Wissen Wikipedia reißt Hierarchien nieder

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Fachkenntnisse waren früher Herrschaftswissen, mit Wikipedia haben alle Zugang zu Informationen. Auch wenn das Nachschlagewerk derzeit gravierende Probleme hat.

Gastbeitrag von Hedwig Richter

Wikipedia erfüllt einen Traum: Wissen für alle. Kostenlos, mit einem Handstreich. Während Universitäten ihre Studierenden vor diesem ungehüteten Wissen warnen, bündelt Wikipedia seit nunmehr 18 Jahren uralte Menschheitsutopien, moderne Sehnsüchte und Zivilisierungsvisionen, vom Nürnberger Trichter bis zum schreibenden Bergbaukumpel. Das Wichtigste an diesem Wissenswunderwerk ist womöglich der Egalitätsfuror, mit dem es Hierarchien niederreißt.

Für die wenigsten Menschen war zuvor ein Lexikon in steter Reichweite. Nun aber haben alle die größte Enzyklopädie der Welt im Smartphone - in der Tasche. Da Wikipedia zu den am meisten genutzten Websites gehört, steht es nicht nur zur Verfügung, sondern verleitet ganz offensichtlich so viele Menschen wie noch nie zum Lesen eines Nachschlagewerks. Alles prüfe der Mensch. Wikipedia führt meistens weiter und manchmal sogar zurück an die Wurzeln: Wer sich etwa über die aufklärerische "Encyclopédie" informieren will, findet auf Wikipedia gleich den Link zur sorgsam aufbereiteten Online-Ausgabe des Werks.

Leserdiskussion Wikipedia - Fluch oder Segen?

Leserdiskussion

Wikipedia - Fluch oder Segen?

Wikipedia gehört zu dem am meisten genutzten Websites auf der ganzen Welt und bietet damit Wissen für alle. Doch es hat auch gravierende Probleme: häufiger als in analogen Nachschlagwerken finden sich auf Wikipedia Fehler und es gibt zu wenig weibliche Autoren.

Wikipedia egalisiert aber auch die Produktion von Wissen. Wissen ist Macht - das wussten die privilegierten weißen Männer von Francis Bacon über Friedrich Nietzsche bis Michel Foucault. Wissen reglementiert das Handeln, Denken und Fühlen. Wer darüber bestimmt, welches Wissen geschöpft wird, wer Wissen selbst erzeugt und wer dirigiert, was als wissenswert gilt, der gehört zu den Mächtigen dieser Welt. Wikipedia unterhöhlt diese Herrschaftsbastionen.

Subversive Kraft

Die Volkswagen AG muss ertragen, dass ihre Betrügereien für alle nachlesbar sind, die Odenwaldschule wird ihre Missbrauchsfälle nie vergessen machen können. Hans Globke, Chef des Bundeskanzleramtes unter Adenauer, bleibt der Nachwelt als Antisemit und verbrecherischer Verwaltungsjurist der Nazis in Erinnerung - weil kein schöngefärbtes Parteienlexikon das öffentliche Gedächtnis prägt, sondern Wikipedia.

Überall wirkt die subversive Kraft von Wikipedia gegen alte Wissenshierarchien. Herkömmliche Enzyklopädien hatten natürlicherweise eine beschränkte Anzahl an Lemmata, die in aller Regel von einigen wenigen ausersehen wurden. Nun aber legt ein Handwerker einen Artikel über sein Fachwissen an, eine Doktorandin erklärt die Welt, und Nerds bringen ihre Spezialkenntnisse unter die Menschheit. Frauengeschichte muss kein Nischenthema bleiben, immer mehr Lebensläufe von People of Color sind zugänglich. Die Schlagworte auf Wikipedia wachsen täglich an, mittlerweile gibt es in deutscher Sprache über zwei Millionen Artikel, weltweit sind es fünfzig Millionen in 300 Sprachen.

Damit schwankt die selbstverständliche Souveränität von bildungsbürgerlichem Wissen. Als ein Eintrag zu Kate Middletons Brautkleid umgehend gelöscht werden sollte, erhob sich Protest. Warum sollte, was offensichtlich viele Menschen interessiert, nicht von Relevanz sein? Seither lässt sich in neun Sprachen nachlesen, dass im Mieder der von Sarah Burton entworfenen Robe die Nationen des Vereinigten Königreichs dargestellt sind; und zwar mit einer irischen Klöppeltechnik der 1820er-Jahre.

Das Verhältnis von Wikipedia zur Wissenschaft ist freilich ein spezielles. Früher gehörte zur arkanen Fachgelehrsamkeit ganz wesentlich ein feines Netz des Wissens darüber, wie Kenntnisse zu erwerben seien: In welchem Lexikon findet sich was, in welchem Institut steht dieses Lexikon, welche Abkürzungen kennzeichnen welches Nachschlagwerk? Allein diese doch rein technische Wissensaneignungskompetenz diente als unerbittliches Exklusionsinstrument. Mittlerweile steht Wissen nicht nur Hinz und Kunz und Krethi und Plethi in aller Fülle zur Verfügung, sondern es wird kaum noch eine Wissenschaftlerin geben, die nicht rasch für Jahreszahlen Wikipedia aufruft.

Hedwig Richter, 45, forscht am Hamburger Institut für Sozialforschung. Die Historikerin ist spezialisiert auf Demokratiegeschichte.

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Doch Wikipedia ersetzt selbstverständlich keine Wissenschaft, denn die folgt einem anderen Code. Wikipedia kann kein akademisches Werk aufwiegen, es erinnert allenfalls daran, wie unklug es wäre, aus Arroganz das Internet zu meiden und Terrain im Wissensfeld zu verspielen. Die Online-Nachschlagewerke "Docupedia-Zeitgeschichte" zum Beispiel oder das Deutsche Digitale Frauenarchiv bieten in ihrem beschränkten Feld ein problemorientiertes, strukturiertes Wissen, mit dem Wikipedia nicht konkurrieren kann. Ihre Wirkung erzielen sie aber nicht zuletzt dadurch, dass sie online und frei zugänglich sind. Klugerweise verlinken sie sich auf Wikipedia.

Gravierende Probleme

Richtig ist allerdings auch: Wikipedia hat mit gravierenden Problemen zu kämpfen. Manche Artikel sind veraltet (wenn auch nicht im Ausmaß wie die Einträge im Brockhaus mit Goldschnitt). Noch häufiger als in analogen Nachschlagwerken finden sich auf Wikipedia Fehler, denn die alten Gatekeeper des Wissens hatten ja einen durchaus purifizierenden Effekt; immerhin werden die Fehler online schneller getilgt. Besonders problematisch ist die Autorenschaft bei Wikipedia. Sie ist überwiegend männlich, oft von Welterklärungswillen beseelt, manche Autoren sind ermächtigt, Neueinträge zu löschen, und sie sorgen immer wieder einmal dafür, andere Stimmen doch nicht zu Wort kommen zu lassen. Und so mancher kühlt seinen Zorn und stillt seinen Neid, indem er Prominente oder Kollegen auf Wikipedia denunziert. Es fehlt an neuen Autorinnen.

Doch Wikipedia entwickelt sich weiter und schafft Regeln. Eine Löschung muss nun ausführlich diskutiert werden. Und von den Sünden anderer Plattformen wie Facebook oder Youtube ist Wikipedia nicht besessen: Es bietet keine Nazipropaganda im großen Stil und ist weitgehend frei von Verschwörungstheorien.

Alles in allem bleibt die Onlineenzyklopädie ein Mysterium: von einem Kollektiv für alle geschaffen, gratis, omnipräsent. Mit Wikipedia explodiert das Wissen. Die Allerweltsenzyklopädie bringt in Erinnerung, wie radikal Demokratie in ihrer Gleichheitsforderung ist. Und sie zeigt, wie wenig sich Gleichheit gerade in Wohlstandsgesellschaften auf Ökonomie reduzieren lässt - wenn Reichtümer wie Wissen einfach da sind wie die Luft zum Atmen.

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