Zeitangaben für Texte:Einerseits "Slow Reading", andererseits Schnelllese-Kurse

Die Einführung von "Facebook Live" im vergangenen Jahr begründete der Konzern mit der neurologisch und erzähltheoretisch gewagten These, dass Amateurvideos "uns helfen, mehr Information zu verarbeiten" und "die beste Art, Geschichten zu erzählen" seien. Die Bildermassen sind mit Whatsapp, Snapchat, Instagram noch uferloser geworden, während die Audio-Sprachsteuerung immer wichtiger wird.

Das zugleich sehr beharrliche Bedürfnis nach neuen Texten reagiert darauf in zwei Richtungen. Einerseits gibt es eine hipsterige "Slow Reading"-Bewegung, eine Sehnsucht nach Aussteigertum und Versenkung sowie eine auffällige Menge an maßlos dicken Büchern, welche die Autoren ihrerseits immer öfter in asketischen Auszeiten außerhalb des Alltags produzieren. Die Maria-Theresia-Biografie von Barbara Stollberg-Rilinger, die gerade den Preis der Leipziger Buchmesse bekam, hat 1083 Seiten.

Das eigene Lesetempo variiert stark

Aber man übt sich auch in Beschleunigungstechniken: Schulungen im Speed-Reading oder auch Lese-Innovationen, die Einzelwörter hintereinander aufscheinen lassen, etwa die App "A Faster Reader", die mit der Anpreisung wirbt: "Lies Text so, als würdest du ein Video anschauen!"

In dieser Lage sollen offenbar auch die Angaben der Lesedauer helfen. Aber jeder weiß eigentlich, wie verschieden das Tempo je nach Leser, Textsorte, Stil und Stimmung sein kann. Die Leseforschung rechnet mit vielerlei Zugängen, Abschweifungen und Mischungsverhältnissen von Lese- und Lebenszeit.

Heißt "13 Minuten", dass ich danach eine lästige Aufgabe erfolgreich absolviert habe? Und wenn so ein individueller Bereich zählbar gemacht werden soll - wie viel Lesezeit habe ich denn dann überhaupt am Tag, im Jahr, im Leben?

Gelingendes Lesen - nicht nur von Büchern, sondern auch von klugen Aufsätzen oder Reportagen - hebt vor allem immer zeitweise das Zeitgefühl auf. So schrieb Wolfgang Iser in seiner klassischen Studie "Der Akt des Lesens" von 1976: "Gegenwärtigkeit heißt Herausgehobensein aus der Zeit; die Vergangenheit ist ohne Einfluss, und die Zukunft bleibt unvordenklich. (...) Man muss sich vergessen, um dem Geforderten gewachsen zu sein. Daraus entspringt dann der Eindruck, dass man in der Lektüre eine Verwandlung erlebt."

Die Zeit ist um.

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