Waffen als Emoji Sie schießen nur mit Wasser

Das neue Waffen-Symbol von Twitter ist grün, spaßig und harmlos.

(Foto: OH)

Ein Tweet kann eine Waffe sein: Facebook und andere Tech-Firmen entschärfen das Revolver-Emoji, um das Netz ein bisschen ziviler zu machen.

Von Katharina Kutsche

Derzeit aktualisieren mehrere große Tech-Firmen ihre Emojis - jene Bildchen, die für manche als ein weiteres Indiz gelten, dass die Zeiten des gepflegten intellektuellen Austauschs vorbei sind. Wie politisch Emojis aber sein können, im besten Falle also eine Konversation verändern können, zeigen gerade Twitter, Google und andere: Die Unternehmen entschärfen das Schusswaffen-Symbol und ersetzen es mit einer Wasserpistole.

Emojis, japanisch für Bildschriftzeichen, sind die Weichmacher der digitalen Kommunikation. Von Angesicht zu Angesicht senden Menschen Botschaften nicht nur durch das Gesagte, sondern auch durch Ton und Körpersprache. In der Netzwelt fällt das weg, Emojis helfen, das Nonverbale zu übertragen. Der Vorwurf "Du nervst" etwa liest sich für sich genommen härter, als wenn er mit einem Smiley, einem Grinse-Gesicht daherkommt. Böse Botschaften werden mithilfe von Emojis ebenso verstärkt. Da ist es im Kampf gegen Hass im Internet durchaus ein Signal, das Bildchen ins Lächerliche zu ziehen.

Sylvia Jaki ist Sprachwissenschaftlerin an der Universität Hildesheim und entwickelt gemeinsam mit einem Kollegen der Antwerpener Universität ein Programm, das automatisiert Hassrede in Tweets erkennt. Der Algorithmus wurde dafür mit mehr als 50 000 Twitter-Profilen gefüttert, Jaki wertete zusätzlich 2000 Tweets von Hand aus. Darin spielen auch Emojis eine Rolle, vor allem der Kothaufen, die Faust oder der hochgereckte Mittelfinger. "Ein Emoji macht einen Tweet nicht zur Hate Speech. Der Tweet wäre das auch so", sagt Jaki. "Aber es hat eine intensivierende Wirkung." Wer eine beleidigende Nachricht, garniert mit einem Revolver-Emoji, bekommt, könnte das als Drohung empfinden. Allerdings: "Vielen Hate-Profilen geht es eher um Stimmungsmache, weniger um konkrete Bedrohung", sagt Jaki.

Die Bildchen wirken intensiver als reine Information

Vorreiter der Umstellung ist Apple. Der iPhone-Hersteller hat schon 2016 mit dem Betriebssystem iOS 10 den stilisierten Revolver gegen das Kinderspielzeug ausgetauscht - ein Beitrag gegen die Waffengewalt in den USA, gefordert von den Nutzern (#DisarmTheiPhone, entschärft das iPhone). Doch jedes Betriebssystem und viele Apps haben eigene Schriftarten. Nutzer eines iPhones verschickten also eine Wasserpistole, Besitzer von Smartphones mit Android- oder Microsoft-Betriebssystem sahen eine scharfe Waffe. Samsung und der Messengerdienst Whatsapp folgten Apples Vorbild, zeigen eine quietschgrüne oder braune Spielzeugpistole. Nun ziehen innerhalb weniger Wochen Twitter, Google, Microsoft nach, zuletzt Facebook.

Emojis können Sprachbarrieren überwinden. Im Idealfall spiegeln sie, was real ist. Etwa bei den Familien-Motiven, die nicht mehr nur Vater/Mutter/Kind zeigen, sondern auch Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern. Oder bei den Berufs-Emojis, die jeweils Mann und Frau abbilden. Für jedes Menschenbild sind unterschiedliche Haut- und Haarfarben hinterlegt. Die Botschaft: Hier soll sich jeder wiederfinden.

Linguistin Jaki sagt, "Kommunikation wird visueller." Emojis sind dabei von großer Bedeutung. Ihre wichtigsten Funktionen: Sie sparen dem Schreiber Zeit. Und man kann mit ihnen Wertungen nachvollziehen, verstehen, wie jemand etwas gemeint hat. "Wir denken in Emotionen", so Jaki. "Die sind uns viel näher als die reine Information."

Nach den jüngsten Amokläufen an amerikanischen Schulen wird die Debatte über Waffengewalt und schärfere Gesetze höchst emotional geführt.

Man kann die Updates bei Twitter und den anderen also als kleinen Debattenbeitrag sehen: Waffen haben bei uns keine Lobby. Trotzdem können Nutzer natürlich weiterhin Waffenfotos verschicken oder das Wort ausschreiben anstatt es zu ersetzen. Außerdem sind unter den Emojis weiterhin eine Bombe mit brennender Lunte und ein Küchenmesser zu finden.

Was seinen Weg in die Betriebssysteme findet, entscheidet das Unicode-Konsortium: eine gemeinnützige Organisation, die 1991 gegründet wurde und ihren Sitz im kalifornischen Mountain View hat.

Vom Smiley bis zur Kloschüssel

Unicode ist ein Standard, in dem jedem Schriftzeichen ein digitaler Code zugeordnet wird. Gelistet sind sowohl gängige Schriftarten wie lateinisch oder kyrillisch, aber auch historische wie das gotische oder das phönizische Alphabet. Seit Oktober 2010 werden im Unicode 6.0 auch Emojis erfasst - bis heute etwa 2000 Stück vom einfachen Smiley über die Bildchen beliebter Lebensmittel bis hin zur stilisierten Kloschüssel.

Mitglied im Konsortium werden kann im Prinzip jeder, auch Privatpersonen. Wer voll stimmberechtigt sein möchte, muss allerdings 18 000 Dollar pro Jahr zahlen. Das tun so ziemlich alle großen Tech-Firmen: Apple, Microsoft, Google, Adobe, IBM genauso wie Netflix, SAP, Huawei und Facebook. Vorsitzender des Konsortiums ist Mark Davis, Software-Architekt bei Google. Twitter ist assoziiertes Mitglied ohne Stimmrecht.

Unicode bestimmt nicht über das Design. Es legt fest, was codiert wird - und was nicht. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro etwa sollte ein Gewehr-Emoji eingeführt werden, dazu ein Symbol für Modernen Fünfkampf, in dem ein Sportler eine Pistole im Anschlag hat. Apple sprach sich jedoch vehement gegen beide Waffen-Emojis aus. Microsoft unterstützte die Forderung, das Konsortium folgte.

Letztlich werden sich weder die Waffen-Lobby noch Netz-Provokateure von Emojis beeinflussen lassen. Doch in einer Zeit, in der man zweifeln kann, ob Tech-Firmen eine Haltung haben und wenn ja, welche, ist ein Kinderspielzeug anstelle eines Revolver zumindest nett anzusehen.

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