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Zoom:"Wir mussten immer Vollgas geben"

A student takes classes online with his companions using the Zoom APP at home

Zoom: Erfolgreich in der Conona-Krise

(Foto: REUTERS)

In der Corona-Pandemie stiegen die Nutzerzahlen von Zoom binnen weniger Monate von zehn auf 300 Millionen. Technikchef Harry Moseley spricht darüber, wie die Firma mit dem immensen Wachstum fertig wird.

Eigentlich wollte Harry Moseley, 64, im Dezember 2017 nach einer erfolgreichen Karriere in Rente gehen. Dann aber fing er im März 2018 als Technikchef beim Start-up Zoom an - jener Firma aus Kalifornien, die in der Coronavirus-Pandemie zu einer der wichtigsten Kommunikationsplattformen geworden ist. Binnen weniger Monate stieg die Zahl der Teilnehmer pro Tag an Videokonferenzen von zehn Millionen auf 300 Millionen an. Das lief nicht ohne Probleme ab.

SZ: Herr Moseley, Sie könnten jetzt um die Bahamas segeln oder Whiskey in Dublin trinken ...

Harry Moseley: (lacht) Das stimmt. Ich habe bis Dezember 2017 insgesamt 40 Jahre lang gearbeitet und wollte ein neues Kapitel in meinem Leben beginnen. Aber dann kam der Anruf von Zoom.

Hand aufs Herz: Wie verrückt waren die vergangenen Monate?

Ganz ehrlich: Wir mussten immer Vollgas geben und hatten gar keine Zeit, uns mal damit zu beschäftigen, was da eigentlich passiert. Sollte ich mal wieder in Rente gehen, und sollten die Leute mich fragen: Wie war das eigentlich, mitten in einer globalen Pandemie der Technikchef von Zoom zu sein? Meine Antwort: "Ich habe im März 2018 bei einem Start-up mit 800 Mitarbeitern in San José angefangen. Zwei Jahre später arbeiten fast 3000 Leute an 18 Standorten bei einem börsennotierten Unternehmen. Anfang des Jahres hatten wir jeden Tag zehn Millionen Teilnehmer an Videokonferenzen, jetzt sind wir bei 300 Millionen." Es ist eine Erfahrung, die einen demütig werden lässt.

"Eine Erfahrung, die einen demütig werden lässt": Harry Moseley über seinen Job bei Zoom in der Pandemie.

(Foto: Zoom/OH)

Gab es einen Moment, in dem Sie gesagt haben: Da passiert was Ungewöhnliches?

Ich bin auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gewesen und am 25. Januar von Zürich aus zurück nach New York geflogen. Ich lese Zeitung, weil während des Starts keine elektronischen Geräte erlaubt sind - und sage zu mir selbst: "Es muss doch was geben, das wir tun können." Die Frau neben mir fragt: "Was meinen Sie?" Ich antworte: "Dieses Coronavirus in China. Ich würde gerne mit der Weltgesundheitsorganisation an einer Lösung arbeiten, die Menschen miteinander zu verbinden." Es stellt sich heraus, dass sie bei den Vereinten Nationen arbeitet - ein paar Tage später treffe ich den Technikchef der UN. So ging es los.

Was hat sie an einem Start-up wie Zoom gereizt?

Ich habe mich intensiv mit Aufbau und Technologie der Plattform beschäftigt und bemerkt: Die Architektur ist einzigartig. Man kann daheim ein Telefongespräch beginnen, dieses Gespräch aufs Mobilgerät verlegen und daraus reibungslos eine Videokonferenz machen. Ich dachte mir damals: "Das könnte Spaß machen."

Wie denken Sie jetzt darüber?

Es macht unglaublich Spaß. Ich habe neulich zu meiner Frau Rachel gesagt: "Kannst du dir vorstellen, dass ich schon zwei Jahre bei Zoom bin?" Die Zeit ist unglaublich schnell vergangen - das passiert aber nur, wenn man etwas genießt.

Zoom wurde schon vor dem Börsengang 2019 mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet. Was macht es so besonders?

Die Plattform basiert auf vier Prinzipien: Reibungsloser Ablauf. Verlässlichkeit. Kosteneffizienz. Sicherheit und Privatsphäre. Daran arbeiten wir permanent, wir folgen der Philosophie: Wo liegt das Problem? Was ist der Grund dafür? Was ist die Lösung?

Es gab zuletzt Kritik: Nutzer haben sich in die Konferenzen anderer eingewählt und dort zum Beispiel pornografische Inhalte gezeigt.

Wir billigen dieses Verhalten natürlich nicht und haben die Grundeinstellungen angepasst. Sie dürfen nicht vergessen: Unser Service ist darauf ausgelegt gewesen, dass er von Unternehmen genutzt wird, die eine IT- und auch eine Rechtsabteilung haben. Experten führten Zoom innerhalb der Firma ein und schulten ihre Mitarbeiter. Das hat sich nun grundlegend verändert: Privatleute nutzen Zoom, um einen Cocktail zu trinken, Yoga-Klassen abzuhalten und Konzerte zu geben. Die Queen hat ihren Geburtstag auf Zoom gefeiert.

Und plötzlich veröffentlicht der britische Premierminister Boris Johnson ein Foto von einer Kabinettssitzung auf Zoom ...

Auch das war ein besonderer Moment. Wir helfen nicht nur Unternehmen, sondern auch Regierungen; und wir sind mittlerweile die Plattform für mehr als 100 000 Schulen weltweit.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Das rasante Wachstum brachte aber auch Probleme mit sich ...

Großes Wachstum macht immense Veränderungen notwendig. Es war so: Privatleute mussten plötzlich zu IT-Experten werden. Wir haben in den vergangenen Wochen sehr viel Zeit damit verbracht, die Menschen zu schulen, wie sie Einstellungen anpassen können, damit die jeweils sinnvoll für sie sind. Wir haben zudem die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt, damit sie nun in den Händen der Gastgeber einer Konferenz liegen. Bei Schulen zum Beispiel gibt es nun erst einmal ein sogenanntes Wartezimmer.

Die Verschlüsselung war zunächst nicht so sicher wie versprochen.

Als wir festgestellt haben, dass täglich 300 Millionen Teilnehmer unseren Service nutzen, haben wir die Ingenieursabteilung umstrukturiert. Wir haben einen Sicherheitsrat eingeführt mit 40 externen Experten aus verschiedenen Branchen. Ende April haben wir dann ein Update eingeführt, das eine AES-256-Bit-GCM-Verschlüsselung mitbringt, die stärkste in der Geschichte. Wir haben die Firma Keybase gekauft, die auf Verschlüsselung spezialisiert ist.

Einige Länder haben inzwischen begonnen, die Corona-Restriktionen zu lockern. Was wird das für Zoom bedeuten?

Wir durchleben gerade eine Extremsituation, wir werden nicht von heute auf morgen wieder das tun, was wir vorher getan haben. Es wird einen Mittelweg geben müssen.

Wie könnte der aussehen?

Das ist schwer zu sagen. Viele Arbeitnehmer haben bemerkt, welche Vorteile Home-Office haben kann. Sie sind froh, dass sie nicht mehr pendeln müssen, sie können in Pausen kurz spazieren gehen und danach erfrischt die Arbeit fortsetzen. Aber: Home-Office ist nicht für jedermann. Ich habe vor ein paar Jahren in einer Wohnung in Manhattan gelebt, mit meiner Frau, drei Kindern, dem Hund und einer Haushälterin. Ich konnte es morgens gar nicht erwarten, ins Büro zu gehen.

So geht es manchen Leuten jetzt auch.

Ich habe von Leuten gehört, die haben ihre Wohnungen mit Isolierband abgeklebt: Hier ist das Büro, dort ist daheim. Wir werden in den kommenden Jahren einige Innovationen erleben, die das Arbeiten von daheim aus noch effizienter werden lassen. Der Technikchef einer Firma mit 50 000 Mitarbeitern hat mir von einer Studie erzählt, der zufolge 90 Prozent der Mitarbeiter durchschnittlich um 40 Prozent effektiver arbeiten. Das ist eine erstaunliche Zahl.

Was werden wir beibehalten?

Ich glaube, eine wichtige Erkenntnis ist, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen: Es ist nicht mehr so wichtig, wo sich eine Person befindet. Wenn es egal ist, von wo aus man arbeitet, dann kann man tatsächlich den besten Kandidaten für eine Stelle finden.

Zoom ist nun weltweit bekannt - nicht nur bei Firmen, sondern auch bei Privatleuten und Kindern; es ist Teil der Popkultur. Allerdings wollen Konkurrenten wie etwa Google oder Microsoft nicht kampflos aufgeben ...

Nachahmen ist die höchste Form der Anerkennung. Wir wollen neue Standards setzen. Das ist das Ziel von Eric Yuan, seit er die Firma gegründet hat: die Latte immer ein bisschen höher legen.

© SZ vom 27.05.2020
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