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Whistleblowing:Snowden rechnet mit Bundesregierung ab

Der im Exil lebende NSA-Whistleblower erklärt in einer Videoschalte bei der SZ, wieso er von Berlin so enttäuscht ist - und verrät, wie er vor so vielen anderen von den "Panama Papers" erfuhr.

Von Jannis Brühl

Damit wäre auch geklärt, warum Edward Snowden auf Twitter auf die Panama Papers hinwies, noch bevor die Süddeutsche Zeitung es selbst tat: "Sorry dafür", sagt Snowden lächelnd von der Videoleinwand herab, auf die sein Livebild projiziert wird. "Die Leute dachten, ich hätte eine Insiderquelle. Aber ich habe es tatsächlich auf Twitter gesehen. Irgendjemand hatte einen Link von eurer Seite getwittert. Ich habe sie gesehen und dachte: 'Wow!'"

Mehrere Dutzend Journalisten sitzen in einem Saal im 25. Stock des SZ-Hochhauses. Snowden trägt dunkles Jackett vor dunklem Hintergrund, er ist zugeschaltet aus seinem Moskauer Exil. Seit drei Jahren lebt er dort, weil er Journalisten geheime Daten der US-Geheimdienste aushändigte und damit den NSA-Skandal auslöste. In den USA droht ihm die Anklage. Snowden spricht an diesem Mittwoch in einer Video-Schalte bei der Süddeutschen Zeitung über Privatsphäre und Freiheit angesichts globaler Überwachung.

Das Gespräch ist Teil des "Editor's Lab", zu dem die SZ in Partnerschaft mit dem Global Editors Network 14 Journalistenteams aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Rumänien und Frankreich eingeladen hat. Ziel dieses "Hackathons" ist, zwei Tage lang an neuen Ansätzen für investigativen Journalismus zu arbeiten.

"Ich will nicht so eine Person mit Aluhut sein, aber..."

Snowden verweist darauf, dass die Massenüberwachung durch Staaten journalistische Arbeit gefährde. Die zentrale Frage sei nun: "Kannst du deine Quellen geheim halten?" Journalisten seien "eine gefährdete Klasse", wenn es um Privatsphäre gehen.

"Ich will nicht so eine Person mit Aluhut sein, die sagt: Du kannst deinem Telefon nicht vertrauen und solltest solche Dinge gar nicht benutzen." Aber Journalisten müssten sich bewusst sein, dass ihr Telefon Spione zu ihrer Quelle führen könne. Gerade erst hätten Enthüllungen über den US-Telefonanbieter AT&T gezeigt, dass Unternehmen Daten über ihre Kunden in vorauseilendem Gehorsam Behörden anböten. Diese über Mobilfunkmasten erfassten Daten zeigten, welche Handys sich in der Nähe welcher anderen aufhielten. Nach einem Versprecher sagte Snowden denn auch zur Erheiterung der Zuhörer: "Entschuldigung, ich verwechsle Geheimdienste und Telefonanbieter öfter, weil ihre Arbeit mittlerweile so ähnlich ist."

"Wie will Deutschland China die Stirn bieten?"

Der 33-Jährige nutzt die Videokonferenz auch zu einer Abrechnung mit der deutschen Regierung. Danach gefragt, wie er die Chancen sehe, doch noch Asyl zu erhalten, sagt er: Es sei "unglücklich", dass die deutsche Regierung in der Frage eine Absage erteilt habe. Sie wisse genau, dass durch die Enthüllungen niemand zu Schaden gekommen sei. Und sie wisse auch, dass die US-Regierung festgestellt habe, dass die Programme zur Massenüberwachung zudem in der Terror-Abwehr praktisch nutzlos gewesen seien.

Das Argument, die USA könnten deutsche Staatsbürger aus Rache sterben lassen, indem sie Informationen zurückhielten, sei absurd: "Der Gedanke, dass die USA Deutschland bestrafen könnten, weil es Whistleblower schützt, ist eine Fantasie, er ist peinlich." Es gehe dabei nicht nur um ihn. Snowden fragt provokant: "Wie will Deutschland China die Stirn bieten, wenn es dort eine ähnliche Situation gebe?" Immerhin bewege sich auf europäischer Ebene etwas: Das EU-Parlament hatte sich vergangenes Jahr dafür ausgesprochen, ihn nicht auszuliefern, weil die Anwürfe gegen ihn politisch motiviert seien.

Der Westen ist digital verwundbar

In Deutschland seien die Geheimdienste dank des sogenannten G-10-Gesetzes grundsätzlich besser beaufsichtigt als in vielen anderen Ländern, aber das ändere sich gerade: "Wir haben gesehen, dass in Deutschland Gesetze verabschiedet wurden, die als Reformen präsentiert werden, aber tatsächlich die Politik der Massenüberwachung legalisieren." Eine Anspielung auf das Ende vergangener Woche verabschiedete neue BND-Gesetz (mehr dazu hier). Solche Gesetze bedeuten laut Snowden: "Ja, wir werden jeden ausspionieren, aber wir sagen euch, dass wir es tun. Und somit ist es ok."

In der Schalte äußerte sich Snowden auch zu der umstrittenen Frage, inwieweit Material veröffentlicht werden sollte, das von Hackern beschafft worden ist. Aktueller Anlass ist, dass Wikileaks E-Mails von John Podesta ins Netz stellte. Er leitet Hillary Clintons Wahlkampf. Im Sommer hatte Snowden Wikileaks noch öffentlich dafür kritisiert, Datensätze im Ganzen ohne Kuratieren oder sonstige journalistische Aufarbeitung zu veröffentlichen. An diesem Mittwoch hingegen warnte er davor, dieses Leak zu ignorieren: "Ich finde es bedenklich, wenn Journalisten sagen: Ich bin nervös, weil ich zu viele wahre Infos bekomme. Das ist das Gegenteil von dem, was sie tun sollten."

Snowden sagt, er wünsche sich eine größere Debatte über die Gefahren digitaler Offensivwaffen, mit denen zum Beispiel kritische Infrastruktur angegriffen werden könne: "Wir sind die fortschrittlichsten, meistvernetzten Gesellschaften der Erde. In computerbasierten Konflikten haben wir mehr zu verlieren. Wir können Russland zehnmal hacken, aber das wird dort weniger Schaden anrichten als ein Hack gegen uns. Wir können Nordkorea tausendmal hacken, aber sie werden weniger Schaden erleiden, als sie uns mit einem Hack zufügen können." Auf dieses gefährliche Spiel solle sich der Westen nicht einlassen.

© SZ.de/gba

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