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Wireless Emergency Alerts:Warum Millionen New Yorker einen Steckbrief per Push-Mitteilung bekamen

"GESUCHT: Ahmad Khan Rahami, 28-jähriger Mann": Diesen Fahndungsaufruf schickte die Polizei an alle Smartphone-Besitzer der Stadt. Das Vorgehen ist umstritten, doch der Erfolg scheint den Ermittlern recht zu geben.

Jeden Montagmorgen summen, brummen und vibrieren Millionen Smartphones in New York. Was am vergangenen Montagmorgen um kurz vor acht Uhr passierte, war trotzdem ungewöhnlich. Fast alle Smartphones meldeten sich zur selben Zeit, mit demselben Ton: ein schrilles Pfeifen, ganz anders als die üblichen Klingeltöne.

"Nichts ist gruseliger, als wenn alle Handys in einer vollen U-Bahn losgehen, um auf einen gesuchten Straftäter hinzuweisen", beschreibt es die Journalistin Loren Gush auf Twitter. Denn genau das steckte hinter dem ungewöhnlichen Alarm: ein digitaler Steckbrief in Form einer Push-Benachrichtigung. Um 7:45 Uhr bat die New Yorker Polizei die lokalen Behörden, in allen fünf Stadtbezirken einen sogenannten Wireless Emergency Alert (WEA) abzuschicken. Wenige Minuten später zückten Millionen Menschen ihre Smartphones und lasen dort: "GESUCHT: Ahmad Khan Rahami, 28-jähriger Mann, Fotos entnehmen Sie den Medien, rufen Sie die 9-1-1- an, wenn Sie ihn sehen."

Rahami wird verdächtigt, die Bomben gebaut und deponiert zu haben, die am Wochenende in New York und New Jersey explodierten und 29 Menschen verletzten. Es war das erste Mal, dass auf diese Art nach einem Tatverdächtigen gesucht wird. Im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Fahndungsaufruf ist der WEA aber durch die Technik limitiert. "Wir sind die technologisch am weitesten entwickelte Gesellschaft der Welt und müssen uns immer noch mit simpler Textkommunikation in Notsituationen abfinden", kritisierte Jonathan Thompson, Chef der Nationalen Sheriff-Vereinigung, beim Nachrichtenportal Politico.

Was er damit meint: WEAs wirken in vielerlei Hinsicht wie ein Relikt aus den 90ern. Sie bestehen aus höchstens 90 Zeichen, Bilder und Videos können nicht verschickt werden. Deshalb mussten die Behörden die Empfänger auf die Medien verweisen und konnten nicht einfach ein Foto von Rahami mitschicken. Die Informationen über den Verdächtigen beschränkten sich auf dessen Namen und Alter, auch für Grund und Absender der Nachricht war kein Platz mehr. Und obwohl in New York mehr als 200 Sprachen gesprochen werden, erhielten alle Smartphone-Besitzer eine englischsprachige Push-Mitteilung.

"New Yorker haben gerade einen fürchterliche Notfall-Alarm erhalten"

Neben der Kritik an den formalen Einschränkungen gibt es inhaltliche Bedenken. Der Alarm sei "sehr problematisch" gewesen, sagte Bandana Kar der New York Times. Die Geografie-Professorin hat das WEA-System untersucht und kritisiert die Mitteilung, die in New York verschickt wurde, als "sehr unspezifisch". Außerdem hält sie es für gefährlich, die Menschen aufzufordern, selbst in den Medien nach einem Foto zu suchen. "Was, wenn jemand die falsche Person identifiziert?", fragte sie.

Genau das war offenbar auch die Befürchtung von Shuja Haider. Als der New Yorker mit pakistanischen Wurzeln Namen und Alter des Verdächtigen erfuhr, machte er sich kurzzeitig Sorgen: Ahmad Khan Rahami stammt aus dem Nachbarland Afghanistan und ist in einem ähnlichen Alter wie Haider, man könnte die beiden also verwechseln. Sofort suchte er nach einem Foto von Rahami und war erleichtert, dass optisch keine Verwechslungsgefahr bestand. "Heutzutage haben Dunkelhäutige wie ich genauso viel Angst vor Terrorismus wie alle anderen", erzählte Haider der New York Times. Aber angesichts von Vorurteilen und Racial Profiling hätte er "auch Angst, dafür verantwortlich gemacht zu werden".

Noch drastischer drückt es der Journalist Brian Feldman in einem wütenden Artikel im New York Magazine aus. Unter der Überschrift "New Yorker haben gerade einen fürchterliche Notfall-Alarm erhalten" beklagt er das seiner Meinung nach unverantwortlich Vorgehen der Behörden. "See media for pics" sei lediglich ein gestelzter Euphemismus für "Ach, googeln sie einfach". Damit würden die Empfänger ermutigt, jeden der aussehe, als ob er Ahmad Khan Rahami heißen könne, mit Misstrauen zu begegnen. In einem Land, in dem selbst Menschen beleidigt und angegriffen würden, weil sie fälschlicherweise für Muslime gehalten werden, sei das "bemerkenswert unklug".

Kindesentführungen, Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit - und Botschaften vom Präsidenten

Unabhängig von den Bedenken, die Öffentlichkeit mit einer 81-Zeichen umfassenden Push-Benachrichtigung über einen Tatverdächtigen zu informieren, sind die WEAs in den USA eigentlich ein etabliertes und durchaus sinnvolles Mittel, die Bevölkerung zu warnen. Obwohl sie aussehen wie gewöhnliche SMS, haben sie damit kaum etwas gemeinsam. Sie werden an alle Smartphones in Reichweite eines bestimmten Mobilfunkmasten ausgeliefert, unabhängig von der Netzauslastung. "Egal, wie viele Menschen Katzenvideos streamen oder Pokémon Go spielen, taucht die Nachricht in kürzester Zeit auf jedem Gerät auf", beschreibt es das Tech-Portal Motherboard. Insbesondere in Katastrophensituationen, "wenn jeder versucht, seine Mama anzurufen", seien die WEAs deshalb hilfreich.

Seit 2012 der erste Alarm verschickt wurde, haben mehr als 500 Behörden, darunter Bezirks-Sheriffs, Stadt- und Bundesstaatsregierungen, Militär, Polizei und Feuerwehr, das System rund 21 000 Mal eingesetzt. New York kündigte etwa 2012 während des Hurrikans Sandy die Evakuierung der Stadt an, verhängte im vergangenen Jahr ein Fahrverbot wegen eines heftigen Blizzards, warnte die Bewohner des Stadtteils Chelsea am Sonntag nach der Explosion vor einer möglichen weiteren Bombe - und machte am Montag alle New Yorker zu Hilfspolizisten.

Es gibt drei Anlässe für WEAs: Die sogenannten Amber-Alerts, wenn Kinder entführt werden; unmittelbare Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit, häufig schwere Unwetter oder andere Naturkatastrophen; außerdem kann der Präsident den US-Amerikanern im Fall der Fälle eine Push-Nachricht schicken und vor landesweiten Notfällen warnen - das ist bislang aber nie passiert. Die ersten beiden Benachrichtigungen können Smartphone-Besitzer manuell deaktivieren, nur die Botschaften aus dem Weißen Haus werden zwangsweise allen Menschen in Reichweite eines Mobilfunkmasts zugestellt.

Viele Empfänger ignorieren die Nachrichten einfach

Für deutsche Ohren mag das Alarmsignal ungewohnt und, ganz im Sinne der Erfinder, tatsächlich alarmierend klingen. Menschen in den USA scheinen sich aber zunehmend daran zu gewöhnen. Alleine in den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden genauso viele WEAs abgeschickt wie in den drei Jahren zuvor. Das führt offenbar zu einer Abstumpfung. Brooke Liu, Professor an der University of Maryland, hat den Umgang mit den Alarmsignalen erforscht und festgestellt, dass die Empfänger der Botschaften kaum erschrecken oder in Panik geraten. Das größere Problem sei vielmehr, dass die Leute die Nachrichten schlicht ignorieren würden, sagte Liu dem Online-Portal Fivethirtyeight.

Zumindest der Bürgermeister von New York verteidigt das Vorgehen im Fall von Rahami. "Nach allem, was wir bislang wissen, hat es definitiv dazu beigetragen, den Verdächtigen festzunehmen", sagte Bill de Blasio - allerdings ohne ins Detail zu gehen. Und schon bald könnte die Polizei auch längere, multimediale Steckbriefe als WEAs verschicken: Die Federal Communications Commission will die Netzbetreiber überzeugen, die Länge auf 360 Zeichen zu vervierfachen und auch Bilder und Videos zuzulassen.

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