Wikileaks und die Folgen:Kettenreaktion und Kontrollverluste

Solche Fälle zeigen, dass man sich den großen Fragen der digitalen Gesellschaft im 21. Jahrhundert nicht mit den Antworten des 20. Jahrhunderts nähern kann. Wenn eben statt der Mülltonne ein internationales Kreditinstitut umfällt, sind die Auswirkungen nicht abzusehen. Kettenreaktionen sind Teil der Faszination des Internets.

WikiLeaks supporters wear masks during a demonstration in Malaga

Wikileaks-Anhänger mit "Anonymous-"Masken: beunruhigend wirksames Störwerkzeug.

(Foto: REUTERS)

Innerhalb von Tagen oder Stunden können sie weltweite Aufmerksamkeit schaffen oder Wirkung zeigen. Darauf gründen sich die Welterfolge von humorigen Netzvideos, aber auch der rapide Aufstieg von Digitalfirmen.

Was von Werbung und Industrie als erhoffte Kettenreaktion gesucht wird, kann aber auch Kontrollverlust bedeuten. Es ist unwahrscheinlich, dass die Teenager, die derzeit mit der digitalen Ionenkanone Webseiten internationaler Konzerne lahmlegen, langfristig Schaden anrichten.

Ihre Gegner sind selbst Hacker, die in den Diensten von Konzernen und digitalen Sicherheitsfirmen stehen. Solche Verteidigungs-Hacker haben bisher noch jeden digitalen Angriff abgewehrt und jeden neuen Computervirus in den Griff bekommen.

Die Politik allerdings wird die Gelegenheit nutzen, um zu versuchen, den Kontrollverlusten im Internet mit aller Macht zu begegnen. Die Gelegenheit ist günstig. Der Streit um ein so komplexes Thema wie das Urheberrecht oder die Scharmützel der Software-Soldaten in sogenannten Cyberkriegen sind für viele kaum nachvollziehbar.

Ein selbsternannter Vorkämpfer für radikale Informationsfreiheit, der Staatsgeheimnisse verrät, Teenager, die Internetauftritte von Weltkonzernen lahmlegen, und eine nebulöse Widerstandsgruppe mit dem Namen Anonymous sind jedoch der ideale Stoff, um daraus Szenarien weltweiter Bedrohung zu entwickeln.

Weltfremde Reaktion der Institutionen

Staaten und Konzerne werden wohl versuchen, die Freiheit im Netz so zügig wie möglich zu beschränken. Inwieweit ihnen das gelingen wird, ist schwer zu sagen. Politische und wirtschaftliche Institutionen des 20.Jahrhunderts werden in einem System des 21.Jahrhunderts aber ihre Machtbereiche nicht mit überkommenen Mitteln sichern können.

Wie weltfremd diese Institutionen oft reagieren, zeigen hierzulande der hilflose Umgang mit Google Street View oder der technisch nicht umsetzbare Staatsvertrag für Jugendmedienschutz. Das wird einen Generationenkonflikt zementieren.

Es wird eine Jugend geben, die immer neue Wege finden wird, ihre Wut im Internet nicht nur in Worte zu fassen, sondern auch in Taten umzusetzen. Das führt zu einem Wettlauf um die Vormacht im Netz, der so schnell nicht enden wird.

© SZ vom 24.11.2010/joku
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