Virtuelle Welten Mehr sehen als nur die Realität

Sie, Microsoft-Mitarbeiter, sehen was, was Sie nicht sehen.

(Foto: AP)
  • Seit Jahren arbeiten Entwickler an Projekten, in denen virtuelle Welt und Realität verschwimmen sollen. Jetzt wird die Technik reif für den Massenmarkt.
  • Die Anwendungsmöglichkeiten sind nahezu unerschöpflich: Virtuelle Jogging-Duelle sind nur ein denkbares Szenario.
  • Manchen wird schummrig, wenn sie die Brille aufsetzen. Doch ein Projekt soll das Problem bereits behoben haben.
Von Helmut Martin-Jung

Auf den Straßen von Los Angeles fing es an. Die Journalistin Nonny de la Peña hatte eine Mitarbeiterin zur Essensausgabe an der First Unitarian Church geschickt, um Stimmen zu sammeln für eine Geschichte über hungernde Menschen in L.A. Doch was die Praktikantin mitbrachte, war ein einzigartiges Tondokument. In der Schlange brach ein Mann zusammen. Und keiner kümmerte sich, einige mogelten sich nach vorne, auch die Sanitäter unternahmen - nichts. Das ist erschreckend, es ist schlimm, Berichte darüber zu lesen.

Doch was de la Peña daraus gemacht hat, verleiht der Szene noch eine ganz andere Dimension. Sie baute das Geschehen mit Software nach, wie sie für Computerspiele verwendet wird und ließ synchron dazu den Originalton laufen. Die Betrachter bekommen eine 3-D-Brille auf und einen Rucksack mit technischem Gerät umgeschnallt. Dass man den Rucksack trägt, vergisst man schnell. Man kann sich in der Szene frei bewegen, ist mitten unter den Armen, die anstehen, hört ihre Gespräche, erlebt die Ausweglosigkeit und ist am Ende viel stärker bewegt, als hätte man die Szene bloß gelesen oder im Fernsehen gesehen.

Zukunft mit Augmented Reality

Die ganze Welt ein Bildschirm

De la Peñas jüngstes Projekt, "Syria", lief gerade auf dem renommierten Sundance Festival. Wer in "Syria" eingetaucht ist, versteht auf emotionaler Ebene, wie dramatisch die Situation der Menschen ist. Die Mischung aus künstlicher und realer Welt wirkt deshalb so besonders stark, weil so viele Sinne gleichzeitig angesprochen werden und so das Gefühl entsteht, man sei mittendrin.

Seit vielen Jahren wird an Systemen gearbeitet, die die Nutzer eintauchen lassen sollen in andere Welten, oder die reale und virtuelle Welt ineinandergleiten lassen. Doch nun wird die Technik allmählich reif für den Massenmarkt und für professionelle Anwendungen.

Arbeiter auf Ölplattformen setzen bereits Brillen ein, um die Hände frei zu haben

Als der Microsoft-Konzern vor kurzem einen weiteren Blick auf sein neues Betriebssystem Windows 10 gewährte, überraschte er nicht mit dessen Fähigkeiten, sondern mit einem Zusatzgerät, genannt HoloLens. Es ist eine Brille, durch die man auf die reale Welt blickt, in die aber auch Virtuelles eingeblendet werden kann. Transparente Bedienoberflächen, die man mit Gesten oder Sprachkommandos bedient, Gegenstände, die sich manipulieren lassen. Oder ein Fernsehbildschirm, der einfach dort erscheint, wo eine gleichmäßige helle Fläche ist - das Potenzial ist nahezu unerschöpflich. So unerschöpflich, dass Microsoft unmöglich alles selbst ausprobieren kann. Die Technologiefirma ruft daher Entwickler und Start-ups dazu auf, über Szenarien nachzudenken, wie die HoloLens über eine paar naheliegende Anwendungsmöglichkeiten wie etwa Spiele hinaus eingesetzt werden könnte.

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Die japanische Firma Epson hat ein ähnliches Gerät schon auf dem Markt. Allerdings ist die Auflösung der virtuell eingeblendeten Bilder nicht sehr hoch und zur Steuerung braucht man ein kleines Zusatzgerät, das über Kabel mit der - ziemlich klobigen - Brille verbunden ist. Sie wird zum Beispiel in der Energiebranche eingesetzt, um etwa einem Arbeiter auf einer Bohrplattform bei Reparaturarbeiten zu zeigen, wo er das Werkzeug ansetzen muss. Der Vorteil ist klar: Die Schrauben, die es zu lösen gilt, werden virtuell eingefärbt, so dass sie nicht zu verfehlen sind. Die Hände aber bleiben frei. Meistens jedenfalls. Oder man nutzt ein System, wie es die finnische Firma Augumenta entwickelt. Es blendet in die Ansicht Bedienoberflächen ein, zum Beispiel eine Zehnertastatur oder eine Auswahl von Schaltflächen, die man mit Gesten wie etwa Daumen hoch steuern kann. Auch beim Militär, wo die Anzeigen an den Scheiben von Kampfflugzeugen erstmals eingesetzt wurden, hat man Interesse an dieser Technik.