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Weichzeichner-Apps:Falsche Ideale und makellose Porträts

Wer braucht noch Chirurgen bei schmalen Lippen? Für Schönheit gibt es Algorithmen - und Apps mit vielsagenden Namen wie Plastica und Fix Me.

Von Michael Moorstedt

Die Hölle auf Erden befindet sich in Kalifornien. Das konnte man jedenfalls annehmen, wenn man in der vergangenen Woche Bilder von der US-Westküste gesehen hat. Der dort wütende Feuersturm sorgte dafür, dass sich der Himmel im Widerschein von mehr als hundert unkontrollierten Waldbränden glutrot färbte. Besitz war vernichtet, Natur zerstört, Einwohner auf der Flucht.

Als wäre all das nicht genug, konnten die Menschen vor Ort nicht mal anständige Fotos von der scheinbaren Apokalypse machen. Denn die automatische Bildverbesserungssoftware, die in vielen modernen Smartphones im Geheimen wirkt, ließ nicht gelten, dass es sich bei der quecksilberorangen Farbfläche in den Aufnahmen um Himmel handeln sollte. Und rechnete dementsprechend die höllischen Feuerwolken in ein harmlos-langweiliges Grau um. Nur mit viel Mühe konnten die Anwohner die Selbstzensur der Kamera umgehen und das Geschehen dokumentieren.

Die Anekdote lehrt gleich mehrere Dinge. Zum Beispiel, dass eine Funktion, die dazu dient, die echte Welt ein bisschen schöner wirken zu lassen, mit der harten Wirklichkeit überfordert ist. Oder, dass man als Nutzer kaum noch merkt, wie sehr die Technik bereits in unsere Wahrnehmung eingreift. Und natürlich, dass es heutzutage mitunter sehr schwer ist, einen ungefilterten Zugang zur Realität zu bekommen.

Gerade der letzte Punkt gilt freilich nicht nur für Weltuntergangsmotive, sondern auch für die Selfies von Quasi-Prominenten auf Instagram. Die haben ja auch nur bedingt mit der Realität zu tun. In Großbritannien wird deshalb seit ein paar Wochen ein Gesetz diskutiert, das Influencer dazu verpflichten soll, retuschierte Bilder als solche zu kennzeichnen. Genau wie heute schon die mannigfaltigen Produktplatzierungen mit dem Wörtchen Werbung versehen werden müssen, solle das in Zukunft in ähnlicher Weise auch geschehen, wenn das Bild bearbeitet wurde. So will man die oft noch jugendlichen Betrachter vor unrealistischen Schönheitsidealen und Körperwahrnehmungsstörungen beschützen.

Der neueste Trend: ein metallischer Schimmer im Gesicht

Das "Instagram Face" mit seiner Weichzeichner-Ästhetik ist inzwischen zu einem kulturellen Fixpunkt geworden. Automatische Retusche-Apps mit sinnbildlichen Namen wie Plastica oder gar Fix Me sollen für ein Ergebnis wie nach einer Schönheits-OP sorgen. Der Account Celebface spürt auf den Fotos der Stars akribisch den verräterischen Signalen der Manipulation nach. Wer sich eine solche kritische Auseinandersetzung schenken will, kann das Komplettpaket aus hohen Wangenknochen, dominantem Kinn, bis zum Bersten gefüllten Lippen und riesigen, leicht mandelförmigen Augen aber auch einfach beim Beauty-Chirurgen buchen. Einige Ärzte selbst sind schon halbe Berühmtheiten mit mehreren Hunderttausend Followern geworden.

Man kann das obsessiv finden, doch für das Gros der Nutzer ist das Best-of der Schönheitsideale, das die Algorithmen der Apps den Nutzergesichtern verpassen, nur die zeitgemäße Form einer schnellen Lidstrichkorrektur auf der Club-Toilette. In einer Medienrealität, in der man das eigene Selbst kontinuierlich ins Netz überträgt, ist die permanente Perfektionierung der eigenen Inszenierung beinahe schon pathologisch diszipliniert.

Der neueste Trend besteht offenbar darin, sich einen metallischen Schimmer auf das Gesicht zu montieren oder, warum auch immer, die eigene Stirn mit den Logos von Luxusmarken zu überlagern. Im besten Fall wirken die so bearbeiteten Fotos wie die eines wohlwollenden Androiden. Wer es übertreibt, erhält dagegen eine gänzlich alienhafte Mimik. Und alle machen mit. Die Gesichter werden danach optimiert, was die höchste Nutzerbindung und die meisten Likes verspricht. Ganz so, als würde die Technologie die Körper der Nutzer nach ihren eigenen Interessen neu definieren.

© SZ vom 14.09.2020

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