Vorwürfe gegen Porno-Webseite:Pornhubs dunkelste Nischen

Messestand der Pornoseite "Pornhub" auf der dmexco 2019

Pornhubs Marketing-Abteilung versucht, die Webseite aus der Schmuddelecke zu holen. Doch es gibt immer neue Vorwürfe.

(Foto: Christoph Hardt/imago)

Nach Vorwürfen, die Plattform verbreite Videos von Vergewaltigungen Minderjähriger, muss das Porno-Imperium Mindgeek um Geldströme fürchten.

Von Jannis Brühl

Neben den Weltmarken Google, Facebook und Amazon gibt es Mindgeek, die Schattenmacht des Internets. Das Unternehmen wird von Montreal aus gesteuert, hat seinen rechtlichen Sitz in Luxemburg und betreibt mehrere der größten Porno-Webseiten der Welt. Die bekannteste unter ihnen ist Pornhub, in Deutschland steht die Seite auf Platz 27 der meistbesuchten Webseiten.

Seit dem Wochenende könnte aber ein wichtiger Geldfluss an diese Seite wegfallen. Die Kreditkartenfirmen Visa und Mastercard prüfen, ob sie weiterhin Zahlungen für die Seite abwickeln wollen - oder nicht. Paypal hatte schon vor einem Jahr entschieden, Zahlungen an die Plattform zu blockieren.

Auslöser ist der Artikel "Pornhubs Kinder" des Journalisten Nicolas Kristof in der New York Times. Er beschreibt das Trauma mehrerer Frauen, die er interviewt hat: Seit Jahren leiden sie darunter, dass Männer Videos auf Pornhub stellten, die sie als Minderjährige nackt oder beim Sex zeigen - oder sogar dabei vergewaltigt zu werden. Wenn sie den Seitenbetreibern gemeldet und gelöscht würden, tauchten sie bald wieder auf der Webseite auf. Zudem hätten Hunderttausende Fremde die Möglichkeit, ihre Videos von den Seiten herunterzuladen. Das Unternehmen mache einen Teil seines Umsatzes von Hunderten Millionen Dollar mit der Vergewaltigung Minderjähriger, schreibt Kristof.

Neben Pornhub gehören weitere Pornoseiten zum Mindgeek-Imperium. Sie haben das Plattform-Prinzip von sozialen Netzwerken wie Facebook und Online-Händlern wie Amazon auf Pornografie übertragen: Jeder Nutzer - ob mit kommerziellen Interessen oder ohne - kann Videos hochladen und verbreiten. Vor die Millionen Videos schaltet Pornhub Werbung oder bietet gegen Geld ein Abo mit noch mehr Videos an. Dadurch hat Mindgeek quasi im Alleingang das Geschäft klassischer Porno-Firmen und -Agenten zerstört, die bis kurz nach der Jahrtausendwende mit Videos und DVDs gutes Geld verdienten.

Durch seine Datensammlung über die Vorlieben von Millionen von Menschen verfügt wohl kaum ein Unternehmen über mehr Daten über die sexuellen Fantasien der Menschen als Mindgeek. Weitreichende Schlagwortsysteme, die jedes Video mehreren Kategorien zuordnen, bedienen jedes Interesse.

Kristof fand heraus, wie prominent Pornografie etwa unter dem Schlagwort "teen" auf der Seite zu finden ist. Wie viele der gefilmten Frauen tatsächlich unter 18 Jahre alt sind, ist unklar, doch solche Möglichkeiten der Schlagwortsuche ziehen ihm zufolge Menschen an, die kriminelles Material suchten. Zudem hatten US-Polizisten in den vergangenen Jahren in mehreren Fällen Erwachsene festgenommen, die Videos missbrauchter Kindern auf Pornhub hochgeladen hatten.

Pornhub wehrt sich gegen die Vorwürfe

Darstellerinnen berichten seit Jahren, dass die nach Vorlieben sortierte Welt der Plattformen sie dazu bringt, immer härtere Szenen zu drehen. Für jede Nachfrage wird etwas angeboten - oder, wenn es nach Pornhub geht: für fast jede. Bei Kinderpornografie zeige man Null Toleranz, erklärt der Anbieter in einer Stellungnahme und weist Kristofs Vorwürfe als "unverantwortlich und offenkundig unwahr" zurück. Vermeintlich "saubere" Plattformen wie Facebook oder Instagram hätten jedes Jahr Millionen Fälle von Material, das Kindesmissbrauch zeigt, gefunden, Pornhub aber nur 118. Diese niedrige Zahl - die von der NGO "Internet Watch Foundation" stammt - nennt auch Kristof in seinem Artikel - aber als Beleg dafür, dass mit den Kontrollmechanismen auf Pornhub etwas nicht stimmen könne.

Pornhub erklärt auch, Moderatoren würden alle hochgeladenen Videos prüfen und illegale Aufnahmen entfernen. Wie viele Moderatoren es sind, verrät das Unternehmen nicht. Kristof schreibt, es könnten wohl kaum genug sein, um die mehr als eine Million Stunden Videomaterial zu sichten, die jede Woche hochgeladen werden. Das Geschäftsmodell biete dem Unternehmen Anreiz, möglichst viele Videos aus dem Graubereich durchzulassen.

Nach eigenen Angaben nutzt Pornhub auch automatisierte Kontrollsysteme wie PhotoDNA von Microsoft oder Technik des Unternehmens Vobile. Sie greifen auf Archive bereits bekannter Fotos und Videos von Kindesmissbrauch zurück, erkennen diese, wenn sie hochgeladen werden, um sie umgehend wieder zu löschen. Eine Recherche von Vice zeigte im Frühjahr aber, wie einfach es ist, zumindest das Vobile-System durch kleine Veränderungen in Videos auszutricksen.

Kristofs Artikel provozierte nun auch Kritik. Sam Thielman, Reporter für Technologie beim Guardian, schrieb, Kristof habe so viele schockierende Details in seinen Text gepackt wie möglich - inklusive Tipps, mit welchen Suchanfragen man an die problematischen Videos kommen könne: "Es ist, als hätte er eine Anleitung zum Bombenbasteln veröffentlicht." Kristof habe sich auch zum Handlanger christlich-fundamentalistischer Gruppen machen lassen, die sich in ihrer Anti-Pornografie-Kampagne auf Pornhub eingeschossen hätten.

Streit um die juristische Grundlage des Social Web

In den USA gibt es seit Jahrzehnten Versuche religiöser Gruppen, Pornografie zu zensieren, die Erwachsene beim freiwilligen Sex zeigt - auch wenn das durch den Ersten Verfassungszusatz zur Redefreiheit geschützt ist. Kristofs Artikel aus dem Meinungsteil der New York Times besteht nicht nur aus seiner Recherche, er enthält auch Forderungen: Nicht nur Banken und Suchmaschinen sollten Pornhub sanktionieren, sondern auch Justin Trudeau, als kanadischer Ministerpräsident für das Unternehmen aus Montreal zuständig.

In Deutschland versucht unterdessen Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien in NRW Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen, Mindgeek-Webseiten zu zwingen, Zugangsbeschränkungen einzuführen, damit Kinder sie nicht aufrufen können.

In den USA ist die Debatte über die Verantwortung der Online-Plattformen hochpolitisch und geht weit über die Porno-Branche hinaus. Abgeordnete aus beiden großen US-amerikanischen Parteien und der künftige Präsident Joe Biden haben Pläne, Section 230 abzuschaffen, jene Gesetzespassage, die Betreiber von Plattformen von der Haftung für Inhalte befreit, die ihre Nutzer dort veröffentlichen. Sie gilt gemeinhin als die eine Regel, die das Internet in seiner heutigen Form ermöglicht hat. Wird sie gekippt, steht das Geschäftsmodell von Facebook, aber auch von Seiten wie Pornhub in Frage.

© SZ
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