Enthüllungsplattform:Wikileaks lebt

Julian Assange 3 years at the Ecuador Embassy

Aufnahme in Frankreich? Seit drei Jahren sitzt Wikileaks-Mitgründer Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London fest.

(Foto: dpa)
  • Die NSA späht auch französische Politiker aus - für publizierte Informationen dazu erhält Wikileaks zurzeit viel Aufmerksamkeit.
  • Die Plattform hat eine durchmischte Vergangenheit; so schaffte sie es etwa, Kriegsverbrechen zu enthüllen, geriet aber auch unter Druck wegen Ermittlungen gegen ihren Sprecher Julian Assange.
  • Wikileaks hat neben Edward Snowden mutmaßlich weitere Whistleblower in US-Diensten.

Von John Goetz und Hans Leyendecker

Wikileaks ist eine kleine Firma, fünf bis sieben Angestellte vielleicht. Der Mitgründer des Unternehmens, Julian Assange, sitzt in London, gefangen in einer Botschaft. Seine wichtigste Mitarbeiterin, Sarah Harrison, lebt seit November 2013 in Berlin. Sie treibt eine Organisation namens "Courage Foundation" an, die sich um Whistleblower kümmert, und sie hat eine Menge damit zu tun, neue Wikileaks-Enthüllungen auf den Weg zu bringen. Und da sind noch ein paar Mitarbeiter in Australien und sonstwo - aber wirklich nichts Großes.

Wer Geschichten über Davids und Goliaths mag, muss eigentlich Gefallen daran finden, dass der Kleine dem Großen wirklich zu schaffen macht. Etwa fünfzig Milliarden Dollar kosten die amerikanischen Geheimdienste im Jahr, und sie werden immer wieder von Whistleblowern wie Edward Snowden, dessen Schutzengel Sarah Harrison in Hongkong und Moskau war, elendig vorgeführt. Wikileaks hat allenfalls einen sechsstelligen Umsatz.

Natürlich wusste man vorher, dass die NSA die Franzosen ausspioniert, als wären sie Russen. Aber die Enthüllung durch Wikileaks war dann doch eine Offenbarung. Es war ein echter Wikileaks-Scoop; gut vorbereitet, jeder Eingeweihte kannte die Absprachen und hielt sich daran.

Ein paar Medien, in Frankreich das Blatt Libération vorneweg, aber auch die ddeutsche Zeitung und der NDR, wurden darüber informiert, was da kommen sollte. Vor 22 Uhr am Dienstagabend durfte nichts raus. Das klappte wirklich: In jüngerer Zeit hat Wikileaks selten ein solches Echo ausgelöst. Wikileaks lebt, und da kommt mehr. Auch das war die Botschaft.

Die Enthüllungsplattform hat ganz große Zeiten erlebt. Da waren die Enthüllungen zum Irak-Krieg, der noch schrecklicher war, als man vorher meinte. Wikileaks enthüllte Dokumente von Kriegsverbrechen. Und da waren die Zehntausende zumeist geheimer Dokumente über den Afghanistan-Krieg. Die Veröffentlichung Hunderttausender vertraulicher Diplomatenberichte brachte die US-Regierung in Schwierigkeiten. "Cablegate", wie diese Lieferung genannt wurde, bereitete zumindest aus Sicht von Assange den Arabischen Frühling mit vor, weil die Kenntnis der US-Depeschen dazu beigetragen habe, die Legitimität von Diktatoren zu untergraben.

Aber auch in diesem Genre gibt es ein Auf und ein Ab. Der Boykott des Kreditunternehmens Visa und die daraus resultierenden Geldprobleme sowie die Anschuldigungen schwedischer Ermittler gegen Assange setzten der Organisation schwer zu. Wikileaks als Idee und Produkt galt vielen schon als gescheitert.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB