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Ballerspiel mit Hakenkreuz:Warum das neue "Wolfenstein" deutsche Computerspielgeschichte schreibt

Wolfenstein Youngblood Screenshot

Früher wäre das nicht passiert: An einer Pariser Straßenecke wird auch der deutsche "Wolfenstein"-Spieler mit einem Hakenkreuz konfrontiert.

(Foto: PR / Bethesda Softworks)
  • Zum ersten Mal erscheint auch in Deutschland eine Version eines Spiels der "Wolfenstein"-Reihe, in der Spieler mit Hakenkreuzen konfrontiert werden.
  • Vor gut einem Jahr hatte die zuständige Behörde die Regeln geändert, sodass auch Computerspiele in Ausnahmefällen verfassungsfeindliche Symbole zeigen dürfen.
  • Auf das Spielgefühl hat diese kleine optische Veränderung dennoch eine deutlich spürbare Auswirkung.

Die "Wolfenstein"-Spiele waren in Deutschland immer noch etwas eigenartiger, als sie es ohnehin schon sind. Obwohl die Symbolik und das Design der Feinde eindeutig waren, kämpfte man in den hiesigen Versionen nie gegen Nazis, sondern gegen eine okkulte Verschwörerbande. "Wolfenstein Youngblood" ist nun das erste Spiel der Reihe, das auch hierzulande mit Nazi-Symbolen erhältlich ist.

Der Spieler steuert wahlweise eine der beiden Zwillingstöchter des bisherigen "Wolfenstein"-Protagonisten B. J. Blazkowicz. Da ihr Vater verschollen ist, müssen die Teenager selbst ran und die Nazis im besetzten Paris des Jahres 1980 bekämpfen. Wie schon in den Vorgängerspielen "The New Order" (2014) und "The New Colossus" (2017) haben die Nationalsozialisten in dem Computerspiel den Zweiten Weltkrieg gewonnen und regieren den Planeten.

Dass eine unzensierte Version von "Youngblood" inklusive Hakenkreuzen in deutschen Geschäften verkauft wird, ist ein wichtiger Schritt der Computerspielgeschichte - auch für die "Wolfenstein"- Reihe. In den Achtzigern ließ der Shooter erstmals auf Nazis ballern. Wegen der enthaltenen verfassungsfeindlichen NS-Symbole und der dargestellten Gewalt setzte sie die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) auf den Index, wo der Großteil der bis 2009 veröffentlichten Spiele heute noch steht. Sie dürfen nicht öffentlich beworben oder ausgestellt werden. Einige Titel wurden sogar beschlagnahmt und durften zeitweise gar nicht mehr vertrieben werden.

Der Vorgänger verharmloste in der deutschen Version den Holocaust

2009 veröffentlichte der damalige Publisher Activision Blizzard eine eigens für den deutschen Markt zensierte Version, die er aber einen Monat später wieder zurückrief. Grund dafür soll ein Hakenkreuz auf einem Plakat im Spiel gewesen sein, das der Entwickler irrtümlich nicht entfernt hatte. Seit 2014 stellt Bethesda Softworks die "Wolfenstein"-Spiele her und hat für die bisherigen Titel (auch "Youngblood") eine Version entwickeln lassen, die Dreiecke statt Hakenkreuze zeigt.

Auch tauchte Adolf Hitler in "The New Colossus" nur als "Herr Heiler" auf, die Nazis wurden als "das Regime" bezeichnet, der Holocaust fehlt ganz. Dafür wurde das Spiel bei seinem Erscheinen vor zwei Jahren stark kritisiert, dabei ist "Wolfenstein" eigentlich antifaschistisch. Wohl auch deshalb änderte die zuständige Oberste Landesjugendbehörde vor ziemlich genau einem Jahr ihre Rechtsauffassung, und die verantwortliche Prüfstelle Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) ihre Prüfregeln: Seitdem dürfen Entwickler auch Spiele einreichen, die verbotene Symbole enthalten.

Im Fall von "Youngblood" hat Bethesda nicht nur die unzensierte internationale Version bei der USK eingereicht, sondern trotzdem auch eine deutsche Version ohne Hakenkreuze. Das Unternehmen habe es nicht riskieren wollen, am Ende ohne freigegebene Version für den deutschen Markt dazustehen, sagt ein Unternehmenssprecher dazu. Wer Wert darauf legt, dass sein Spiel deutschsprachig ist, sieht auf den Flaggen und Armbinden weiterhin nur Dreiecke. Die internationale Version gibt es nur mit englischem Ton und Text.

"Wolfenstein Youngblood" mit Hakenkreuzen wirkt bedrohlicher

Es mag für einige Spieler ein unwichtiges Detail sein, aber es fühlt sich anders an, wenn der Spieler mit Nazi-Symbolen konfrontiert wird. In einer Szene gleich zu Spielbeginn betreten die Zwillingsschwestern ein Kasino. An den Wänden hängen rote Teppiche mit Hakenkreuzen und auf jeder Uniform der Soldaten, auf jeder Panzerung der schwarzen Croupier-Roboter springt einem die Swastika sofort ins Auge. Alles wirkt in der internationalen Version ungleich bedrohlicher.

Spielerisch hebt sich "Youngblood" nicht besonders von anderen Shootern ab. Das Muster der Story ist altbekannt (Töchter suchen verlorenen Vater), das Leveldesign ebenso (mehr oder weniger schlauchartige Level, am Ende wartet ein besonders hartnäckiger Gegner) und auch das Zusammenspiel der beiden Schwestern bringt wenig innovative Ideen.

Laut USK-Chefin Secker sind seit August 2018 "nur eine geringe Anzahl von Spielen" bei der USK eingereicht worden, die verfassungswidrige Symbole enthalten haben. Nur in einem Fall hat die Behörde keine Kennzeichnung erteilt. Die von einigen Kritikern befürchtete Flut von Hakenkreuzen und SS-Zeichen in sozialen Netzwerken ist ebenfalls ausgeblieben. Und wie "Through the Darkest of Times", das erste unter Berücksichtigung der sogenannten Sozialadäquanz freigegebene Spiel, beweist, geht es keinesfalls in der Mehrheit der Spiele um blutige Ballereien.

Einige Händler verkaufen trotzdem nur die entschärfte Version

Das zeigt zum Beispiel auch "Warsaw", das voraussichtlich am 4. September in Deutschland erscheint und von der USK noch geprüft werden muss. Das polnische Entwicklerstudio Pixelated Milk hat sich zum Ziel gesetzt, Polens Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg und den Widerstand in Warschau gegen die Nazis möglichst realistisch darzustellen. Die Herausforderung sei dabei gewesen, trotzdem ein unterhaltsames Spiel zu entwickeln, erklärt Krzysztof Paplinski von Pixelated Milk. Das Ergebnis: Der Spieler kann in dem taktischen Rollenspiel mit comichafter Grafik nicht gewinnen, nur überleben. "Die Figuren sind keine Superhelden", sagt Paplinski. "Einzelpersonen hatten damals auch keinen Einfluss auf den Ausgang des Kriegs." Hakenkreuze tauchen im Spiel nur vereinzelt auf, zum Beispiel auf Armbinden deutscher Soldaten. Trotzdem ist für das polnische Entwicklerstudio klar: Sie wollen auf die Nazi-Symbole nicht verzichten, sondern die Geschichte annähernd so darstellen, wie sie war.

Das tut die "Wolfenstein"-Reihe bewusst nicht. Sie provoziert und karikiert. Hakenkreuze können dabei helfen, dass diese Kritik am Nationalsozialismus nicht als verharmlosend missverstanden werden kann. Im Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs (StGB) ist genau für solche Fälle eine Ausnahme vom generellen Verbot verfassungswidriger Symbole unter anderem für die Kunst festgelegt - also auch für Computerspiele. Aber der Fall "Wolfenstein Youngblood" zeigt auch, wie groß die Verunsicherung nach wie vor im Umgang damit ist. Wie das Fachportal Games Wirtschaft berichtet, verkaufen Mediamarkt und Saturn ausschließlich die zensierte deutsche Version - aufgrund des sensiblen Inhalts.

"Wolfenstein Youngblood" ist für Nintendo Switch, PC, Playstation 4 und Xbox One erhältlich.

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