Wolfenstein 2 - The New Colossus Mit brutaler Feuerkraft gegen trägen Opportunismus

Plötzlich fühlt sich die Gewalt brutal an. Szene aus "Wolfenstein 2".

(Foto: dpa/ Bethesda)

Irgendwann ist auch mal genug mit Rechten geredet, scheint das Motto des hervorragenden Videospiels "Wolfenstein 2 - The New Colossus" zu lauten. Ist das Kunst? Und darf ein Ego-Shooter politisch sein?

Von Philipp Bovermann

Es ist der vielleicht beste Ego-Shooter des Jahres. Trotzdem wurde selten ein Spiel so heftig im Netz attackiert wie "Wolfenstein 2: The New Colossus". Es entwirft einen alternativen Geschichtsverlauf. Die Nazis haben eine Atombombe über New York abgeworfen und so den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Wir schreiben das Jahr 1961, inzwischen haben sich die Amerikaner mit dem Faschismus recht gut arrangiert. Aus allen Rohren ballernd, zieht nun der Spieler gegen die Nazis ins Gefecht. "Make America Nazi Free Again" lautet der Slogan zur US-Version. Wer so etwas im Jahr 2017 fordert, muss mit Widerstand rechnen.

Seit dem Erscheinen des Spiels Ende Oktober überziehen die digitalen Schlägertrupps der Alt-Right-Bewegung das Spiel mit Negativ-Bewertungen, pöbeln herum und fluten Diskussionen mit gehässigen Kommentaren. Auf diversen Plattformen liest man Varianten des derzeit beliebten Argumentationsmuster, Faschisten pauschal zu verurteilen sei ja total faschistisch. Überhaupt hätten Computerspiele gefälligst unpolitisch zu sein.

Dreieckiges Symbol statt Hakenkreuz

Diese Forderung wurde nun ausgerechnet in Deutschland eingelöst. In der hierzulande vermarkteten Version gibt es keine Nazis, sondern "das Regime". Hakenkreuze wurden durch ein nichtssagendes, dreieckiges Symbol ersetzt. Dem "Kanzler" haben die Selbstzensoren das Hitlerbärtchen abrasiert. Besonders pikant: Auch den ursprünglich jüdischen Figuren wurden "normale" Identitäten verpasst, die Hinweise auf den Massenmord an ihnen entfernt - Kritiker sprechen von Geschichtsrevisionismus. Der Grund für diese Änderungen ist der Paragraf 86 StGB, der verfassungsfeindliche Propaganda und Symbole verbietet. Erlaubt sind sie nur unter der Voraussetzung der Kunstfreiheit. Aber die gilt nicht für Computerspiele.

Man lehnt sich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn man prophezeit, dass es mit dem juristischen Ausschluss von Games aus dem Bereich der Kunst bald vorbei sein wird. Bisweilen hat man ja vielmehr das Gefühl, Computerspiele könnten in absehbarer Zeit ebenso pauschal aus kritischen Diskussionen herausgelobt werden, wie es bei "der Literatur", "dem Kino" oder "dem Theater" geschieht, wenn Politiker Reden halten.

Einstweilen ergibt sich in "Wolfenstein 2" aber eine interessante Überschneidung verschiedener Diskussionen: In den USA wird über die politische Validität von Computerspielen gesprochen, in Deutschland über ihren Kunststatus, und das Alarmgeschrei über die verrohenden Wirkungen von Ballerspielen steht natürlich auch immer noch im Hintergrund. Wie hängt all das zusammen? Wichtiger noch: Wie positioniert sich das Spiel selbst?