rechtfertigte. Twitter versah Trumps Tweet mit einem Warnhinweis, weil er Gewalt verherrliche. Facebook tat nichts.

"Ich habe mir den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrochen, wie man mit den Tweets und Posts des Präsidenten umgehen soll", schrieb Zuckerberg am Freitag auf Facebook. Er selbst lehne diese spaltende und hetzende Rhetorik ab. Seine eigene Meinung dürfe er aber nicht zum Maßstab für Facebooks Entscheidungen machen, quasi in guter amerikanischer Tradition: "Wir sollten so viel freie Rede wie möglich zulassen, es sei denn, es geht unmittelbare Gefahr von ihr aus." Trotz der beunruhigenden historischen Referenz habe sich Facebook entschieden, Trumps Beitrag stehen zu lassen. "Wir glauben, dass die Leute wissen sollen, ob die Regierung erwägt, Gewalt anzuwenden."

Die Entscheidung löste Wellen der Empörung aus. Mitarbeiter werfen Zuckerberg vor, Trump mutwillig eine Bühne zu bereiten, auf der er Hass schüre und die Gesellschaft spalte. In internen Foren sollen auf 750 kritische Kommentare gerade einmal zehn bis 20 kommen, die Zuckerberg unterstützen. In einer Umfrage während einer internen Fragerunde hätten 19 Mitarbeiter für und mehr als 1000 gegen Zuckerbergs Entscheidung gestimmt, berichtet die New York Times. Aus Protest traten Hunderte Angestellte am Montag in einen Streik und richteten Abwesenheitsnotizen wie #BlackLivesMatter ein, einige drohten mit Kündigung. Sie erarbeiten eine Liste mit Forderungen, um sie Zuckerberg vorzulegen. Nach einem Treffen mit Zuckerberg am Montagabend kritisierten auch Vertreter afro-amerikanischer Bürgerrechtsverbände den Facebook-Chef: Rassismus und die Probleme schwarzer Menschen kümmerten ihn entgegen all seiner Behauptungen nicht.

Facebook muss sich entscheiden, wie es mit der kaum verhohlenen Drohung von US-Präsident Donald Trump umgeht: Soll es den Beitrag löschen, wie Twitter einen Warnhinweis einblenden oder dem Präsidenten freie Hand lassen? Es geht nicht nur um einen Einzelfall, sondern um eine grundsätzliche Haltung: Will Facebook eine Plattform sein, auf der Politiker fast alles sagen können, egal welche Konsequenzen es haben könnte? Oder gelten Facebooks eigene Regeln auch für Politiker, egal welches Amt sie innehaben?

Die Tonaufnahme eines internen Meeting, über die das Tech-Portal The Verge berichtet, gibt Einblick in Zuckerbergs Gedankenwelt. "Meine erste Reaktion ... war Abscheu", sagt der Facebook-Chef. "Das ist nicht die Art und Weise, wie unsere Führer in einer solchen Zeit auftreten sollten." Er gesteht immerhin ein, dass Facebook seine eigene Haltung hinterfragen müsse: Wie soll das Unternehmen reagieren, wenn der Staat Gewalt ausübt oder androht? Er glaube, dass es gute Argumente dafür gebe, engere Grenzen zu setzen. Bislang hat er das nicht getan.

Für Facebook steht viel auf dem Spiel. Als Twitter vergangene Woche gegen Trump vorging und mehrere aggressive Tweets des Präsidenten mit Faktenchecks und Warnhinweisen versah, holte der zum vermeintlich ultimativen Gegenschlag aus: Er unterzeichnete ein Dekret, das Plattformen direkt für Inhalte haftbar machen soll, die Nutzer hochladen. Die Verordnung ist handwerklich schlecht gemacht und juristisch wohl nicht haltbar. Aber sie zeigt, dass Trump zu radikalen Schritten bereit ist, wenn Unternehmen es wagen, ihm die Stirn zu bieten.

Zuckerberg hat in den vergangenen Jahren viel getan, um Trump zu besänftigen: Er schmeichelte ihm bei privaten Abendessen, und beförderte Republikaner auf wichtige Posten. Aus wirtschaftlicher Sicht ist das verständlich: Kein Konzern tut sich einen Gefallen, wenn er sich mit dem US-Präsidenten und der konservativen Hälfte der amerikanischen Bevölkerung anlegt.

Langfristig könnte Facebook der Kuschelkurs aber schaden. Die meisten Entwickler im Silicon Valley sind liberal eingestellt. Der aktuelle Protest zeigt, dass ein Teil von ihnen nicht bereit ist, für ein Unternehmen zu arbeiten, das Redefreiheit verabsolutiert und die Konsequenzen ignoriert. Erst kürzlich musste Facebook eingestehen, dass es in Ländern wie Sri Lanka, Indonesien und Kambodscha zu wenig gegen digitalen Hass und Hetze getan habe. Das habe zu gänzlich analoger Gewalt beigetragen. Auch in Myanmar, Indien und Nigeria sehen Menschenrechtsorganisationen Facebooks Tatenlosigkeit als Brandbeschleuniger für Lynchmobs und Völkermord.

Aus westlicher Perspektive sind diese Länder weit weg. Doch die aktuelle Eskalation in den USA kann Facebook nicht ignorieren. Vor zehn Jahren sagte Zuckerberg: "Zwei Identitäten zu haben, ist ein Beispiel für einen Mangel an Integrität." Jetzt versucht er genau diesen Spagat: Er trennt seine moralische Meinung als Privatperson von der Haltung des Unternehmens, dessen Entscheidungen er trifft. "Mein Ziel für das kommende Jahrzehnt ist nicht, gemocht, sondern verstanden zu werden", sagte er im Januar. "Dafür müssen Menschen wissen, wofür man steht." Wofür er steht, ist bislang nicht klar.

Facebook hat vor kurzem ein Gremium geschaffen, das grundsätzliche Fragen beantworten könnte, über die kein Manager allein entscheiden soll: Das sogenannte Oversight Board soll befinden, welche Inhalte die wichtigste Kommunikationsplattform der Welt zulässt - und welche nicht. Derzeit besteht dieser "Oberste Gerichtshof" aus 20 Personen aus Wissenschaft, Medien und Politik. Arbeitsfähig ist er noch nicht. Unter anderem haben die Mitglieder wohl noch keine Laptops. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für Zuckerberg, diesen Prozess zu beschleunigen.

© SZ/jab/mxm
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