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YouTube sperrt M.I.A.-Video:Auf Provokation folgt Zensur

Lesezeit: 4 min

Google gibt sich derzeit als Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Doch nun sperrt die Tochter-Plattform YouTube ein provozierendes Musikvideo der Sängerin M.I.A.

Andrian Kreye

Es ist ein geschickter Schachzug, einen Medienmonopolisten wie das Videoportal YouTube zu einem symbolträchtigen Akt der Zensur zu zwingen. Gerade jetzt, da die Zensur im Netz ein Thema ist.

Erst letzte Woche hat sich Apple-Chef Steve Jobs dazu bekannt, dass im Kosmos seiner Vertriebsportale politische Satire und anrüchige Erotik keinen Platz haben. Unterdessen stilisiert sich der Mutterkonzern von YouTube, Google, auf dem chinesischen Markt zum Vorkämpfer für Meinungsfreiheit.

Wenn YouTube also ein politisches Video sperrt, das gleichzeitig einen ästhetischen Aufbruch markiert, dann ist das nicht nur ein PR-Coup. Es ist die Botschaft, dass die Freiheit im Netz vorbei ist.

Nun passiert es nicht mehr oft, dass ein Video so beklemmend wirkt, wie die neun Minuten lange Gewaltorgie, die Romain Gavras rund um die neue Single "Born Free" der tamilisch-britischen Sängerin Mathangi Arulpragasam inszenierte, die unter dem Kürzel M.I.A. bekannt ist.

Berechnende Provokation

Das Einsatzteam einer paramilitärischen amerikanischen Einheit in den Scherbenvierteln von Los Angeles treibt darin rothaarige Kinder und Jugendliche zusammen, fährt sie in die Wüste, misshandelt sie, exekutiert eines der Kinder und treibt die anderen in ein Minenfeld. Das ist so schonungslos gedreht, dass es auch langjährige Kinogänger mit Genre-Erfahrung nicht kalt lässt.

Sicher ist die Provokation schamlos berechnend. YouTube blieb gar nichts anderes übrig, als das Video zu sperren. Wenn die paramilitärischen Häscher eine Tür eintreten und ein aufgedunsenes Säuferpaar aus dem Geschlechtsakt reißen, dann ist das Pornographie. Und wenn der Offizier gegen Ende einen vielleicht zehnjährigen Knaben mit Kopfschuss exekutiert, dann ist die Grenze des Erträglichen überschritten. Beides verstößt eindeutig gegen die Richtlinien des Portals.

Die Rechnung ging auch sofort auf. Am vergangenen Montag stellte die Plattenfirma den Kurzfilm ins Netz. Am Dienstag wurde er von YouTube gesperrt. Nun kann man ihn zwar immer noch auf anderen Portalen und Seiten ansehen. Doch das sind nur marginale Mitbewerber in der Aufmerksamkeitsökonomie, in der sich YouTube längst als Monopolist etabliert hat.

Plumpe Symbolkraft der Zensur

Deswegen ist die Symbolkraft dieses Zensurakts zwar ähnlich plump, aber eben auch so effektiv, wie die Botschaft vom Rassismus und der Willkür des amerikanischen Staates im Video.

Romain Gavras ist nicht nämlich irgendein Videoclip-Regisseur. Er ist der Sohn von Constantin Costa-Gavras, der sich im Paris der späten sechziger und frühen siebziger Jahre mit Filmen wie "Z" und "Der unsichtbare Aufstand" einen Namen als politisch engagierter Thriller-Regisseur gemacht hat.

Wenn nun ein amerikanischer Monopolist den politischen Kunstfilm des Sohnes eines Regisseurs zensiert, der gerade in Hollywood als einer der profiliertesten Köpfe gilt, dann ist dieser Akt der Zensur mit Pop-Referenzen befrachtet, die auch diejenigen verstehen, die dem Pop seine politische Kraft längst abgesprochen haben.

Der Stachel der Provokation hat sich abgenutzt

Man mag einwenden, dass Costa-Gavras mit seinen Filmen lediglich die Verschwörungsphantasien des linksliberalen Bürgertums bediente. Ähnlich direkt richtet sich sein Sohn mit seinen Videos an die Empörung einer Generation Bürgerkinder, die mit der Antiglobalisierungsbewegung aufgewachsen ist und von einer Rebellion träumt, die mehr ist als eine schicke Pose. Doch das subtile Argumentieren war noch die Sache des politischen Pop.

Romain Gavras hat Erfahrung mit solchen Provokationen. Vor zwei Jahren drehte er zur Single "Stress" des französischen Dancerock-Duos Justice einen ganz ähnlichen Kurzfilm, der eine Gang vornehmlicher schwarzer Banlieue-Kids begleitet, die Passanten verprügeln, Frauen belästigen, sich mit der Polizei anlegen und ein Auto abfackeln.

Das war in einem Frankreich, das sich gerade von den nächtelangen Aufständen Jugendlicher in seinen Elendsvierteln erholte Provokation genug, um das Video aus dem Fernsehen zu verbannen. Für die Popkultur ist YouTubes Akt der Zensur allerdings nicht nur der Übergriff eines Medienmonopolisten, sondern auch ein Akt der Befreiung.

Gavras hat sich mit "Born Free" von einer Ästhetik abgewendet, die lange mit der politischen Inkorrektheit und mit dem Pornographischen gespielt hat. Geprägt haben diese Ästhetik die New Yorker Fotografen Terry Richardson und Ryan McGinley, Zentralorgan ist die Zeitschrift Vice, die inzwischen in 19 Länderausgaben erscheint.

Subversivität kennt keine Ironie

Dort ist die Koketterie mit Tabus wie Diskriminierung und Pädophilie genauso ironisch gebrochen wie das Spiel mit der Amateurpornographie. Der Stachel der Provokation hat sich jedoch längst abgenutzt. Ryan McGinleys Bilder wurden schon vor sieben Jahren im Guggenheim Museum gezeigt und Terry Richardsons Heimpornostimmung prägt längst die Bildsprache der Modekampagnen von Konzernen wie American Apparel .

Wenn die Ästhetik einer Subkultur die Seiten von Modemagazinen und Plakatwände erreicht, hat sie ihre subversiven Kraft verloren. Wenn Romain Gavras nun auf die Schockwirkung der Gewalt zurückgreift, um sie als politische Parole zu verwenden, dann kehrt er sich auch von der Ironie des Nullerjahre-Pop ab.

Die Selbstrettung des Referenzpop

In M.I.A. hat er da eine Gleichgesinnte gefunden. Schon auf ihrem ersten Album "Arular" stilisierte sie sich vor fünf Jahren ganz ironiefrei zur Rebellin, verpackte politische Parolen in zeitgenössische Beats und ging mit ihrem Vater hausieren, der in Sri Lanka die Tamil Tigers mitgründete.

Auch Gavras knüpft fern jeder Ironie an die Generation seines Vaters an. "Born Free" zitiert Costa-Gavras "Z" genauso wie Peter Watkins Agitpropfilm "Punishment Park", Eddie Adams Fotosequenz von der Erschießung eines Vietcong und die Crack-Reportagen von Eugene Richards.

Und dann ist das noch M.I.A.s Produzent Diplo, der den Song auf dem Stück "Ghost Rider" der Band Suicide aufbaut, in dem im Refrain der Satz "America. America is killin' its youth" mantraartig wiederholt wird. So rettet sich der Referenzpop der Nullerjahre aus der Ironie in die Politik. Und Googles YouTube adelt den Befreiungsschlag mit Zensur.

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Quelle:
SZ vom 29.04.2010/joku
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