Süddeutsche Zeitung

Zehn Jahre Wikipedia:Das Gedächtnis der Welt

Wikipedia: Ein Experiment im Netz, das vom Engagement seiner Nutzer lebt und die Suche nach Wissen verändert hat.

Christoph Demmer liebt Bücher. Lange war er Bibliothekar an der TU Berlin. Doch das war früher. Streng genommen hilft er jetzt, Gedrucktes überflüssig zu machen. In seiner Freizeit bearbeitet Demmer Artikel beim Online-Lexikon Wikipedia. Er korrigiert, ergänzt oder setzt Verknüpfungen zu verwandten Themen. Im Schnitt bearbeitet er so mehr als 60 Artikel. Pro Tag.

Zehn Stunden oder mehr beschäftigt er sich damit am Wochenende, dazu unter der Woche, soweit seine Tätigkeit als Vorstandsassistent das zulässt. Für diese Mühe bekommt er keinen Cent. "Es ist mein Hobby." Wikipedia lebt von solchen Freiwilligen. Demmer ist einer von mehr als einer Million Menschen, die bei Wikipedia in den vergangenen zehn Jahren mehr als 17 Millionen Artikel eingestellt, bearbeitet und die Seite so zum größten Lexikon gemacht haben, mit vielen Ablegern weltweit.

"Wikipedia ist ein 2001 gegründetes freies Online-Lexikon in zahlreichen Sprachen", heißt es im Eintrag zu Wikipedia in Wikipedia. Am 15. Januar startete das Gemeinschaftslexikon, also vor zehn Jahren. Mit einem Artikel zur Polymerase-Kettenreaktion kam das Vorhaben wenige Monate später am 12. Mai nach Deutschland.

Die Wortschöpfung Wikipedia stammt von "Wiki", was auf Hawaii "schnell" bedeutet, und der Endung des englischen "Encyclopedia". Inzwischen steht die Vorsilbe Wiki als Platzhalter für Web-Seiten, die von den Nutzern gefüllt werden: Home Wiki etwa für Hausbesitzer. Auch Photography Wiki oder das Italy Wiki finden sich - gelistet auf der Übersicht bei Wikiindex. Als die Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und Larry Sanger vor zehn Jahren an den Start gingen, war die Idee neu.

Es begann mit einem Experiment, entstanden aus der Not. Wales und Sanger riefen 1999 eine kostenlose Online-Enzyklopädie ins Leben. "Nupedia" tauften sie ihr Projekt, für das nur Experten schreiben sollten. Doch die Idee fand kaum Anklang. Nach nur einem Jahr hatte Nupedia kaum mehr als ein Dutzend Einträge. Wales überlegte, was er besser machen konnte.

Die Idee für Wikipedia war geboren. Dort würde jeder, der wollte, schreiben können, und zwar alles, was ihm so in den Sinn kam. Bewusst sollte es keine Mindestanforderungen an die Autoren und keine Themenvorgaben geben. Das Konzept ging auf und war Teil einer Revolution - online wie offline.

Traditionelle Lexika blieben davon nicht verschont. Ein Vergleich der Zahl der Einträge zeigt: Die deutsche Wikipedia kommt auf sechsmal mehr Einträge als das Standardwerk Brockhaus. Da halfen auch Hinweise auf redaktionelle Bearbeitung und Qualitätsstandards wenig. Nach 200-jähriger Tradition war die 21. Auflage des Brockhaus die letzte.

Im Internet löste Wikipedia ein Beben aus: Die erste Generation von Webfirmen wie der Buchhändler Amazon oder das Onlineportal Yahoo hatte noch Erfolg mit Inhalten, die von den Angestellten auf Order von Oben ins Netz gestellt wurden. Seit Wikipedia dominieren die Nutzer das Netz: Sie stellen Videos auf das Filmportal Youtube, Bilder auf die Seite Flickr oder gleich ihr ganzes Leben auf den Internettreff Facebook. Die Firmen verdienen prächtig mit diesen Informationen, für die sie nichts zahlen müssen. Sie schalten Werbung, zielgenau dank der Freigiebigkeit der Klientel.

Auf Wikipedia selbst gibt es keine Werbung. Getragen wird das Projekt allein durch Spenden an die Wikimedia Foundation und die freiwilligen Mitarbeiter. Während der letzten Spendenkampagne in Deutschland gaben fast 70000 einzelne Spender im Schnitt je 30 Euro. Wikimedia Deutschland sammelte mehr als zwei Millionen Euro ein. Die gemeinnützige Organisation hat sich mit Ablegern weltweit zum Ziel gesetzt, freies Wissen zu fördern. Neben Wikipedia, der bekanntesten Seite, gibt es Angebote wie Wikibooks für Bücher und Lehrmaterialien oder Wiktionary, ein Wörterbuch.

Wert auf Transparenz

Die Idee, Wissen allen zugänglich zu machen, war es, die David Ludwig, 27, vor sechs Jahren zu Wikipedia brachte. Im Rahmen eines Seminars an der Universität lautete die Aufgabe einen Artikel bei Wikipedia zu schreiben. "Viele Wikipedianer fangen als Studenten an", sagt Ludwig, der heute am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik in Berlin arbeitet. "Die Akademiker reizt eine Öffentlichkeit, die schnell Rückmeldung gibt zu den Beiträgen". Zudem lassen sich viel mehr Leser erreichen.

Ein Nischenthema kommt bei Wikipedia vielleicht auf ein paar interessierte Klicks im Monat. Ein Artikel zu einem aktuellen Thema aber erreicht schnell Abrufzahlen in Millionenhöhe. So riefen allein im Dezember die deutschen Wikipedia-Besucher fast 1,2 Millionen Mal den Eintrag zu Wikileaks auf, der Veröffentlichungsplattform im Internet.

Dort ist zu lesen, wer hinter dieser Wiki-Seite steht, wer sie unterstützt, aber auch welche Kritik es an dem Vorhaben gibt. Dort ist unter dem Punkt "Versionsgeschichte" auch genau zu ersehen, wer wann was an dem Artikel bearbeitet hat. Seit der Nutzer namens "Keimzelle" den Beitrag am 21. Januar 2007 um 11 Uhr 13 angelegt hat, gab es 1017 Änderungen.

Wikipedia legt im zehnten Jahr nach dem ersten Eintrag Wert auf diese Transparenz, denn natürlich findet sich in den Artikeln viel Abseitiges und Falsches. Scherzbolde fügen vermeintlich Lustiges in ernst gemeinte Ausführungen, andere verfälschen mit böser Absicht. Beide Gruppen heißen im Jargon der Wikipedianer "Vandalen". Wo die Schwäche des Mitmach-Lexikons liegen würde, war schnell klar: Wie lässt sich eine Qualitätskontrolle organisieren, wenn jeder Eintrag von jedem Surfer geschrieben und verändert werden kann?

Wie missbrauchsanfällig das Wiki-Konzept ist, zeigt sich daran, dass mehrere Unternehmen, etwa der Brausehersteller Pepsi und der Ölkonzern Exxon, dabei erwischt wurden, wie sie unerwünschte Information aus ihren Einträgen nachträglich selbst entfernten. Beim Siemens-Konzern hat man ebenso einschlägige Erfahrungen: Wikipedianern fiel vor einiger Zeit auf, dass Siemens-Mitarbeiter den Eintrag über ihren Chef Klaus Kleinfeld regelmäßig überarbeiteten.

Andernorts wäre ein solcher Ausdruck von Meinungsfreiheit im Netz bislang undenkbar. Die Zahl der registrierten Wikipedia-Mitglieder in China dümpelt derzeit bei unter einer Million vor sich hin, was angesichts von 400 Millionen Internetnutzern in der Volksrepublik eine unscheinbare Zahl darstellt. Kernproblem der Enzyklopädie ist die staatliche Zensur. Etwa 340 000 Einträge weist die chinesische Version auf. Gut 5000 Autoren versuchen, den Ansprüchen der staatlichen Vorgaben gerecht zu werden.

Offenbar gelingt das nur zum Teil. Kritische Themen wie die Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 fehlen ganz. Am Jahrestag im Juni sperren die Behörden sogar den Zugang zur Enzyklopädie. "Die Administratoren scheinen vom Teufel besessen. Sie löschen alle neuen Einträge mit Hinweis auf die Verletzung von Urheberrecht", klagt Wikipedia-Autor Jiao Shijie.

Die Administratoren, von der Gemeinschaft der Wikipedia-Autoren gewählt und mit besonderen Rechten ausgestattet, sollen eigentlich für die Qualität der Enzyklopädie stehen. So sind sie die Einzigen, die Artikel löschen dürfen. Kein Wunder, dass sie auch hier zu Lande Kritik auf sich ziehen.

So hat der "Knödelkrieg" mehr als 30000 Zeichen, fast dreimal so viel wie dieser Artikel. Der Streit, der von Autoren und Administratoren der Online-Enzyklopädie ausgetragen wurde, dreht sich nur um eine Frage: Gibt es den Böhmischen Knödel? Oder nur die Böhmischen Knödel, als übergeordneten Sammelbegriff für Knödelarten aus Kartoffeln oder Semmeln? Ein feiner Unterschied. 30000 Zeichen später, gefüllt mit Beleidigungen, Seitenhieben und Besserwissereien, haben die Anhänger des Sammelbegriffes gewonnen. Verloren hat das Projekt Wikipedia. Zum zehnten Geburtstag ist der Umgangston unter den Autoren oft verletzend.

Wikipedia-Autor Dammer nimmt aus genau diesem Grund an den meisten Ausführungen in den Online-Foren nicht teil. 97 Prozent seiner Zeit verbringt er bei dem Lexikon mit dem Bearbeiten von Artikeln, auch diese Zahl ist öffentlich einsehbar. "Bei den Diskussionen wird über Nichtigkeiten gestritten", sagt er. Das kostet Zeit, die ihm für die Artikel fehlt. "Das Wissen der Welt ist noch lange nicht komplett", erklärt Dammer. Er rechnet damit, dass die deutsche Wikipedia schnell auf mehr als fünf Millionen Artikel wachsen wird. Drei Mal so viel wie heute. Fast zwanzig Mal so viel wie der gedruckte Brockhaus von einst.

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Quelle:
SZ vom 12.01.2011/mri
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