Zeitangaben für Texte:Das Minutenzählen dehnt sich auf ganze Bücher aus

Längst werden aber auch viel kürzere Lektüren quantifiziert, auch auf Nachrichten-Websites. Datensammelnde Lesegeräte und Tablets erfassen zudem, wie oft man "umblättert", und rechnen hoch, wie lang der restliche Text noch ist, nicht nur in Prozent, auch in Zeit. So dehnt sich das Minutenzählen auf ganze Bücher aus.

Auf der Seite howlongtoreadthis.com kann man ermitteln, à propos "Vanity Fair", dass man mit dem Roman von William Thackeray ("Jahrmarkt der Eitelkeit") 12 Stunden 55 Minuten beschäftigt wäre. "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara, eines der Bücher dieses Frühjahrs, verlangt 11:47 Stunden, Christian Krachts "Imperium" in der englischen Übersetzung nur 2:43. Alles natürlich Nettozeiten, ohne Schlaf und Toilettenpausen! Es gibt auch diverse Tests des eigenen Lesetempos.

Die Psychologie kennt Pro- und Kontra-Argumente für die Angabe der Lesedauer

In der Industrie der Aufmerksamkeitshändler, die die Leute auf ihren Seiten und Apps halten und eine hohe Abspringerquote ("Bounce-Rate") verhindern wollen, wird über den Sinn der Minutenangaben nachgedacht. Auf der Website von Abakus, einer Agentur für Suchmaschinen-Optimierung, heißt es etwa: "Die Begründung (...) aus verhaltenspsychologischer Sicht klingt ebenso simpel wie einleuchtend, je mehr wir über etwas wissen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns für etwas entscheiden. Wird also die Lesedauer mit angegeben, steigt nach dieser Theorie die Wahrscheinlichkeit, dass der ganze Artikel gelesen wird."

Gegenargumente kommen ebenfalls aus der Logik der Konsum-Psychologie: Laut einer Studie der Washington University in St. Louis, die im Journal of Marketing Research erschienen ist, werden kulturelle Freizeitaktivitäten "signifikant weniger genossen", wenn sie mit festen Terminen verbunden sind und sich dadurch wie Arbeit anfühlen.

Selbst auf Websites mit anspruchsvollen Inhalten gibt es Videos

Hier stellt sich also die Frage, was wir eigentlich aus Pflicht, was aus Lust oder Interesse lesen. Und was für den einen Leser (und Adressaten von Werbung) machbar und verlockend klingt - nur neun Minuten, so ein spannendes Thema! -, das kann für andere schon wieder eine abschreckende Ewigkeit sein.

So schwierig es ist, den Medienwandel der Gegenwart genau fassen zu kriegen, er hat, so scheint es, ein neues Stadium erreicht. Vor fünf bis zehn Jahren hieß es in manchen Analysen: Allen alten Prophezeiungen einer audio-visuellen Zukunft zum Trotz feiere die Schriftlichkeit ungeahnte Triumphe; es werde mehr geschrieben, getippt, gechattet und publiziert denn je. Das stimmt auch sicher noch, und doch hat die Konkurrenz heute andere Dimensionen angenommen. Selbst auf Websites mit anspruchsvollen Inhalten kann man sich stundenlang Videos ansehen (und Freunde raten einem auch ständig, das unbedingt zu tun), viele Filmchen starten von selbst, Facebook und Twitter bieten Live-Videos.

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