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Wikipedia:"Die einen halten uns für 'linksgrün versifft', andere wittern einen Rechtsruck"

New Yorker Künstler Michael Mandiberg

Im Jahr 2016 war das Werk des amerikanischen Künstlers, Programmierers, Designers und Lehrers Michael Mandiberg in Berlin zu sehen: Die Installation trägt den Titel: "Print Wikipedia: from Aachen to Zylinderdruckpresse" und soll die Größe der Online-Enzyklopädie verdeutlichen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wie tickt die deutsche Wikipedia-Gemeinschaft? Jan Apel von Wikimedia erklärt, worüber die Community streitet, warum es Frauen manchmal schwer haben und wie sich die Wikipedia verändern muss.

Die deutsche Wikipedia umfasst mehr als 2,3 Millionen Artikel. Damit ist sie eine der größten und aktivsten Wikipedia-Ausgaben der Welt. Das ist auch ein Verdienst von Wikimedia Deutschland, dem gemeinnützigen Verein hinter der Online-Enzyklopädie. Doch es gibt auch Probleme: Die Frauenquote ist noch niedriger als in der CDU, der Tonfall ist oft ruppig, und immer weniger Menschen schreiben aktiv mit. Trotzdem mache er sich keine Sorgen um die Zukunft, sagt Sprecher Jan Apel beim Gespräch auf der Digitalmesse Republica.

Wie sieht ein typisches Mitglied der deutschen Wikipedia-Community aus?

Die Gemeinschaft ist total vielfältig. Es gibt keine Durchschnittsnutzer. Die persönlichen Hintergründe sind genauso divers wie die Motivation und die Schwerpunkte: Manche bessern denselben Grammatikfehler in Hunderten Artikeln aus, andere machen Fotos. Neue Artikel anzulegen, ist so etwas wie die Königsdisziplin. Für den Einstieg ist es einfacher, mit Aktualisierungen oder Korrekturen anzufangen.

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Angeblich sind 90 Prozent der Wikipedianer männlich. Stimmt diese Zahl?

Das genaue Verhältnis kennen wir nicht. Niemand muss seine personenbezogenen Daten angeben. Deshalb wissen wir genauso wenig, wie Transgender oder Migranten repräsentiert sind. Es gibt Umfragen, aber damit erreichen wir natürlich nur die Menschen, die bereit sind, diese Informationen anzugeben. Demnach liegt der Frauenanteil zwischen zwölf und 25 Prozent.

Wer in der Wikipedia mitschreiben will, braucht ein dickes Fell. Der Tonfall ist oft ruppig, Neueinsteiger haben es schwer. Schreckt das Frauen ab?

Das trägt sicher auch dazu bei. Einige Community-Mitglieder preschen recht harsch nach vorn, um es freundlich zu sagen. Wir arbeiten daran, dass unsere Gemeinschaft vielfältiger wird, indem wir Menschen direkt ansprechen und zu Informationsveranstaltungen vor Ort einladen. Der persönliche Kontakt ändert vieles. Das ist einfach eine ganz andere Nummer, als sich nur online auszutauschen. Das Interesse ist groß: Bei unserem Aktionstag im vergangenen Jahr sind wir überrannt worden. Im Spätherbst wollen wir das wiederholen.

Jan Apel, Wikimedia Deutschland

(Foto: Tjane Hartenstein/CC BY-SA 4.0)

Sehr unterschiedliche Menschen investieren ihre Freizeit in ein ehrenamtliches Projekt. Welche Konflikte treten da auf?

Ganz viele, und manchmal kracht es ordentlich. Aber das muss so sein, denn die Wikipedia will möglichst neutral sein. Deshalb braucht es kontroverse Diskussionen. Oft geht es um Inhalte von Artikeln. Manchmal gibt es richtiggehende Edit-Wars, also Artikel, die immer wieder von der einen und der anderen Seite bearbeitet werden. Es kommt auch vor, dass diese Artikel dann gesperrt werden, um neue Edits für eine gewisse Zeit zu verhindern.

Was sind die kontroversesten Themengebiete in der deutschen Wikipedia?

Auf der einen Seite natürlich politische Themen, bei denen Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Das spiegelt sich dann teils auch in ihren Bearbeitungen wider. Auf der anderen Seite sind es aktuelle Themen, zu denen es keine eindeutige Studienlage gibt. Wenn die Wissenschaft zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, spaltet das auch die Wikipedia-Community.

Wie tickt die Gemeinschaft politisch? Ist sie eher links der Mitte, überwiegen konservative Stimmen? Und wie wirkt sich das auf den Inhalt aus?

Ich halte die Wikipedia für ziemlich ausgewogen. Die einen halten uns für "linksgrün versifft", andere wittern einen Rechtsruck. Solange sich beide Seiten beschweren, bin ich zufrieden.

Für viele Menschen gilt: Was in der Wikipedia steht, ist wahr. Stimmt das?

Auf keinen Fall. Man darf sich auf gar nichts hundertprozentig verlassen, was man liest, weder im Netz noch auf Papier. Aber genau darum geht es: Wir wollen Medienkompetenz stärken. Bei uns finden Nutzende Quellenbelege und können weiter recherchieren. Die Wikipedia hat jede Vorstellung einer klassischen, gedruckten Enzyklopädie gesprengt. Natürlich ist nicht alles wahr. Aber ich glaube, dass die Seite eine wunderbare erste Anlaufstelle ist.

Die Wikipedia wird sich verändern müssen, um relevant zu bleiben. Was sind die größten Herausforderungen?

Wir müssen Menschen erklären, dass sie mitschreiben können - und dass die Wikipedia darauf angewiesen ist. Immer weniger Leute tragen aktiv bei. Das bedroht die mittelfristige Zukunft. Das Internet hat sich grundlegend verändert. Es wird dominiert von großen, finanzstarken Unternehmen. Dagegen hat es eine Plattform wie die Wikipedia schwer. Nutzer müssen verstehen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es uns gibt. Wir brauchen Aktive, die ihr Wissen weitergeben wollen. Nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Das ist eine weitere große Herausforderung: Wie schaffen wir es, dass die Menschen in Afrika genauso davon profitieren? Wie erreichen wir Gesellschaften, die ihr Wissen bislang eher mündlich weitergeben oder keine Enzyklopädien kennen?

Die Wikipedia finanziert sich zum größten Teil durch Spenden. Ist das ein zukunftsfähiges Modell?

Zum Glück muss ich mir derzeit keine Sorgen ums Geld machen. Unsere Spendenkampagne läuft einmal pro Jahr etwa 50 Tage lang, in dieser Zeit spenden etwa 400 000 Menschen. Dafür sind wir sehr dankbar. Manche sagen, dass sie gerade ihr Studium beendet haben und etwas zurückgeben wollen. Andere schreiben Kommentare wie: "Ich will, dass das Weltwissen weiter bewahrt wird, auch wenn ich nicht mehr lange auf dieser Welt sein werde." Diese Rückmeldungen machen Mut für die nächsten 18 Jahre Wikipedia.

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