Video-Kurzclips Chinas große App

Ein Nutzer posiert vor einem Smartphone für die chinesische App Tiktok.

(Foto: AFP)
  • Die großen Player in Chinas Internet sind außerhalb des Landes fast unbekannt. Über Wechat lässt sich in China fast alles organisieren, im Ausland nutzt fast niemand die App.
  • Das ändert sich gerade ein bisschen - mit Tiktok. Die Video-App wurde auch in Deutschland millionenfach geladen, vor allem von Kindern und Jugendlichen.
Von Christoph Giesen, Peking

Das chinesische Internet ist ein Paralleluniversum: Es gibt kein Google, kein Facebook und auch kein Twitter - alles weggesperrt hinter der großen Firewall. Stattdessen: Baidu, Weibo und natürlich Wechat. 2011 kam die App in China auf den Markt. Das halbe Land hat inzwischen Wechat installiert. Nach der Telefonnummer wird man heute nicht mehr gefragt, sondern nach seinem Wechat-Namen. Man kann mit dem Dienst überall bezahlen, selbst in den schmutzigsten Garküchen hängt ein QR-Code, den scannt man - und schon ist die Rechnung beglichen.

Wechat ist eine Art Schweizer Taschenmesser, vollgestopft mit Hunderten Funktionen. Eine so mächtige App findet man außerhalb Chinas nicht. Der einzige Schönheitsfehler: In Europa oder den Vereinigten Staaten nutzt kaum jemand Wechat. Chinas technische Entwicklungen sind weitestgehend vom Rest der Welt abgekoppelt. Bis jetzt.

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Nun aber gibt es Tiktok, eine App, die bei Teenagern überall auf der Welt schwer beliebt ist, und auch in Deutschland schon millionenfach heruntergeladen wurde. Das Prinzip ist simpel: Man zeichnet mit dem Smartphone ein Video auf und lädt es hoch, maximal 15 Sekunden dürfen die Aufnahmen lang sein - verdichtetes Youtube also. Und doch ist etwas anders.

Künstliche Intelligenz liefert beinahe sofort relevante Videos

Sobald man Tiktok startet, beginnt im Hintergrund künstliche Intelligenz zu werkeln, und das verblüffend gut, schon nach wenigen Videos, die man zu sehen bekommen hat, hat die App die Interessen ausgewertet und blendet zielsicher nur noch für den Nutzer relevante Videos ein. "Man stelle sich eine Version von Facebook vor, mit der man seinen Feed füllen kann, bevor man eine einzelne Person befreundet hat. Das ist Tiktok", schreibt die New York Times. Die Folge: Jugendliche verbringen Stunden mit Tiktok, hangeln sich von einem Video zum nächsten, wie im Bann.

Entwickelt hat diese App mit Suchtpotenzial die Firma Bytedance, das derzeit vielversprechendste Start-up in China. Die aktuelle Bewertung liegt seit der letzten Investorenrunde bei sagenhaften 75 Milliarden Dollar - drei Milliarden mehr als der Fahrdienstvermittler Uber. Der Erfolg hängt auch mit einer zweiten App zusammen, die zum Reich von Bytedance gehört: Toutiao, ein sogenannter Nachrichtenaggregator.

Übersetzt heißt der Dienst "Schlagzeile". Je nach Vorlieben, Themen, Formaten, Autoren oder Titeln schlägt einem die App Texte und Videos vor. Millionen Chinesen lesen nur noch über Toutiao. 73 Minuten verbringen die Nutzer im Schnitt bei Toutiao, die meisten von ihnen sind jünger als 30 Jahre. Künstliche Intelligenz kommt auch hier zum Einsatz.

Welche Artikel man liest oder welche Videos man sich anschaut, merkt sich das System genauso, wie lange man in einem Text verweilt, wo man ihn abbricht, wo man weiterscrollt, an welchem Ort man sich gerade befindet, zu welcher Zeit man liest, aus alldem zieht der Algorithmus Schlüsse. Am Anfang kann noch ein Kochrezept direkt auf eine Eloge über Staats- und Parteichef Xi Jinping folgen. Nach ein paar Runden ist die Auswahl deutlich akkurater.

Die Texte und Videos stammten aus mehr als einer Million Quellen. Das sind Zeitungen genauso wie die Websites von Behörden und Unternehmen, Blogs oder Filmschnipsel. Jeden Tag kommen eine halbe Million neue Artikel oder Clips hinzu. Im Unterschied etwa zu Facebook verzichtet Toutiao auf Empfehlungen von Freunden aus dem eigenen Netzwerk. Nicht was der Nachbar oder Arbeitskollege postet, wird einem vorgesetzt, der Computer entscheidet, und das sehr zielsicher.

Technisch ist Toutiao deutlich anspruchsvoller als Tiktok. Ein globaler Erfolg wird der Nachrichtengenerator wohl dennoch nicht. Die strenge chinesische Zensur kontrolliert die Auswahl der Quellen genau, Tausende Zensoren müssen bei Toutiao die Inhalte überwachen.

Tiktok ist auch schon mit Datenschutz-Problemen aufgefallen

Im Rest der Welt fiel Tiktok in den vergangenen Monaten eher mit Nachlässigkeit auf. Immer wieder ist der Vorwurf zu hören, der Dienst nehme es mit dem Datenschutz nicht so genau. In den USA hat die Federal Trade Commission dem Unternehmen vor Kurzem eine Strafzahlung in Höhe von 5,7 Millionen Dollar aufgebrummt. Der Grund: Hunderttausende Kinder luden, ohne vorherige Zustimmung der Eltern, Videos bei Tiktok hoch - einsehbar für jeden, ein Tummelplatz für Pädophile. Inzwischen hat Bytedance nachgeschärft, die Altersabfrage ist strenger und die Grundeinstellungen wurden angefasst. Zuvor war jedes Video für jeden zu sehen.

Völlig vereint sind die beiden digitalen Welten auch bei Tiktok noch nicht. In China heißt die Anwendung Douyin (Vibrierender Sound), die App ist praktisch identisch. Der Unterschied ist die Gesellschaftsform.

Tiktok ist zwar eine hundertprozentige Tochter von Bytedance, registriert ist sie jedoch in Singapur, und die gesammelten Daten werden im Unterschied zu den Informationen der Douyin-Nutzer auf Servern außerhalb Chinas gespeichert.

Die Angst ist groß vor dem, was man das Huawei-Dilemma nennen könnte. Der chinesische Netzwerkausrüster beteuert dieser Tage immer wieder, in keinem Fall Kundendaten an den Staat weiterzugeben. Die Gesetzeslage in der Volksrepublik ist jedoch eindeutig: Sehen die Behörden die nationale Sicherheit bedroht, erlaubt ihnen das chinesische Nachrichtendienstgesetz Unternehmen, aber auch Einzelpersonen, zur Kooperation zu verpflichten und Geheimhaltung anzuordnen. Ob die Singapur-Konstruktion den chinesischen Staat wirklich abhält? Wertvolle Daten über die Vorlieben von Millionen Menschen hat Tiktok jedenfalls bereits beisammen.

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