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20 Jahre Wikipedia:"Mein Wissen ist mein Dialekt"

Kein Genitiv, aber über 30 000 Artikel: die bairische Wikipedia

Es gibt nicht nur die großen Wikipedias, in vielen kleinen Ausgaben versuchen Autoren Wissen zu erhalten. Einer von ihnen ist "Wikibayer".

Interview von Mirjam Hauck

Die deutschsprachige Wikipedia ist, abgesehen von Versionen, die automatisiert befüllt werden, nach der englischsprachigen die zweitgrößte der Welt. Neben dieser quasi offiziellen Version gibt es aber auch noch viele kleinere Wikipedias aus Mitteleuropa in slawischen und germanischen Sprachformen. Wie zum Beispiel die schlesische, die nordfriesische, die alemannische und natürlich auch die bairische Wikipedia.

Einer der Autoren der bairischen Wikipedia, die derzeit mehr als 30 000 Artikel enthält, ist "Wikibayer". Seinen richtigen Namen möchte der Autor nicht öffentlich nennen. Denn wer im Internet aktiv sei, der könne schnell Hass auf sich ziehen, gerade bei so kleinen Communitys wie den Dialekt-Wikipedias. Wikibayer ist, so viel darf man sagen, ein 24-jähriger gelernter Metallbauer aus Cham in der Oberpfalz.

SZ: Es gibt viele Dialekte in Bayern, ein Münchner spricht anders als eine Passauerin, und Sie hören sich anders an als jemand, der in Weiden aufgewachsen ist. Ist das ein Problem?

Wikibayer: Natürlich unterscheidet sich Oberpfälzisch vom Oberbairischen. Und bei uns sind auch Österreicher dabei. Aber im Grunde ist das alles sehr ähnlich. Wir verstehen uns alle untereinander.

Die bairische Schriftsprache funktioniert anders als die hochdeutsche. Was sind die Besonderheiten?

Bei uns gibt es keine offizielle Schreibweise, also keinen Duden, an dem wir uns orientieren können. Wir schreiben einfach, wie wir sprechen. Und in der bairischen Grammatik gibt es ein paar Unterschiede zum Hochdeutschen.

Es gibt keinen Genitiv, so heißt es beispielsweise im Artikel zu Joe Biden, "zua Woi vom Donald Trump".

Ja, so reden wir. Einer der größten Unterschiede ist sicher, dass es im Bairischen kein Ü gibt. So wird aus "nach München" eben "af Minga".

Die Artikel in der bairischen Wikipedia sind deutlich kürzer als in der gesamtdeutschen Variante. Joe Biden muss mit zwei Absätzen auskommen.

Wir sind nur ein paar Leute, die hochdeutsche Wikipedia hat aber Tausende Autoren. Wenn wir genauso lange Artikel schreiben würden, hätten wir nur ganz wenige - und so kommen wir mittlerweile auf über 30 000 Einträge.

Wie wird darüber entschieden, welche Artikel geschrieben werden?

Wir recherchieren und schreiben eigene Artikel, gerade zu Wörtern, die es so nur im Bairischen gibt. Wie "Drahdiwaberl" (ein Spielzeugkreisel, Anm. der Redaktion). Ich übersetze aber vor allem Beiträge aus dem Hochdeutschen. Welche das sind, entscheidet bei mir der Zufall.

Welches Ziel hat die bairische Wikipedia?

Uns geht es darum, unsere Sprache zu erhalten. Ich arbeite auch an der hochdeutschen Wikipedia mit, aber bei der bairischen kann ich mein Wissen besser einbringen. Mein Wissen ist mein Dialekt.

Vor Monaten kam heraus, dass die Hälfte der Einträge in der Scots Wikipedia von einem US-Teenager stammten, der diese Sprache gar nicht beherrscht und ein Übersetzungsprogramm genutzt hat. Droht so etwas auch der bairischen Wikipedia?

Wir hatten auch schon Autoren, die einiges kaputtgemacht haben oder als Quelle "das hat meine Oma gesagt" angegeben haben. Es ist auch nicht immer einfach, diese Autoren vom Schreiben abzuhalten. Aber ich habe dann Filter programmiert, die solche Leute immer weiter eingeschränkt haben, sodass sie schließlich keine Lust mehr hatten, bei uns mitzuarbeiten.

Neben der bairischen gibt es auch noch viele andere kleine Dialekt-Wikipedias. Kennen Sie sich untereinander?

Ja, wir haben uns schon auf der Wikicon getroffen. Und ich helfe zum Beispiel auch bei der plattdeutschen Wikipedia mit, dafür habe ich auch Administratorenrechte. Da verstehe ich zwar nur relativ wenig, aber ich erkenne offensichtlichen Vandalismus, also wenn einer einfach nur wild auf der Tastatur herumspielt. Das lösche ich dann.

© SZ
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